Schönes Fachwerk unterm Gipskarton

Zu dem imposanten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert führt ein schmaler, holpriger Pfad. Im Hof überrascht den Besucher ein Durcheinander von Gegenständen, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben: Neben unzähligen Sorten von Pflastersteinen, Holzbalken und Gebrauchsgegenständen finden sich auch altertümlich anmutende komplette Waldhütten, Toilettenschüsseln, Waschbecken und viele andere Gegenstände, die im Gebäude selbst keinen Platz gefunden haben. An einem Zaun aus Gebäudebalken hängt ein Sammelsurium von schmiedeeisernen Objekten: Teile von alten Bettgestellen, Heizungsverkleidungen und Treppengeländern.

Im Eingangsbereich des Gebäudes in Söhnstetten begrüßt Martin Häberle den Besucher. Sein lockiges Haar ragt unter der blauen Strickmütze hervor. Er trägt praktische Jeans und einen Pullover. An seinen rauhen Händen wird deutlich, dass er oft zupacken muss. Häberle lebt zusammen mit seinen Kindern und seiner Lebensgefährtin in dem Ort bei Heidenheim an der Brenz. Der gelernte Zimmermann und Erzieher gründete vor einigen Jahren die Firma "Historische Baustoffe Ostalb". Seitdem dreht sich bei ihm alles darum, Gegenstände aus Gebäuden, die abgerissen werden sollen, zu bergen und an den Mann zu bringen.

Bereits früh interessierte er sich für Dinge, die für andere keinen Wert besaßen. So konstruierte und baute er schon im Kindesalter mit Hilfe eines handwerklich begabten Nachbarn aus Schrott eigene Fahrzeuge, die bei Festzügen im Dorf eingesetzt wurden. "Schrott wird wieder flott", war damals das Motto. Das Gebäude, in dem heute seine Funde lagern, ist eine Besonderheit. Es handelt sich um eine ehemalige Schreinerei, die 1834 als Teil der Schwäbischen Hüttenwerke in Königsbronn gebaut wurde. Mit seinen Mitarbeitern baute Häberle das Fachwerkhaus mit den markanten roten Ziegeln Stein für Stein und Balken für Balken ab, um es 20 Kilometer weiter in Söhnstetten originalgetreu wieder zu errichten.

Begeistert zeigt der 45-Jährige die zahllosen historischen Baustoffe, die größtenteils aus der Zeit vor 1930 stammen. Beim Rundgang fällt das typische Knarren alter Holzböden auf. Aus einem Röhrenradio der fünfziger Jahre ertönt leise Musik. Auf drei Stockwerken stehen unzählige, sorgfältig angeordnete und sortierte Materialien, wie antike Lampen, riesige Kronleuchter, Türen mit verspielten, bunten Glaselementen, verschiedene Türgriffe und Keramikwaschbecken.

Seine Begeisterung für Altes und seine Sammelleidenschaft spiegeln sich auch in der Küche wieder. Historische weiße Wandfliesen umrahmen ein Steinwaschbecken neben einem alten Emailherd. Aus einer altmodisch geblümten Kanne bietet er Kaffee an. Häberle setzt sich an einen massiven, riesigen Holztisch mit einer integrierten, grauen Steinplatte und zündet sich eine Zigarette an. Sein erstes großes Projekt war das ehemalige "Hebammenhaus" in Söhnstetten, das er für sich als Wohnhaus originalgetreu restaurierte. Dabei war er ständig auf der Suche nach historischen Baustoffen, da er ausschließlich Material aus der Bauzeit des Hauses verwenden wollte. "Einfach der Originalität wegen", erklärt er. Aus diesen kleinen Anfängen heraus entwickelte sich seine Sammelleidenschaft für historische Baustoffe. Dieses "suchtartige Sammeln", wie er es nennt, ging so weit, dass er gezwungen war, Teile der Sammlung zu verkaufen, um Platz für Neues zu schaffen. Damit begann sein Geschäft, denn auch andere hatten offensichtlich ein großes Interesse an alten Gegenständen für die eigenen vier Wände. "Manchmal gefallen mir einige Baustoffe aber dermaßen gut, dass ich mich einfach nicht von ihnen trennen kann. Diese finden dann ihren Platz in meinem Haus", schwärmt er.

Sein Aktionsradius beträgt etwa 100 Kilometer um Söhnstetten, aber die Kunden kommen aus ganz Europa. "Meine Kundschaft besteht im Wesentlichen aus Architekten, aber auch aus privaten Bauherren, die die Leidenschaft für historische Baustoffe mit mir teilen." Besonders nachgefragt werden Wand- und Deckenleuchten, da sie den Zeitgeist der Gebäude widerspiegeln.

Auf die Frage, wie er überhaupt an die alten Gegenstände kommt, wird Häberle lebhaft: "Wenn ich von einem abrissreifen Gebäude erfahre, hole ich mir die Erlaubnis zur Bergung und rücke mit meinem Team an. Das besteht aus zwei festangestellten Mitarbeitern. Das ist immer ein Glücksspiel, denn beim Betreten wissen wir meistens nicht, ob und wie viele brauchbare Objekte sich im Haus befinden." Häufig sind die originalen Baustoffe durch unsachgemäße Renovierungsarbeiten verdeckt und müssen erst freigelegt werden. Beispielsweise sind Fachwerkstrukturen mit Gipskartonplatten überklebt oder wertvolle Holzböden mit billigem Teppichboden bedeckt.

Alles Mögliche kann für den umtriebigen Geschäftsmann interessant sein: Er birgt sowohl Gegenstände, die fester Bestandteil des Hauses sind, wie zum Beispiel Fenster mit und ohne Rahmen, Fußböden aus Holz und Stein, Türen und Badeinrichtungen, als auch Gegenstände, die nicht fest angebracht sind, wie Möbel, Lampen und Dekorationselemente. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen, wenn sich nach all dem Aufwand, den Martin und seine Kollegen betrieben haben, nichts Brauchbares findet.

Auch kuriose Begegnungen gehören zu seinem Arbeitsalltag. So begegnet er immer wieder Obdachlosen, die die meist leicht zugänglichen Gebäude als Übernachtungsstätte nutzen. "Mein Kollege fand einmal sogar einen Drogenabhängigen schweißüberströmt in einem Bett, der gerade auf Entzug war." Auch allerlei tierische Begegnung gab es schon. Martin Häberle erinnert sich gerne an eine kleine Fledermaus, die er beim Ausbau einer Bodenfliese entdeckte. "Dieser Lebensraum ist nicht gerade typisch für diese Tierart." Daher hat der Tierliebhaber die Fledermaus sorgsam in einer nahe gelegenen Höhle ausgesetzt.

Die typische Frage, die ihm von seiner Kundschaft regelmäßig gestellt wird, ist, ob er in den 16 Jahren, die er sein Geschäft betreibt, schon einen Schatz gefunden hat. Das muss Häberle verneinen. "Aber die Hoffnung stirbt zuletzt", gibt er schmunzelnd zur Antwort.
   

Informationen zum Beitrag

Titel
Schönes Fachwerk unterm Gipskarton
Autor
Jonas Neumayer
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2013, Nr. 163, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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