Worauf ein Lehrer abfährt

Es ist Montag, der Morgen graut so langsam vor sich hin. In der Pausenhalle und an der Bushaltestelle der Realschule des Alfred-Grosser-Schulzentrums wimmelt es von Schülern. Viele warten auf den Unterrichtsbeginn um 7.55 Uhr oder auf Freunde. Ein Lehrer ist noch nicht anwesend, er sitzt seit 7.27 Uhr im Bus, jeden Tag aufs Neue und zwar vorne auf dem Fahrersitz. Dort sitzt Peter Kusenbach mit leicht gelocktem, mittelbraunem Haar und schaut freundlich den einsteigenden Schülern entgegen. Sein Arbeitstag beginnt um 7.10 Uhr, da der Bus vor der Abfahrt noch einmal geprüft werden muss. Im Gegensatz zu anderen Lehrern hat Kusenbach wenig Zeit, vor dem Unterricht noch schnell etwas zu erledigen, da sein Weg an vielen Tagen von der Haltestelle, an der er und sein Bus eigentlich um 7.50 Uhr ankommen sollten, direkt zum Musiksaal führt.

Der Musiklehrer und Big-Band-Leiter fährt seit 2001 regelmäßig eine Schulbuslinie von seinem Heimatort Kapsweyer über Steinfeld nach Bad Bergzabern. 1991 entschied der mittlerweile 59-Jährige sich, den "Personenbeförderungsschein für Reiseomnibusse" zu erwerben. Als Gründe dafür nennt er seine "Faszination für dieses große Fahrzeug", den damit verbundenen Wunsch, ein solches irgendwann einmal selbst zu lenken, und die Möglichkeit, seine Big-Band-Musiker selbst zu den wöchentlichen Auftritten zu bringen. Seit kurzem fährt er sogar morgens die Linie 473, die durch mehrere Dörfer der Umgebung geht. Nebenbei fährt Kusenbach auch weiterhin beinahe wöchentlich seine "Big Band Deluxe" zu Konzerten in der Region, aber auch zu Konzertreisen nach Italien oder in die Schweiz. Damit, dass er seine Frau und seine drei erwachsenen Kinder alleine zu Hause lässt, hatten die vier nie ein Problem und unterstützen seine Arbeit. Seine Kinder waren früher selbst in der Big Band und begleiten heute noch manchmal ihren Vater auf den Reisen.

Der "Kusi-Bus", wie er oft genannt wird, ist leicht zu erkennen. Schon von weitem sieht man hinter der Heckscheibe des Busses ein recht großes, von der Bundeswehr als Dankeschön für seine besondere Arbeit angefertigtes Metallschild, auf dem in grün beleuchteter Schrift der Name seiner Big Band sowohl bei Tageslicht als auch in der Nacht gut zu lesen ist. Wie man von vielen Schülern hört, ist eine Fahrt mit diesem Bus immer eine der besten Busfahrten, die die Schüler in der Woche haben. Dies liege vor allem daran, dass seine "angenehme" Fahrweise, wie Kusenbach sie selbst nennt, den Schülern einfach zusage. Auf der anderen Seite ist der Lehrer und Busfahrer auch mit den Schülern zufrieden. Sie verhielten sich "richtig vorbildlich". Manchmal kommt es vor, dass Peter Kusenbach von den Schülern als Ansprechpartner genutzt wird, um schulinterne Dinge anzusprechen.

Vor dem Bus hat er großen Respekt. Von einem Motorschaden auf dem Weg nach Berlin und einem defekten Trockenfilter auf der Reise nach Köln bis hin zu einem Riss im Tankbehälter und einer gerissenen Rückholfeder des Gaspedals in der Schweiz hat Kusenbach schon einiges erlebt und bewältigen müssen. Letzteres konnte er selbst reparieren, bei den größeren Pannen jedoch mussten Ersatzbusse eingesetzt werden.

Dass die gesellschaftliche Stellung eines Busfahrers nicht gerade hoch angesiedelt ist, hat Kusenbach schon öfter erlebt. Ebenso wie die Tatsache, dass viele Menschen ignorieren, dass Busfahrer auch in anderen Themen ein gewisses Know-how haben können. Dies zeigte sich bei einer Fahrt nach Luxemburg, wo er den Chor des Staatstheaters Karlsruhe hinbegleiten durfte. Er verdutzte den Leiter des Chores mit seinem musikalischen Interesse.

Sein Verhältnis zu den Fahrern ist kollegial, da er "ihre Sprache spricht". Ebenso erledigt er dieselben Arbeiten, wie zum Beispiel das Wechseln der Reifen oder das Nachfüllen wichtiger Flüssigkeiten, die alle nun einmal erledigen müssen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Worauf ein Lehrer abfährt
Autor
Marc Girke
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2013, Nr. 163, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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