Zitterpartie im Zeitlupentempo

Mit leichten Schritten eilt Petra Neu die Stufen zur Wolfsburg AG hinauf. Ihr Ziel: der Alterssimulationsanzug. Die drahtige, dunkelhaarige Redakteurin soll für ihren Radiosender testen, wie sich eine 80-Jährige in der Gegenwart zurechtfindet, die für die Jungen und Agilen maßgeschneidert ist. Alte und Gebrechliche scheitern oft schon am zu hohen Bürgersteig. Nur mit Mühe können sie sich in ihr eigenes Auto hieven und die Lieblings-Müsli-Sorte im Supermarkt-Regal ist ohne Hilfe unerreichbar. Die Welt muss neu erfunden werden - für alte Menschen, von denen es in Deutschland bald sehr viele geben wird. Und dabei soll der Alterssimulationsanzug Max, Modularer Alterssimulationsanzug extra, helfen. "Der Alterssimulationsanzug wurde ursprünglich für die Automobilindustrie im Auftrag von Volkswagen, der AutoUni, der Audi AG durch die TU Chemnitz entwickelt. Wir als Wolfsburg AG waren dabei beratend tätig", erklärt Shanna Weiser, Referentin für Demographische Entwicklung von der Wolfsburg AG, dem Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Wolfsburg und der Volkswagen AG, die zukunftsweisende Handlungsfelder entwickeln soll. Mittlerweile stößt Max bei Vertretern kommunaler Einrichtungen und Dienstleistungsunternehmen auf großes Interesse, die sich aufgrund des demographischen Wandels auf die Bedürfnisse älterer Menschen einstellen wollen. "Jeder kann den Alterssimulationsanzug im Prinzip testen oder für Workshops ausleihen", sagt Weiser, "die Kosten dafür sind allerdings nicht pauschal zu benennen, da sie von der Einsatzzeit, der Beratungsleistung und von weiteren Faktoren abhängig sind." Petra Neu ächzt und stöhnt unter der Last der Gewichte, die den Kraftverlust simulieren sollen. "Ich fühle mich wie 80", lacht sie und lässt sich auch noch Spezialbrille und Kopfhörer anlegen, nachdem sie sich in den dunkelgrauen und aus einzelnen Modulen bestehenden Anzug gezwängt hat. Die 28-Jährige ist jetzt schwerfällig, extrem seheingeschränkt und halb taub. Um Jahrzehnte gealtert, versucht sie sich unsicher und tastend im Raum zu bewegen. Anmut und Grazie im hohen Alter stellen sich auch bei der bisher eher normal proportionierten Frau nicht ein: Mit elefantenschweren Schritten versucht sie ihre erste Aufgabe auszuführen, die sie aufgrund ihres simulierten nicht mehr so guten Gehörs kaum versteht. Sie soll sich auf einen mit Armlehnen versehenen Stuhl setzen. Doch das Alltägliche wird für sie zur Zitterpartie. Als sie anschließend auch noch auf einem tiefen Sessel Platz nehmen soll, wird es eher ein Fallenlassen im Zeitlupentempo. Aufgrund der geringen Höhe der Sitzgelegenheit verliert sie - bewegungsunfähig und hilflos - das Gleichgewicht und fällt rückwärts in die Tiefe. "Jetzt verstehe ich, dass mein Großvater lieber auf Stühlen als auf niedrigen Sesseln sitzen will", denkt Petra Neu laut nach. Auch das Treppensteigen ist kein Selbstläufer und erscheint anstrengend. Petra Neu ist auf den obligatorischen und das Alter verratenden typischen Zwischenschritt angewiesen. "Essen soll doch die Erotik des Alters sein", kichert die Journalistin, als sie in ihrer schweren Rüstung einen Wolfsburger Supermarkt betritt. Ein erstauntes "Oh" entfährt ihr, als sie ihre Lieblingsspeisen enttäuscht stehen lassen muss. Der Joghurt ihrer Wahl steht eine Handlänge zu weit oben. Auch die Hocke hinunter zu ihrer bevorzugten Nudelsorte und überhaupt zu den preislich günstigeren Produkten schafft Petra Neu nicht. Außerdem hat der Anzug ihre schlanken und beweglichen Finger fest im Griff. Kaum kann die gealterte Redakteurin eine Zuckertüte umgreifen. "Steht hier wirklich Zucker drauf?", vergewissert sich die schlecht sehende Testperson. Der Besuch im Supermarkt ist für Petra Neu zum zeitaufwendigen Tagesprogramm-Punkt geworden. Alte Menschen huschen nicht ins Geschäft, um eben mal schnell etwas zu besorgen. Von der Anstrengung durstig geworden, giert die Frau im schweren Anzug nach einem Schluck Wasser. Wieder erhöhter Schwierigkeitsgrad: Mit ungelenken Fingern gelingt es kaum, die Flasche festzuhalten, sie zu öffnen und das Wasser in das Glas zu befördern. Das Trinkgefäß mit eingeschränktem Ellenbogengelenk jedoch zum Mund zu bewegen toppt die Anstrengung noch um Längen. Verzweifelt sieht Petra Neu auf ihre nass gewordene Hose. "Ich brauche eine Schnabeltasse", bemerkt sie und lacht dabei nicht mehr so wie eben noch auf der Treppe. Ihr Humor angesichts der eigenen Vergreisung scheint ebenfalls durch den sperrigen Anzug reduziert zu sein. Bei Testperson Petra Neu hat der Anzug seine Aufgabe erreicht. "Unsere Intention ist es, die Bedürfnisse der Älteren aufzuzeigen, die jüngere Generation für diese zu sensibilisieren und allgemein für Toleranz und Geduld zu werben. Erschrecken wollen wir damit wirklich niemanden", sagt Shanna Weiser. Das allerdings kann die junge Redakteurin gar nicht glauben, seitdem ein Teil ihrer Körperfunktionen um 60 Prozent eingeschränkt wurde. Bedeutend für die Entwickler ist der Nutzen. Neben Pflegeeinrichtungen und Altenpflegeschulen aus dem Emsland seien inzwischen auch einige Altersheime an der durch den Anzug vermittelten Aufklärung interessiert, und in der Automobilbranche habe er bereits zu innovativen Arbeitsplatzgestaltungen geführt. "Alltägliche Verrichtungen sollen für die Älteren also so wenig Handicaps wie möglich stellen - das Leben, Wohnen und Arbeiten wird aufgrund innovativer Entwicklungen erleichtert und soll Sicherheit bieten", beruhigt sich Petra Neu, die nur daran denkt, das "Alter" und den Anzug so schnell wie möglich wieder loszuwerden. "Eine dritte, weiterentwickelte Version ist nach dem ersten Prototyp 2008 bereits in Planung", erklärt Shanna Weiser. Petra Neu legt mit den unbequemen Gewichten, der einschränkenden Brille und den taub machenden Kopfhörern jeglichen Gedanken an das Alter wieder ab. Sichtlich erleichtert streckt sie ihre Beine und Arme weit von sich, probiert aus, ob alle Funktionen wieder hergestellt sind, und verabschiedet sich fast hastig. Beinahe hüpfend nimmt sie die Treppe AG zurück in die Freiheit und die Jugend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zitterpartie im Zeitlupentempo
Autor
Vincent David Fischer. Gymnasium Martino-Katharineum, Braunschweig
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2010, Nr. 232 / Seite N6
Projekt
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