Mit Flugpaten zur Pflegefamilie

Siéntate! Sitz, Duquesa!", sagt das Herrchen, und gehorsam setzt sich die Hundedame, ein Mischling aus Pekinese und Chihuahua, hin, beobachtet die Umgebung der hellen und freundlich wirkenden Wohnung aber weiterhin aufgeweckt aus ihren großen Augen. Außer ihrem Namen lässt auf den ersten Blick nichts erahnen, dass sie in Alicante in Spanien gelebt hat, bevor sie zu Karin Reiser, ihrem Mann Andy Müller und deren Tochter Leah nach München kam.

"Eigentlich wollten wir kein Tier übernehmen", sagt Karin Reiser. Sie und ihr Mann sind berufstätig, und die Tochter geht noch zur Schule, so dass der Hund bis Mittag allein gewesen wäre. Doch Elfriede Lechl, eine Bekannte der Familie, die sich ehrenamtlich bei Animal Help Espania, kurz AHE, engagiert, ließ nicht locker, bis sie einwilligten, für einige Wochen die Pflegschaft für Duquesa zu übernehmen, bis sich jemand anderes für sie finden würde. Ansonsten wäre sie in einer Tötungsanlage verendet, da nur vermittelte Tiere aus Spanien nach Deutschland gebracht werden dürfen. Herrenlose Tiere werden in Spanien eingesammelt und zunächst in Tierheime gebracht, deren Standards nicht mit denen in Deutschland vergleichbar sind. Können sie nach einigen Wochen nicht vermittelt werden, landen sie in Tötungsanlagen, in denen unwürdige Zustände herrschen. "Das Töten ist dort nicht immer das Schlimmste", erzählt Elfriede Lechl, die kaufmännische Angestellte ist. Die Tiere hausen dort oft auf engem Raum dicht aufeinander gedrängt, und so kommt es auch öfter vor, dass sie totgebissen werden.

Deshalb versucht der Verein, der seinen Sitz in Odelzhausen hat, so viel wie möglich in Spanien zu bewegen. Der Verein zählt derzeit um die dreihundert Mitglieder und finanziert sich durch Beiträge und Spenden. Hauptziele sind die Kastration von Straßenhunden und -katzen sowie die Aufklärung der Bevölkerung. In Spanien werden viele Haustiere heimatlos, wenn ihre Besitzer sich nicht länger um sie kümmern können, unter anderem, wenn sie in Wohnungen oder Altersheime ziehen, in denen Tierhaltung verboten ist. Seit der Finanzkrise sei das schlimmer geworden. "Wegen der hohen Arbeitslosigkeit können sich viele kein Tier mehr leisten."

Außerdem unterstützt der Verein in Spanien das Tierheim Asoka in Alicante und Futterstellen für Straßenhunde und -katzen. Natürlich werden auch Tiere nach Deutschland vermittelt, vor allem diejenigen, die sonst keine oder kaum Überlebens- oder Vermittlungschancen haben, wie auch aus der Website des Tierschutzvereines hervorgeht.

Vor dem Transport werden die Tiere gesund gepflegt und vom Tierarzt untersucht. Dabei werden sie gegen Tollwut geimpft, auf Mittelmeerkrankheiten geprüft, kastriert und durch einen Chip gekennzeichnet. Erst dann können sie nach Deutschland gebracht werden. "Durch eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt Dachau ist eine ordnungsgemäße Verbringung der Tiere bei den Transportfahrten gewährleistet", sagt Lechl. Der Transport selbst wird von Privatpersonen übernommen, zum Beispiel im Auto oder mit dem Flugzeug. Bei Letzterem werden sogenannte Flugpaten benötigt. Auf ihrem Flug von Spanien nach Deutschland nehmen sie Hunde oder Katzen mit. Die Transportkosten für die Tiere übernimmt der Verein, die eigenen Flugkosten müssen selbst getragen werden. Diese Flugpaten melden sich freiwillig und stammen meist aus dem Bekanntenkreis des Vereins.

Mit einem solchen Flugpaten kam Duquesa vor vier Jahren nach Deutschland zu ihrer Pflegefamilie. Wer ein Tier übernehmen will, muss Mitglied im AHE sein und wird vom Verein geprüft. Außerdem gibt es nach der Vermittlung Kontrollen, um nach dem Wohl der Tiere zu sehen. Die Pflegefamilien können sich bei Fragen oder Problemen, die vor allem am Anfang aufkommen, jederzeit an den Verein wenden. Bei Duquesa verlief die Eingewöhnungsphase problemlos. "Sie ist wohl kein Straßenhund gewesen, dazu war sie zu sozialisiert", sagt Karin Reiser. Wahrscheinlicher ist es, dass die Hundedame auf einem Balkon gehalten worden war, wie es bei Kleinhunden in Spanien öfter der Fall ist, denn spazieren gehen konnte sie nicht. "Nachdem wir das erste Mal unterwegs waren, konnte sie nicht mehr richtig laufen, da sie sich die Bänder überdehnt hatte." Eigentlich wollte die Familie Duquesa nur für einige Wochen behalten, denn Karin Reiser stand der Pflege eines erwachsenen Hundes skeptisch gegenüber. Doch die Hundedame überraschte sie. Sie lernte schnell, war brav und zudem schon stubenrein - im Gegenteil zu einem Welpen. Um zu sehen, wie sie sich alleine in der Wohnung verhält, wurde eine Kamera aufgestellt. "Ich habe nie ein langweiligeres Video gesehen", lacht Karin Reiser. Egal ob Klingeln, Klopfen oder Lärm, die Hündin verhielt sich immer ruhig, lief vielleicht einmal zur Tür, doch bellte nie oder störte auf irgendeine Weise die Nachbarn. "Die ist perfekt für uns", fügt sie hinzu.

Offiziell gehört Duquesa immer noch dem Verein und kann von der Familie weder weitergegeben noch verkauft werden. Für die Vermittlung muss aktuell eine Schutzgebühr von 275 Euro gezahlt werden, die die Unkosten für Transport und Kastration nicht völlig decken. Deshalb ist der Verein auf Spenden angewiesen. "Dieses Geld kommt eins zu eins den Tieren zugute", betont Lechl.

Sie selbst kam zum Verein, als sie für ihre Tochter einen neuen Kater suchte, nachdem ihr vorheriges Tier verstorben war. In deutschen Tierheimen wurde sie nicht fündig, so suchte sie im Internet. Dabei stieß sie auf Sonja Limmer, die damals das Projekt "Siamkatzen in Not" leitete. Später lernten sie sich persönlich kennen, und weil Lechl schon immer Tieren helfen wollte, schloss sie sich dem Projekt an. 2006 gründeten diese Tierschützer den AHE. Hier übernimmt Lechl Vorbesuche, Nachkontrollen und übergangsweise auch Tiere aus Spanien.

Wie alle Mitarbeiter engagiert sie sich ehrenamtlich. Das kostet Zeit, Anstrengung und auch Geld, wenn sie einen Tierarztbesuch macht oder als eine der Helferinnen bei der Kastrationsaktion im Januar in Spanien Reise und Unterkunft aus eigener Tasche bezahlt. Doch diesen Preis zahlt sie gern, um zu helfen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Flugpaten zur Pflegefamilie
Autor
Anja Gaugigl
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2013, Nr. 169, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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