Endlich mehr Sicherheit

Draußen in der Kälte stehen, nicht wissen, wo man eigentlich hingehen soll, sich einsam, verlassen und ratlos fühlen, so ergeht es vielen Frauen, die sich in der Frauenübernachtungsstelle für Obdachlose in der Dortmunder Innenstadt erstmals eine Unterkunft suchen. In den meisten Fällen sind es Frauen, die von ihren gewalttätigen Männern misshandelt und von der Polizei in diese Notunterkunft gebracht werden. "Für Frauen mit gewalttätigen Männern ist dies der richtige Ort", erklärt die Diplom-Sozialarbeiterin Hildegard Hörnschemeyer. Sie leitet nun seit 26 Jahren die Einrichtung und ist stolz auf sich und ihr hilfsbereites Team: "Wir bieten 14 Frauen und ihren Kindern mehr als ein Dach über dem Kopf. Jede Frau ab 18 Jahren kann zu jeder Zeit kommen." Viele Frauen kommen ohne Geld und Ersatzkleidung. Zunächst werden sie mit frischer Wäsche und Essen versorgt und bekommen eine ruhige Schlafmöglichkeit. Sie werden so lange notversorgt, bis sie Geld vom Sozialamt bekommen. Es gibt mehrere wohnliche Zimmer, mit jeweils zwei bis vier Betten. "Sollte es ein Bett zu wenig geben, dann versuchen wir auf alle Fälle, von irgendwoher ein Klappbett zu bekommen. Wir lassen keine Frau im Stich, schon gar nicht über Nacht." Eine der wichtigsten Regeln hier ist die absolute Gewaltfreiheit. Sobald die Frauen untereinander Gewalt ausüben, greifen die Sozialarbeiter ein. Wenn die Initiatorin ermittelt wurde, muss sie das Haus für eine Nacht verlassen. Durch diese Sanktion hat die Frau die Möglichkeit über ihre Tat nachzudenken. Da sie eine schwere Zeit durchgemacht hat, ist ihre Aggressivität durch ihre Vergangenheit und die dadurch entstandene Wut geprägt. Nicht nur Frauen, die durch Drogen und Alkohol ein aggressives Verhalten aufweisen, bekommen psychologische Hilfe, sondern auch die Frauen, die von ihren Männern misshandelt werden. Je nach Kulturkreis und Religion reagieren ihre Ehemänner unterschiedlich. Da die Adresse der Notunterkunft nicht anonym ist, versuchen die Männer ihre Frauen weiterhin zu belästigen. Sie können aber das Gebäude nicht ohne Weiteres betreten. Viele Frauen haben Angst und keine Familie oder Freunde, zu denen sie gehen könnten. Dies liegt oftmals daran, dass sie zwangsverheiratet oder sich gegen den Willen der Eltern mit jemandem verheiratet haben. Olivia (Name geändert) aus Nürnberg hat ganz andere Probleme. Da ihre Papiere noch in ihrer Geburtsstadt seien, sagt die 21-Jährige, bekomme sie kein Geld vom Sozialamt. Als Olivia acht Jahre alt war, starb ihre Mutter an Krebs. Es war eine harte Zeit für das Einzelkind. Ihr Vater, ein ehemaliger Soldat, war sehr aggressiv. "Ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie brutal er mich misshandelte, wegen jeder Kleinigkeit." Im Sportunterricht bemerkte der Lehrer ihre Wunden und blauen Flecken. Er riet ihr, zum Jugendamt zu gehen. Doch sie wollte nicht. Sie hatte doch nur ihren Vater. Nachdem sie volljährig wurde, sagte ihr Vater, sie solle die Koffer packen und gehen. Er nannte dabei keinen Grund, sie wusste nicht wohin. Sie hatte keine Freunde, Verwandten und kein Geld. Schließlich zog sie zu ihrem Freund nach Dortmund. Er ist Asylant, hat eine eigene Wohnung bekommen, doch es darf keine Frau bei ihm leben. Da er noch zur Schule geht, hungert Olivia oft, damit er genug zu essen hat. "Er geht zur Schule, er muss essen. Ohne ihn wäre ich nicht mehr hier. Ich habe mir schon oft versucht das Leben zu nehmen, doch immer wieder hielt mich etwas davon ab. Ich weiß nicht, aber es scheint mir, als wäre ein Schutzengel bei mir, vielleicht ist es auch meine Mutter." Olivia versteht sich sehr gut mit den Obdachlosen in der Notunterkunft. Sie ist froh, dass sie jemanden zum Reden hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Endlich mehr Sicherheit
Autor
Tharshiya Ragavan. Leibniz-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2010, Nr. 238 / Seite N6
Projekt
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