Sie fischt ihre Lebensmittel aus dem Müll

In einer Gesellschaft, in der Menschen hungern und gute Lebensmittel vernichtet werden, läuft etwas grundfalsch. Containern ermöglicht eine gewisse materielle Unabhängigkeit, um sich am Kampf gegen diese Verhältnisse zu beteiligen." Denise Ehrlmann (Name geändert) aus München containert aus politischer Überzeugung. Containern, auch Mülltauchen oder Dumpstern genannt, hat seinen Ursprung in Amerika. Dabei werden weggeworfene Lebensmittel aus Supermärkten bei einer Nachtaktion mitgenommen.

Die Mülltonnen der Supermärkte sehen äußerlich zwar fast so aus wie ganz normale Hausmülltonnen, doch im Inneren sind sie randvoll mit den besten Lebensmitteln. "Manchmal wird sogar ein ganzer VW-Bus voll", erzählt Denise schockiert. Ab und zu containert die 34-Jährige auch für größere Projekte, da kann es durchaus mehr werden als bei Aktionen für sich selbst. Vor drei Jahren wurde Denise von Freunden zu einer Aktion mitgenommen und konnte es nicht fassen, wie viele gute Lebensmittel weggeworfen wurden. Damals hat sie beschlossen, ihre Lebensmittel aus dem Müll zu fischen.

Rechtlich gesehen liegt Mülltauchen in Deutschland in einer Grauzone. Ab und zu wird es als Diebstahl verfolgt, doch viele Gerichtsverfahren werden wegen Geringfügigkeit eingestellt. Denise versucht, sich ausschließlich von containerten Lebensmitteln zu ernähren. Natürlich findet man nicht alles in der Tonne, weshalb sie ab und zu etwas einkaufen muss wie zum Beispiel Olivenöl oder Reis. Dann ist es ihr wichtig, dass die Lebensmittel biologisch hergestellt werden. Auch viele ihrer Bekannten containern, deshalb sei das für sie ganz normal. "Für meine Mutter war es anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber jetzt findet sie es politisch sinnvoll und kommt gerne mal zum Essen vorbei", lacht Denise.

Die blonde Frau mit ihren blauen Augen achtet darauf, einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, wodurch ihrer Meinung nach keine Kosten für Dritte entstehen. Neben ihrer Arbeit als Behindertenpflegerin engagiert sie sich auch politisch gegen die Umweltzerstörung. Sie hält nicht viel von Systemen, die Menschen nur mit Bezugsschein mit Essen versorgen, wie zum Beispiel die Münchner Tafel. Ihrer Meinung nach vertiefen solche Institutionen die Kluft zwischen Arm und Reich nur noch mehr.

Durch "Trash Tours" in den Vereinigten Staaten, also Müll-Touren, bei denen Neulingen des Mülltauchens die beliebtesten Dumpster-Plätze gezeigt werden, wurden die Medien auf diesen Protest gegen Lebensmittelverschwendung aufmerksam. Viele Fernsehsender zeigten Beiträge zu dem Thema so wie den Dokumentarfilm "Taste the waste" aus dem Jahr 2011. Das Thema der Essensverschwendung wird mittlerweile viel diskutiert. Dennoch werden weiterhin viele Lebensmittel von Supermärkten weggeworfen, weil es profitabler für diese ist.

Denise ist schon öfter von der Polizei kontrolliert worden. Die meisten Aktivisten, die containern, haben keine finanziellen Probleme, sie wollen einfach nur ein Zeichen setzen. Dennoch trifft Denise ab und zu auf arme Menschen, wie zum Beispiel Obdachlose oder Flüchtlinge, die illegal in Deutschland sind, die ohne das Mülltauchen Hunger leiden würden.

Zur späten Stunde der Aktionen passieren manchmal auch verwunderliche Sachen: "Ich wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem Polizisten überrascht, der die ganze Zeit seine Hand an der Schusswaffe behielt, aus Furcht, ich würde einen Blumenkohl nach ihm werfen." Natürlich wollte sie diesen nicht nach ihm werfen, sie hat ihn gerade weggepackt, als er auf einmal mit der Hand an der Waffe vor ihr stand. "Manche Polizisten interessieren sich auch gar nicht für die Mülltaucher, andere sind oft selbst entsetzt, wie viele essbare Lebensmittel weggeschmissen werden."

Die Mülltaucher wissen, in welchen Supermärkten volle Tonnen sind und im Idealfall auch ohne Schloss oder ähnlichem abgesichert sind. Zur Ausrüstung eines Aktivisten gehören Kopflampe und Handschuhe, da manchmal doch etwas unangenehme Reste in der Mülltonne sind. Zum Abtransport der Lebensmittel werden meistens Fahrräder mit Satteltaschen benutzt. "Natürlich sind nicht alle Lebensmittel noch zum Verzehr geeignet, aber die bleiben dann in der Tonne", berichtet Denise. Sie selbst geht regelmäßig Mülltauchen, je nachdem, was die Tonne so hergibt, ein- bis zweimal die Woche.

Trotz der Tatsache, dass man die meisten Lebensmittel auch nach dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums essen kann, sollte man vorsichtig sein, was man zu sich nimmt. Vor allem im Sommer, wenn die Lebensmittel einige Stunden in der Sonne sind. Auch Rattengift und Waschpulver oder erhöhte Bakterienkulturen können sich im Müll befinden. Waschpulver kann gefährlich werden, sobald es mit Wasser reagiert, da dann Stoffe freigesetzt werden, die eine ätzende Wirkung haben.
   

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie fischt ihre Lebensmittel aus dem Müll
Autor
Inés Mühlhofer
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2013, Nr. 163, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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