Die Familie ist zusammen, und jeder ist glücklich

Das Zuckerfest hat für mich eine spirituelle Bedeutung", schwärmt Miray Uslu mit einem Lächeln. Die 14-Jährige besucht die achte Klasse der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule in Reinheim, einer Kleinstadt in Südhessen. In einem großen Wohnzimmer berichtet sie über das Zuckerfest. Das Fenster ist offen, ihre dunklen Locken wehen ihr ins Gesicht. Hinter ihr befindet sich eine Wand mit einem islamischen Kalender. Das Zuckerfest erlebt sie mit ihren Eltern, ihrer Schwester und den Großeltern. "Es gilt als Fest der Versöhnung, bei dem Freundschaften bekräftigt und Feindschaften begraben werden sollen."

Das Zuckerfest, arabisch "Fest des Fastenbrechens", beendet den Fastenmonat, für Miray die fröhlichste Zeit im Jahr. Der Ramadan ist der wichtigste Monat im Jahr, denn er gebe einem die Möglichkeit, in sich zu kehren und die Seele zu spüren. "So unterstützen wir besonders in dieser Zeit auch die Menschen, die arm sind, ganz egal ob sie Verwandtschaft, Freunde oder Nachbarn sind", sagt Miray. Es ist das zweitwichtigste Fest des Islam und wird drei Tage lang gefeiert. Dennoch ist der Fastenmonat immer ein anderer Monat, denn er rückt jedes Jahr zehn Tage vor. So ist es in diesem Jahr der Monat Juli, im nächsten Jahr wird es der Juni sein. Leider kann Miray das Zuckerfest nicht jedes Jahr feiern, da ihre Eltern meistens arbeiten müssen. Nach dem morgendlichen Moscheebesuch mit Festgebet gehen viele Muslime auf den Friedhof, um der Verstorbenen zu gedenken. Danach besuchen sie Freunde und Verwandte. "Da meine große Schwester und ich Schule haben und meine Eltern arbeiten, können wir uns nicht an die Traditionen halten. Erst am Abend haben wir die Möglichkeit, unsere Großeltern zu besuchen." Außerdem werde das Fest in Deutschland anders gefeiert als in der Türkei.

"Ich schätze das Zuckerfest sehr, aber meine Einstellung zu dem Fest ist lockerer als die Einstellung meiner Vorfahren", erklärt Mirays Mutter Gülcin. Früher haben die Kinder ältere Leute in der Nachbarschaft besucht. "Das waren noch Zeiten, als wir von Haus zu Haus zogen", schwärmt sie. Dennoch ist ihr das Zusammentreffen im Fastenmonat mit ihrer Familie wichtig. "Ich bin in Deutschland geboren und halte es für sehr wichtig, meinen Töchtern zu zeigen, was der Ramadan für die Gläubigen bedeutet."

Zum Zuckerfest werden viele süße Speisen gereicht, etwa Bakhlava oder Bonbons. Gerade bei Kindern, die während des Ramadans gar nicht fasten müssen, ist das Fest beliebt. Es gibt eine Tradition, dass Kinder den Erwachsenen die Hände küssen und dafür Bonbons bekommen. Diese Tradition wird auch hier weitergeführt. "Das Zuckerfest erleben wir wie Weihnachten", sagt Miray. Weihnachten feiert Miray nicht, aber passt sich dennoch ihren Freunden an. "Ich habe viele deutsche Freundinnen und wir schauen uns gerne zusammen Weihnachtsfilme an den Feiertagen an", erklärt sie. Oft werden sie Weihnachten eingeladen. "Dort sehe ich, dass Weihnachten vieles mit dem Zuckerfest gemein hat. Die Kinder werden beschenkt, die Familie ist zusammen und jeder ist glücklich. Auf die Süßigkeiten freue ich mich am meisten", grinst sie. So, wie Plätzchen zur Adventszeit gehören, gönnen sich viele Muslime kleine Kuchen.

Der Umgang mit verschiedenen Kulturkreisen fällt ihr nicht schwer. "Ich habe viele deutsche Freunde, die ich teilweise auch schon seit dem Kindergarten kenne. Ich denke, Mensch ist Mensch. Meine Freunde akzeptieren meine Kultur, so wie ich auch ihre Kultur akzeptiere." Da Miray in Deutschland geboren ist, fällt ihr dies leicht. "Ich habe nichts anderes gesehen und kenne somit kein anderes Leben. Schon im Kindergarten versucht man, sich den anderen anzupassen." Es ist ein Teil des Alltagslebens. Miray fasst dies positiv auf. "Es liegt an uns, ob wir die neue Vielfalt kritisieren oder sie als Chance annehmen, gemeinsam zu leben." Fröhlich berichtet sie: "Eine lustige Erkenntnis konnte ich während des Ramadans auch machen. Man spricht während des Fastens weniger, da der Hals sich trocken anfühlt. So vermeidet meine Oma einmal im Jahr unnötiges Reden, weil sie erschöpft ist."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Familie ist zusammen, und jeder ist glücklich
Autor
Fulya Uslu
Schule
Albert-Einstein-Schule , Groß-Bieberau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2013, Nr. 157, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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