Um Leben zu retten

Ein mulmiges Gefühl gehört dazu

Marschbefehl im Einsatz für den Frieden. Ein Oberstabsfeldwebel über seinen fünften Afghanistan-Einsatz.

Ein mulmiges Gefühl gehört für Christian mit zum Beruf. Der 49-jährige Aachener ist Soldat der Bundeswehr, eingesetzt in einer integrierten Verwendung im Nato-Verband. Er hat den Rang eines Oberstabsfeldwebels und bereitet sich zurzeit auf seinen fünften Afghanistan-Einsatz vor, der etwa sechs bis acht Wochen andauern wird. Der zweifache Familienvater ist seit 30 Jahren Bundeswehrsoldat, wurde 1990 Berufssoldat und ist am Awacs-Stützpunkt in Geilenkirchen-Teveren bei Aachen stationiert. Seine Funktion ist die des Abteilungsleiters der Wartungs- und Inspektionsstaffel.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Einige medizinische Tests müssen absolviert werden, wobei die Gesundheit überprüft und ein umfassender Belastungscheck durchgeführt wird. Ebenfalls zur Vorbereitung gehört das Erstellen einer Packliste, auf der er alles aufführt, was in seinen Kleidersack kommt. Neben seiner Uniform gehören noch diverse Sportsachen, eine ABC-Schutzmaske sowie eine Splitterschutzweste zur Ausrüstung. Auf private Bekleidung muss verzichtet werden, so dass das einzige private Teil, was er mitnimmt, ein Kopfkissen ist, das die Bilder seiner Frau und seiner beiden Kindern zeigt.

Der erste Einsatztag beginnt für Christian immer gleich. In einem siebenstündigen Nonstopflug bringt eine normale Linienmaschine die Soldaten direkt zum Militärstützpunkt nach Mazar-e-Sharif in Afghanistan. Der Flugplatz ist Teil des weitläufigen Camps Marmal, das Christian in den kommenden Wochen aus Sicherheitsgründen nicht mehr verlassen darf. Kontakt zu Afghanen hat er während seiner gesamten Einsatzzeit nur auf dem campeigenen Basar, auf dem die Soldaten Schals, Teppiche und viele weitere handgefertigte, einheimische Produkte in Euro erwerben können.

Die angekommenen Soldaten haben nicht viel Zeit, sich an den Rhythmus der kommenden Wochen zu gewöhnen. Sie arbeiten im Schichtdienst, was bedeutet, dass auf zwölf Stunden Dienst zwölf Stunden Freizeit folgen. Diese ist für Christian aber oft nur Theorie, da er als Abteilungsleiter der Wartungsstaffel ein gefragter Mann ist. Die Wochen im Camp sind nicht vergleichbar mit denen in der Heimat. "Man ist viel angespannter, wachsamer und aufmerksamer. Es ist ein ganz anderes Gefühl für die Umgebung da. Jedes unerwartete Geräusch lässt einen zusammenzucken." Aber auch persönliche Probleme belasten Christian in Afghanistan stärker als üblicherweise. "Man hat auf die Probleme daheim keinen Einfluss. Es ist eine Art Hilflosigkeit, die sich in einem ausbreitet."

In diesem Zusammenhang erzählt Christian von der bedrückenden Situation, als bei seinem zweiten Afghanistaneinsatz die Mutter seiner Frau mit einem schweren Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde und er nur in Telefonaten seiner Frau und seinen Kindern Beistand leisten und tröstende Worten spenden konnte.

Aber von solchen Gegebenheiten darf der Oberstabsfeldwebel sich nicht beeindrucken lassen, denn die aus vielen Nationen bestehende Wartungsstaffel zählt auf ihn, und auch er selbst hat an sich höchste Ansprüche. Seine Wartungscrew hat die Aufgabe, die vom Einsatz zurückkommenden Awacs-Maschinen in Empfang zu nehmen, komplett technisch zu überprüfen, Reparaturen durchzuführen und die Maschine für ihren nächsten Einsatz wieder startklar zu machen. Hier sind höchste Konzentration und ein gutes technisches Auge unabdingbar, da der kleinste Fehler zu einer Störung oder sogar dem Ausfall des Radars führen könnte. Denn neben dem hochtechnisierten Innenleben des unbewaffneten Flugzeugs des Typs Nato E-3A verfügt die umgebaute Boeing 707-320 über einen 3,6 Tonnen schweren, 1,8 Meter dicken Radarschirm mit einem Durchmesser von 9,1 Metern. Mit diesem Radarsystem ist es möglich, bei einer Flughöhe von 9150 Metern einen Erfassungsbereich von 312 000 Quadratkilometern zu kontrollieren.

Wichtig ist für Christian aber auch, trotz der fast ganztägigen Einsatzbereitschaft, der Kontakt zu seiner Familie und seinen Freunden. Neben E-Mails und Briefen führt Christian auch alle zwei oder drei Tage ein Telefonat mit seiner Frau, ruft einmal in der Woche seine Mutter an und telefoniert, wenn nötig, auch mit seinen engsten Freunden. Er wohnt in einem zehn Quadratmeter kleinen Wohncontainer, den er sich noch mit einem weiteren Soldaten teilen muss, so dass für Privatsphäre nicht viel Platz bleibt.

Da Christian auch ein leidenschaftlicher Sänger ist, erzählt er auch von dem Chor, der sich im deutschen Militärdekanat gebildet hat. Dieser Chor besteht aus Soldaten vieler Nationen, die Deutsch sprechen können. Er muss immer wieder neue Soldaten integrieren und andere ersetzen, die nach Hause fahren. Auftritte hat Christian mit seinem Chor jeden Sonntag im Gottesdienst und mittwochs während der wöchentlichen Besinnungsstunde. Größere Auftritte hat der Chor während der Weihnachts- und Ostermesse. Nicht nur die alltägliche Routinearbeit als Soldat stellt ihn und seine Kameraden vor Herausforderungen, sondern auch skurrile Situationen. Beispielsweise tauchte plötzlich eine tellergroße Kamelspinne vor einem Kameraden auf, woraufhin er erst entsetzt stehenblieb und dann loslief, so schnell er konnte. Diese Tiere können eine Geschwindigkeit von bis zu 50 Stundenkilometer erreichen, so dass der Kamerad noch Glück hatte, sich mit einem Sprung in einen Schlafcontainer retten zu können. Ein Biss der giftigen Spinne kann noch Tage später zu Übelkeit, Erbrechen oder auch einem Taubheitsgefühl führen.

Aber auch angenehme Momente hat Christian in seiner Zeit als Berufssoldat schon erlebt. So wurde beispielsweise eine Hochzeit organisiert, bei der sich zwei Menschen aus völlig verschiedenen Ländern das Jawort gaben. Sie aus Argentinien und er aus Deutschland wurden vor ihrer Abreise bei einer zünftigen Grillparty, während deren eine fiktive Trauung abgehalten wurde, verabschiedet. In einem Zelt diente ein alter Tisch als Altar, es gab Orgelmusik vom Smartphone und sogar zwei Messingringe konnten angefertigt werden und wurden getauscht.

Aber auch beklemmende und traurige Begebenheiten gehören zum Leben im Camp manchmal dazu. So musste Christian bereits einige Male Ehrenspalier stehen, um einen im Einsatz gefallenen Kameraden auf seinem letzten Weg Richtung Heimat zu verabschieden. Dabei wird ihm immer wieder aufs Neue bewusst, in welch einem Risikogebiet er sich befindet und dass der Name auf der Gedenkstätte der gefallenen Kameraden auch sein Name sein könnte.

Informationen zum Beitrag

Titel
Um Leben zu retten
Autor
Alexander Helmer
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2013, Nr. 181, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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