Schon morgens versumpfen

Punkertänze, Flunkyball, Flaschendrehen und ziemlich viel Bier: Auf dem Rockfestival bei Cuxhaven herrschen eigene Gesetze.

Es ist erst acht Uhr, die ersten Sonnenstrahlen erwärmen das Zelt so, dass man es drinnen nicht mehr aushält. Draußen sitzen schon die anderen aus dem kleinen Zeltlager auf Campingstühlen unter dem Pavillon. "Macht mal einer dieses verdammte Licht aus?", grölt einer. Das Gras unter den Gummistiefeln ist nass. Ein unangenehmer Chemiegeruch kriecht einem in die Nase. "Na endlich, sie reinigen die Dixis. Ich geh mal eben." Und ein anderer torkelt weg. "Zeit für ein Frühstücksbier!"

Was klingt wie ein Campingurlaub, der etwas aus den Fugen geraten ist, ist ein Festivalmorgen des Deichbrand-Festivals bei Cuxhaven. Am Seeflughafen Nordholz erstreckt sich eine bunte Landschaft aus Zelten, Pavillons, Flaggen, Bauzäunen, Einkaufswagen, Dixis und teils skurril gekleideten Menschen.

Überall ist Müll. Hinter einem lila Zelt liegt ein spärlich bekleideter Mann, dem mit Edding Schriftzüge auf den Bauch gemalt wurden. "Wer neben seinem Zelt einschläft, hat schon verloren. Letztes Jahr wurde ich mit Panzertape komplett mumifiziert", erzählt Thilo, der sich noch eine Dose Bier aufmacht. "Lust, 'ne Runde zu flänken?", fragt Jonas. Sie sind mit einer Gruppe aus Oldenburg angereist. Die meisten unter ihnen sind Studenten. Andere sind Handwerker. Flunkyball ist ein Mannschaftsspiel, bei dem sich zwei Gruppen gegenüberstehen. In der Mitte steht eine Flasche, die mit einem Ball abgeworfen werden muss. Die Mannschaft, die geworfen hat, trinkt so lange ihr Bier, bis die andere Mannschaft die Flasche wieder aufgestellt hat und hinter ihre Linie zurückgelaufen ist. "Stopp!", rufen die Spieler, die die Flasche wieder aufgestellt haben und hinter ihre Ziellinie gelaufen sind. Dies ist das Zeichen, dass die andere Mannschaft ihr Bier absetzen muss und nun an der Reihe ist zu werfen.

Geht man die teils matschigen, teils staubigen Wege entlang, gelangt man zum Festivalgelände. Dort riecht es nach Bratnudeln, Burgern, Falafel, Crêpes und vielen anderen Speisen. Auch Schmuckstände und Andenken aller Art werden verkauft. So erklärt sich, warum so viele mit Ernie- und Krümelmonstermützen über das Gelände stapfen: Ein riesiger Stand bietet Mützen an, an einem anderen gibt es Tattoos und daneben Piercings. "Es kommen viele junge Menschen zu uns, um sich piercen oder tätowieren zu lassen. Wer aber betrunken ist, der wird wieder weggeschickt", sagt einer der Verkäufer.

"Das ist fair", meint Judith, eine Schülerin aus Hannover, "lass uns mal zur Bühne schauen." Die zwei Hauptbühnen stehen nebeneinander. Es tritt jeweils nur ein Künstler zu einer Zeit auf, so dass man alle Auftritte sehen kann. Der Aufbau hatte sich wetterbedingt verzögert, einige Bands mussten gestrichen werden.

"Hey, Irie Révoltés spielen, und da vorn ist der Circlepit!" Schon rennen Isabelle, Jakob und Judith los. Auch Isabelle und Jakob sind Gymnasiasten, sie kommen aus Lüneburg. Ein Circlepit bildet sich inmitten der Masse, indem die Leute anfangen, alle im Kreis in eine Richtung zu laufen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird dann gepogt. Dann nennt sich das Ganze Moshpit - also Ellenbogen hoch und rein ins Getümmel. Nachdem man eine Stunde auf Punkerart "getanzt" hat, ist man hungrig und vor allem durstig. "Lasst uns zurück zum Zelt gehen und Ravioli warm machen", sagt Jakob und läuft vor. Auf halbem Wege versinkt er bis zu den Knien in dem großen Schlammloch vor dem Ausgang. "Mist, das Loch hab ich ganz vergessen. Hier haben gestern ja die Kerle ihre Schlammschlacht gemacht", grummelt er und stapft schlammverschmiert weiter. Da kommen ein paar Mädchen mit einem Jungen an der Leine des Weges. Er ist groß, man hat ihm Schnurrhaare ins Gesicht gemalt. "Eins a Deckkater. Einmal decken 50 Euro!", steht auf dem Pappteller auf seinem Bauch. "Na, wie wär's?", fragt ein Mädchen mit Fliegerbrille. Alle lachen und stiefeln weiter.

Neben den vielen Zelten und Pavillons gibt es jede Menge Angebote. Einige haben ihre Instrumente mitgenommen und machen selbst Musik, andere grillen, aber die meisten vertreiben sich die Zeit mit allerhand Unfug. Wege werden abgesteckt und eine "Slow-Motion-Area" wird eingerichtet. Den reitenden Polizisten wird ein Bier im Tausch gegen ihr Pferd angeboten. Man kann sich an jeder Ecke dazusetzen und bekommt ein Bier ausgegeben.

"Schaut euch das mal an!", Judith zeigt auf eine Wäscheleine voll mit BHs. "Hier ist noch Platz, wir brauchen noch mehr!", ruft uns einer zu. "Ja klar", meint Isabelle sarkastisch und zieht weiter.

Endlich sieht man bekannte Gesichter. "Da seid ihr ja wieder. Wir haben schon ein paar Ravioli gemacht", sagt Lene, eine andere Lüneburger Gymnasiastin, grinsend, und ihre blonden Locken glänzen im Sonnenschein. Auf dem Weg zur Waschstation für das benutzte Geschirr muss man höllisch aufpassen, dass man nicht über die Zeltleinen stolpert. Das ist vor allem nachts fatal. Man verliert außerdem schnell die Orientierung. Es sieht nämlich alles gleich aus. Gut, dass viele Besucher Fahnen auf ihren Pavillons anbringen. Oder rund um die Uhr die Cantinaband mit Gettoblastern abspielen. So kann man den richtigen Weg "nach Hause" ganz gut finden.

An der Waschstation stehen immer Leute an, weil es die einzige Trinkwasserstation ist. "Das Wasser wird eh nur zum Kochen benutzt", sagt Jakob und schrubbt die Raviolireste von seinem zerbeulten Festivaltopf. "Bier ist hier das Wasser." Alle lachen.

"Ich glaub, ich geh mal duschen. Kommt ihr mit?", fragt Judith. "Duschen auf einem Festival ist auch immer interessant", sagt Isabelle. Nirgends sieht man so viele ausgefallene Menschen und Tattoos - von schwarzen Engelsflügeln auf dem Rücken bis hin zu Schriftzügen. Die 24 Duschen sind in einem großen Zelt. "Zwar erwartet kein Festivalgänger Luxus, doch auf eine heiße Dusche mag keiner verzichten", sagt Judith.

Es kühlt ab, alle holen sich Decken oder Schlafsäcke. In der gemütlichen Campingstuhlrunde wird dann entweder Flaschendrehen oder "Ich hab noch nie" gespielt. Das sind einerseits Trinkspiele, andererseits Spiele, bei denen sich die Mitspieler in irgendeiner Art outen. Auf wen die Flasche zeigt, der muss entweder eine Pflichtaufgabe erfüllen, zum Beispiel einen Mitspieler küssen, oder eine Frage beantworten. "Ich hab noch nie" ist ähnlich. "Ich hab noch nie ein Gummibärchen gegessen." Jeder, der es doch schon mal getan hat, muss sein Bier oder Mischgetränk trinken. Bei steigendem Alkoholpegel werden die Fragen verrückter. Andere Leute kommen dazu. "In so kurzer Zeit hab ich nie so viele neue Leute kennengelernt", sagt Bosse, "gefühlt gibt es hier mehr Leute als in ganz Oldenburg." Der Abend neigt sich dem Ende zu. Einige gehen mit ihren neuen Bekanntschaften in eines der Zelte. "Ich hab eine Sternschnuppe gesehen!", freut sich Isabelle, ihre grünen Augen leuchten dank des Lagerfeuers auf.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schon morgens versumpfen
Autor
Lea Mellentin
Schule
Gymnasium Oedeme , Lüneburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2013, Nr. 151, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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