40 Katzen in zwei Mietwohnungen

Wenn Rita Reiss die Tür der ehemaligen Mietwohnung in Allmersbach im Tal öffnet, wird sie bereits von 25 in sämtlichen Grüntönen schimmernden Augenpaaren sehnsüchtig erwartet. Rita Reiss ist die Besitzerin einer Katzenpension in dem kleinen Dorf in der Backnanger Bucht am Rande des Schwäbischen Waldes. Dort kümmert sich die Mutter zweier Kinder für jeweils neun Euro am Tag um die Katzen verreister Familien.

Die Liebe zu Tieren, vor allem für Katzen, entdeckte die 56 Jahre alte Frau vor 30 Jahren, als sie von ihren Bekannten ein Kätzchen bekommen hatte. Seit nun fast vier Jahren betreut die früher selbständige Bauzeichnerin in zwei Wohnungen bis zu 40 Katzen, während deren Besitzer im Urlaub sind. Sie sei ganz zufällig auf diese Idee gekommen, als sie mit ihrem Mann, einem Mechanikermeister, im Internet nach einer zweiten Katze gesucht habe und dabei auf eine Homepage stieß, die Katzenpensionen vermittelte. Da die Aufträge als Bauzeichnerin schon seit einem Jahr zurückgingen, beschloss sie, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dieser Plan gestaltete sich nicht einfach, denn es gibt viele Vorschriften zu beachten, deren Einhaltung vom zuständigen Veterinäramt überprüft wird. So muss zum Beispiel für jede Katze ein Platz von zwei Quadratmetern zur Verfügung stehen.

Der Tag der lebenslustigen Schwäbin beginnt um acht Uhr. "Ich räume nachts das Futter weg, so sehe ich morgens, ob sich eines der Tiere komisch verhält", erklärt sie. Dementsprechend ist der Hunger groß, und die Katzen kommen aus ihren Verstecken, unter den Kratzbäumen hervor und aus den Kartons, von denen es in der etwa 50 Quadratmeter großen Wohnung genügend gibt, und stürzen sich auf die liebevoll angerichteten Fressnäpfe. Die Kratzbäume und Klettermöglichkeiten, die im Raum verteilt stehen oder an den mit Fototapete verkleideten Wänden befestigt sind, hat das Ehepaar selbst gebaut. "Die gekauften wären der Belastung von so vielen Katzen einfach nicht gewachsen gewesen." Während sich die einen nach vielen Streicheleinheiten wieder mit den kleinen Rasseln, den Quietschtieren und dem anderen Spielzeug vergnügen, kümmert sich Rita Reiss um ihre kranken Besucher. In kleinen Käfigen bekommen die Diabetiker ihre Insulinspritzen, und hier werden die ängstlichen Tiere eingewöhnt.

Es dauere meist zwei bis drei Tage, bis die Katzen sich in ihrer neuen Umgebung zurechtfänden, erzählt Rita Reiss, während sie einem schwarzgefleckten Kater beruhigend den Nacken krault. "Man darf halt nicht zimperlich sein und sich nicht vor Tieren ekeln." Nach weiteren Streichelund Kuscheleinheiten wendet sich die schlanke Frau den Katzenklos zu. Sie benutzt ganz besonderes Streu, das Klumpen bildet, wenn es nass wird. So müsse sie nicht täglich alles auswechseln, das erspare ihr viel Zeit, sagt sie, krempelt die Ärmel ihrer dunkelblauen Weste hoch und rückt die rechteckige Brille zurecht.

So friedlich und ruhig wie im ersten Stock geht es in der Untergeschosswohnung nicht zu. Da können die bis zu 15 Katzen neben dem Innenraum für einen Aufpreis von zwei Euro am Tag auch den naturbelassenen und eingezäunten Garten zum Toben und Spielen nutzen. Doch nicht alle Tiere wissen dieses Privileg zu schätzen. Als Rita Reiss eines Sommermorgens nach den Katzen sehen wollte, begrüßte sie eines der Tiere von der anderen Seite des Zauns. Bei näherem Hinsehen stellte sie fest, dass noch drei weitere Katzen fehlten.

Ein Neuzugang hatte in der Nacht die Drähte des Zauns so lange nach oben gebogen, bis ein etwa katzenkopfgroßes Loch entstanden war. Nachdem sie mit ihrem Mann die nähere Umgebung abgesucht hatte, rief sie die Besitzer der entwischten Tiere an. Die Kinder der Familie waren daraufhin so aufgeregt, dass die Eltern den Urlaub abbrechen und zum Suchen nach Allmersbach kommen mussten. Doch ohne Erfolg. Während die beiden anderen Tiere nach einigen Tagen wieder vor der Katzenpension miauten, blieb der Liebling der beiden Mädchen verschwunden. Nach drei Wochen erhielt Rita Reiss die erleichternde Nachricht, eine Familie habe die Katze vor einigen Tagen entdeckt und zum Tierarzt gebracht, der anhand der Tasso-Registrierung, des unverbindlichen Haustierzentralregisters, die rechtmäßigen Besitzer ausmachen konnte.

Doch derartige nervenaufreibende Vorfälle seien die Ausnahme. In der Regel komme es nur zu wenigen und kleineren Zwischenfällen, wenn eines der Tiere sie oder die anderen Tiere nicht leiden könne. "Dann wird man schon mal angefaucht, angeknurrt, gekratzt oder sogar gebissen." Aber sie sei bis auf eine von einem Biss herrührende Blutvergiftung bisher nicht ernsthaft zu Schaden gekommen.

Um der Ausbreitung von Viren vorzubeugen, müssen die Besitzer der Katzen bei der Abgabe der Tiere einen ausgefüllten Impfpass vorlegen. "Denn sonst ist es hier wie im Kindergarten, die Erreger breiten sich sehr schnell aus." Vor einiger Zeit fiel der fürsorglichen Katzenpflegemutter bei ihren täglichen Rundgängen auf, dass eines ihrer Schützlinge Schmerzen beim Wasserlassen zu haben schien. Als dies nach einigen Tagen nicht besser wurde, brachte sie die Katze besorgt zum Tierarzt, der Blasensteine diagnostizierte und eine OP anordnete. Sofort rief Rita Reiss die Besitzer des Tieres an, da sie deren Einverständnis benötigte. Als sie diese jedoch nicht ausfindig machen konnte und die Katze sich zu allem Übel auch noch den Darm herausgedrückt hatte, nahm sie kurzentschlossen das Risiko auf sich, am Ende selbst auf den Kosten der OP sitzenzubleiben, und ließ die Blasensteine entfernen. Doch zu ihrem Glück waren die Besitzer, die ihre Katze einige Tage darauf abholten, mit ihrer Entscheidung einverstanden.

Die Katzenmutter investiert viel Zeit in ihre Schützlinge: "Ich brauche morgens drei und abends etwa zwei Stunden, um den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden." Außerdem schaut sie mehrmals am Tag vorbei, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Und da sich das Außengehege direkt neben ihrem Schlafzimmerfenster befindet, bekommt sie sofort mit, wenn die Tiere unruhig werden. Durch diese Möglichkeit, schnell eingreifen zu können, vermeidet sie auch eine unnötige Lärmbelästigung der Nachbarn. Dies sei vor allem sonntags etwas nervig, meint sie, während sie sich durch ihr dunkles, kurzes Haar streicht.

Trotz der zahlreichen Besucher kann sie vom Gewinn der Pension nicht leben. "Ich liefere nur einen Zuschuss zum Verdienst meines Mannes. Ich bin sehr froh, dass er mich unterstützt und mir hilft, meinen Traum auszuleben." Dennoch würde sie ihre Pension nicht mehr gegen den Schreibtisch eintauschen wollen, hier habe sie die Möglichkeit, ihre Zeit mit den Tieren zu verbringen, die sie liebt.

Informationen zum Beitrag

Titel
40 Katzen in zwei Mietwohnungen
Autor
Veronika Rüb
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2013, Nr. 169, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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