Kakao mit Orangensaft

Herzlich willkommen zum wöchentlichen Gedächtnistraining." Herzlich eröffnet Stefanie Zistl die Runde. Sechs Damen, alle adrett in Pastell gekleidet und mit klassischer Dauerwelle, blicken erwartungsvoll zu der zierlichen jungen Frau. "Um das Gehirn aufzuwärmen, beginnen wir mit einem Quiz", erklärt die Leiterin. Den Fragen, etwa nach einer Farbe mit Anfangsbuchstaben F oder einer Eissorte mit P, wird konzentriert nachgegangen. "Das ist heute aber echt schwer", sagt eine Teilnehmerin. Eine rechtfertigt sich: "Ich darf kein Eis essen, darum weiß ich die Antwort nicht." Doch nach kleinen Hilfestellungen lassen sich fast alle Antworten finden. Was zuerst nach einem Kaffeeklatsch aussieht, ist in Wahrheit harte Arbeit für die Bewohner des Marienheims Glonn bei München. Sie leiden an Demenz. Laut Statistik sind mehr als ein Drittel der über 80-Jährigen betroffen. Der lateinische Begriff "dementia" heißt übersetzt "weg vom Geist", "ohne Geist". Orientierungsprobleme, Verwirrtheit, sprachliche Barrieren sowie die zunehmende Unfähigkeit, Alltagsprobleme zu lösen, stellen nur die häufigsten Symptome dar. Sie werden oft erst spät erkannt, wie Christiane Meyer, Krankenschwester mit Validations-Ausbildung, sagt, "erst wenn der Patient den Kakao auf einmal statt mit Milch mit Orangensaft aufgießt". Nach der anstrengenden Quiz-Runde gibt es zur Stärkung Kuchen und Kaffee, pünktlich um halb zwei, wie jeden Tag. Stefanie Zistl sagt, dass feste Tagesabläufe wichtig sind: "Da werden einige schon nervös, wenn der Kaffee nicht um Punkt halb zwei da ist." Wichtig sind auch örtliche Orientierungspunkte, wie der "In-Treff" der Station. Nach dem Training zieht es die Damen nicht auf ihre Zimmer. Sie reihen sich auf den drei Bänken im Gang auf, jedoch ohne eine Wort zu sagen. Für Lautstärke sorgen nur zwei Kanarienvögel. Das liegt, wie Christiane Meyer erklärt, daran, dass Demenzerkrankte meist im Kommunikationsbereich stark eingeschränkt sind, dennoch auf Gesellschaft nicht verzichten wollen und so auch ohne Kommunikation eine Art Präsenzmilieu erhalten. Um das den Bewohnern zu ermöglichen, gibt es die Alltagsbetreuer wie Stefanie Zistl und Christine Zollner, qualifizierte Alltagsbegleiterin. Das Konzept des Caritas-Alten- und Pflegeheims beschreibt die Aufgabe der Alltagsbegleiter so, dass "lebensnahe, haushaltsbezogene Begleitung der Bewohner in einer kleinteiligen häuslichen Struktur ermöglicht wird, orientiert und nah an den bisherigen Lebensgewohnheiten und Präferenzen der Bewohner". Im Einzelfall bedeutet das handarbeiten, vorlesen, kochen und backen oder einfach gemeinsam singen und musizieren. Christine Zollner arbeitet im beschützten Bereich des Pflegeheims und kümmert sich um Patienten, bei denen die Krankheit weit fortgeschritten ist. Hier ist besonders wichtig, die Bewohner direkt anzusprechen, zum Backen zu animieren und sie, so wortwörtlich, an die Hand zu nehmen. Da passiert es dann auch schnell, dass beim Backen Erinnerungen an früher geweckt werden. "Nein, so muss das gemacht werden, so haben wir es früher auch gemacht", heißt es, wenn der Teig anders ausgestochen wird. Den meisten Angehörigen fällt es sehr schwer, sich in die Situation des Patienten hineinzufühlen. Hier hilft die Pflegetechnik der Validation. Übersetzt meint Validation, den anderen wertzuschätzen, und bedeutet, sich in seine Welt hineinzuversetzen. Man soll "in die Schuhe" des Erkrankten schlüpfen, "mit seinen Augen sehen". Das heißt, bei verwirrten Patienten, die nach ihrem verstorbenen Mann fragen, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Christiane Meyer sagt: "Man kann sich ja selbst überlegen, ob man dreimal am Tag gesagt kriegen will, dass der Ehepartner gestorben ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kakao mit Orangensaft
Autor
Lena Müller, Gymnasium, Grafing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2010, Nr. 232 / Seite N6
Projekt
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