Geschossen wird, wenn das Tier ruhig und frei steht

Die Dämmerung ist schon über den Bayerischen Wald gesunken, als plötzlich ein Schuss die Stille zwischen den Bäumen im Dreisesselgebiet zerreißt. Kurz darauf klingelt das Telefon im heimischen Neureichenau, und alle Familienmitglieder fahren unverzüglich zur angegebenen Stelle in den Wald hinein. Gerhard Lichtenwald erwartet sie schon. Mit seinem grünen Jägerhut und der grünen Filzjacke hebt er sich kaum von der Umgebung ab. Sein Hund Bürschi sitzt schwanzwedelnd neben ihm, das rotbraune, glänzende Fell ist kurz, trotzdem haben sich Blätter darin verfangen. Seit mehr als 30 Jahren ist Gerhard Lichtenwald Forstbeamter und Jäger in Bayern, sein Forstamt liegt in Waldkirchen, in der Nähe Passaus. Das war schon seit seiner Kindheit sein Traumberuf, deshalb entschloss er sich nach seiner Zeit bei den Gebirgsjägern bei der Bundeswehr zum Studium der Forstwissenschaft an der LMU München. Der Jagdschein war Einstellungsvoraussetzung für den Forstdienst.

Die Familie folgt dem 60-Jährigen auf einem fast unkenntlichen Trampelpfad in den Wald. Inzwischen ist es dunkel geworden. Nur die Taschenlampen und der Mond erhellen die Nacht. Jagdsaison ist hauptsächlich in der Zeit von Juni bis Dezember. In diesen Monaten dürfen Jäger die freigegebenen Stücke erlegen, Schonzeit haben jedoch Muttertiere, die ihre Jungen führen. Geschossen wird nur, wenn das Tier ruhig und frei steht, so dass man sicher einen sofort tödlichen Schuss anbringen kann, bei dem lebenswichtige Organe getroffen werden. So soll es schnell und schmerzlos sterben.

Nach fünf Minuten fängt Bürschi an zu bellen, er gibt Laut: Er hat die Beute wiedergefunden. Vor den Helfern liegt ein jüngerer Hirsch. Den Bauch hat Lichtenwald bereits vor dem Anruf daheim aufgeschnitten oder, wie der Jäger sagt, aufgebrochen. Denn die Innereien müssen sofort nach dem Tod des Tieres herausgenommen werden, da sie schnell verderben. Das Gras ist mit Blut befleckt.

Die Jagd ist wichtig für den Wald. "Sie dient dazu, Verbissschäden zu vermeiden", erklärt der naturliebende, gebürtige Münchner. "Als Forstmann sieht man es ungern, wenn teuer gepflanzte Bäume von Wildtieren angefressen werden." Als Inhaber eines Pirschbezirkes, das heißt eines kleinen Jagdbezirkes, den man gegen Bezahlung von den Bayerischen Staatsforsten zugeteilt bekommt, muss er eine bestimmte Anzahl von Wild erlegen. Fast immer gelingt ihm das. Freudig schnüffelt Bürschi am offenen Bauch des Hirsches. Der Geruch des Blutes macht ihn aufgeregt, denn er ist erst ein halbes Jahr alt, der Hirsch erst sein zweiter. Es gibt ein Sprichwort unter Jägern: Jagd ohne Hund ist Schund. Das bestätigt Lichtenwald: Jagdhunde dienten dazu, die getroffenen Tiere wiederzufinden, wenn sie erst nach mehreren hundert Metern sterben. Im Wald sind dafür am besten Dackel, Wachtelhunde oder Bracken geeignet, so wie Bürschi. "Das Wichtigste, was ein Jagdhund beherrschen muss, ist Spurlaut. Das heißt, er muss immer wieder Laut geben, wenn der Hund auf der Spur des Wildes ist. So weiß der Jäger, wo sich Beute und Hund befinden, und kann folgen."

Nun werden die mitgebrachten Stricke an den Vorderläufen des Hirsches befestigt, ein starkes Seil wird um den Hals geschlungen. Jetzt ist Muskelkraft gefragt. Ein Helfer geht mit dem Hund an der Leine voraus und leuchtet den Weg aus. Die drei anderen haben jeweils ein Seil gepackt und folgen. Das Tier ist schwer, außerdem verfangen sich die Hinterläufe oder das Geweih immer wieder in Wurzeln oder Sträuchern. Bald ist das einzig hörbare Geräusch das erschöpfte Keuchen der Träger.

Die Jagd ist nicht die einzige Aufgabe eines Försters. Dazu gehören auch Waldbewirtschaftung, Forstaufsicht, Öffentlichkeitsarbeit oder der Waldwegebau. "Auch Waldpädagogik ist wichtig. Das ist zum Beispiel die Ausrichtung der Waldjugendspiele, bei denen Kindern der Wald und seine Bedeutung nähergebracht werden", erklärt Lichtenwald. In seiner Freizeit liest er gerne. Auch Fahrradtouren rund um das Donaugebiet und Bergsteigen sind Lieblingsbeschäftigungen. Vergangenes Jahr hat er mit seiner Frau den Großglockner bestiegen.

Endlich ist es geschafft. Der Hirsch wird in eine große Plane eingewickelt, in den Kofferraum gehievt und in den Zerwirkraum des Forsthauses von Neureichenau gebracht, das im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und Tschechien liegt. Dort gibt es einen Seilzug, mit dem man die Beute an der Decke aufhängen kann. Das Blut tropft auf die Fliesen und wird mit Wasser fortgespült.

Lichtenwald weiß, dass nicht alle Menschen die Jagd befürworten. Viele sagen, sie würden es nicht über sich bringen, ein Wildtier zu töten. Doch meistens akzeptieren sie es, wenn er ihnen erklärt, dass es sinnvolle Gründe für die Reduzierung von Wild gibt: Am wichtigsten ist der Schutz vor Verbissschäden. Außerdem, fügt er oft lachend hinzu, gäbe es ohne Jagd ja auch kein Wildbret. Der Hirsch wird gewogen: 50 Kilo, eine gute Beute. Der Preis dafür beträgt um die 250 Euro. Käufer sind Restaurants oder Privatpersonen, die das Tier im Ganzen kaufen und es dann selbst zerwirken und auslösen. Das Fell wird abgezogen und entweder weggeworfen oder, wenn es nicht vom Einschuss unbrauchbar gemacht wurde, zu Leder weiterverarbeitet. Auch der Schütze müsste den gleichen Betrag an die Bayerischen Staatsforste zahlen, wenn er das Tier behalten wollte. Nur die Innereien gehören ihm. Darüber freut sich vor allem Bürschi, denn Pansen, also Hirschmagen, ist sein Leibgericht. Für den Menschen riecht roher Pansen allerdings nicht sehr appetitlich.

Nicht jede Jagd ist erfolgreich. Manchmal wartet der Forstmann mehrere Tage nacheinander auf seinem Hochsitz, ohne dass ein geeignetes Ziel erscheint. Einmal saß er auf einem Hochsitz in der Dämmerung, sein damaliger Dackel Mila schlief unten. Plötzlich trat ein Rehbock auf die Lichtung, legte sich zehn Meter von Mila entfernt ebenfalls auf den Boden und schlief ein. Mila, die schon etwas älter war, bekam davon nichts mit. "Als die beiden so friedlich nebeneinander schliefen, konnte ich den Rehbock einfach nicht mehr erlegen", sagt der Jäger schmunzelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geschossen wird, wenn das Tier ruhig und frei steht
Autor
Katharina Wohlfart
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2013, Nr. 145, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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