Wenn Büffel im Spessart baden gehen

Sie sind genügsam und sehen urig aus, die Wasserbüffel, die im Spessart als vierbeinige Landschaftspfleger im Einsatz sind. Aber nicht allen gefallen die robusten Paarhufer im Hafenlohrtal. Es ist ein diesiger, grauer Morgen im Hafenlohrtal, als ein Mann mit knallgrüner Windjacke an einem Zaun entlangläuft. Ihm gegenüber liegt der Jugendzeltplatz der Gemeinde Windheim. Immer wieder wird er von einem tiefen, langgezogenen und durchdringenden Grunzen begleitet. "Das ist Fanny, die Leitkuh", erklärt Christian Salomon, Diplom-Geograph mit dem Schwerpunkt Ökologie/Vegetationskunde und sogenannter Gebietsbetreuer für Grünland im Naturpark Spessart. Durch vereinzelte, die Hafenlohr säumenden Bäume beäugen ihn neugierig große, schwarze Paarhufer. Sie haben ein exotisches und zugleich uriges Aussehen und seit dem Sommer vor vier Jahren im Talgrund eine neue Heimat - die Wasserbüffel aus dem Hafenlohrtal.

Die zwölfköpfige Herde macht nur einen kleinen Prozentsatz der in Deutschland lebenden etwa 3000 Wasserbüffel aus. Die Tiere haben die Aufgabe, ein artenreiches, offenes Wiesental zu erhalten. Sie sind die vierbeinigen Landschaftspfleger des Hafenlohrtals. "Der Grund für die Haltung der Wasserbüffel im Tal liegt in der Geschichte", erklärt Salomon, der nebenher als Gutachter, Kartierer und Projektmanager für Gemeinden Landratsämter und Landschaftspflegeverbände arbeitet.

Nachdem der technische Fortschritt in die Landwirtschaft Einzug hielt, gerieten die kleinen Wiesen mit nassem Untergrund Mitte des 20. Jahrhunderts ins Hintertreffen: Zu aufwendig war die Bestellung der Wiesen, zu klein ihre Größe, um wirtschaftliche Erträge abzuwerfen. Doch sollten sie nicht ungenutzt brachliegen. So wurden standortfremde Fichtenkulturen angepflanzt - mit gravierenden Folgen für das Landschaftsbild und die Lebensgemeinschaften des Talraumes. Im Rahmen der Talrenaturierung wurden schließlich vor fünf Jahren mehr als zehn Hektar der standortfremden Nadelbäume im Tal wieder gerodet. Diese Flächen werden nun durch extensive Beweidung mit Ziegen und Wasserbüffeln offengehalten.

Dass die Wasserbüffel ihrem Namen alle Ehre machen, beweist das Erlebnis mit dem ehemaligen Zuchtbullen aus dem Tal: Der Besitzer der Wasserbüffel konnte an einem warmen Frühlingstag den Bullen einfach nicht ausfindig machen und suchte das gesamte Gebiet der Weide ab. Schließlich fand sich der Bulle genüsslich badend in einem tieferen Nebenarm der Hafenlohr. Mehr als zwei Stunden verharrte er im Bach und verschaffte sich wohltuende Kühlung. "Wasserbüffel sind robuste und sanftmütige Tiere", erklärt Salomon. "Deswegen eignen sie sich auch sehr gut für die ganzjährige Haltung im Freien." Denn Büffel kommen auch mit harten Wintern und starken Minusgraden zurecht, solange ihnen eine trockene, weiche Liegefläche zur Verfügung steht. Beobachtungen zeigten, dass das Leben der Büffelherde bei Tagestemperaturen um minus 15 Grad und Nachttemperaturen bis minus 25 Grad keinerlei Beeinträchtigungen hat. Doch nicht nur ihre Robustheit ebnete ihnen den Weg ins Tal. Die ursprünglichen Bewohner von Auen- und Sumpflandschaften sind für das Leben auf feuchtem Untergrund geradezu prädestiniert. Durch ihren breiten Auftritt sinken sie weniger tief in weichem Boden ein, als etwa gleichgroße andere Rinderrassen. Ihre harten Klauen weichen bei dauerhafter Nässe nicht auf. Sie haben ein effektives Verdauungssystem, um auch von faserreichen und krautigem Gras wie Binsen, Schilf und Sauergräsern leben zu können.

Wo Projekte entstehen, die großes Interesse erzeugen, lassen Gerüchte nicht lange auf sich warten. Ein Ereignis ist Salomon besonders im Gedächtnis geblieben: "Ich bekam einen Anruf mit der verhängnisvollen Botschaft, dass alle Büffel ausgebrochen waren und sie dann erschossen werden mussten, weil sie sich nicht einfangen ließen. Es stellte sich bald heraus, dass das nur ein Ammenmärchen war. Ärgerlich, ganz klar, aber mittlerweile kann ich drüber lachen."

Bald gab es erste Erfolge im Tier- und Pflanzenartenschutz. "Durch regelmäßige Untersuchungen haben wir beispielsweise festgestellt, dass die bewachsene Fläche des seltenen Sumpffarns sich von 2008 bis zum Jahr 2011 fast fünfzehnfach vergrößert hat. Ein aktuelles Beispiel sind die Laichballen des hierzulande heimischen Grasfrosches. Diese sind seit drei Jahren stetig angestiegen. Heuer waren es über 700 Laichballen, vor zwei Jahren erstmals über 600." Auch Libellenarten und die Vogelwelt profitieren offensichtlich von Paarhufern.

Trotz der großen Erfolge gäbe es auch die andere Seite der Medaille, sagt Salomon. "Wir kämpfen auch nach vier Jahren dieses erfolgreichen Pilotprojekts immer noch gegen Vorurteile und Ängste. Eine typische Aussage lautete kürzlich in der Tagespresse: ,Wasserbüffel gehören genauso wenig in den Spessart wie Giraffen'." Doch im Gegensatz zu Giraffen seien die Büffel nicht nur klimatisch an Mitteleuropa angepasst, sondern hier einst sogar als Wildtiere heimisch gewesen. Auch Befürchtungen, dass zum Beispiel eine Nährstoffbelastung der Hafenlohr entstehen könne, der Niedergang der Fischbestände eingeleitet werde oder keine artgerechte Haltung der Büffel bestehe, hätten sich nach Prüfung durch Fachstellen als unbegründet erwiesen. Im Spessart seien solche Naturschutz-Ansätze eben noch ungewohnt.

Deshalb gibt es Informationsveranstaltungen. "Im letzten Jahr sind auf vier Exkursionen 140 Teilnehmer erschienen. Alle waren begeistert von der Büffel-Beweidung. Trotzdem müssen wir sachlich bleiben, Kritik ernst nehmen und auf Verbesserungsbedarf reagieren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn Büffel im Spessart baden gehen
Autor
Corina Leuze
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2013, Nr. 145, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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