Eine glückliche Familie

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Jonathan hat das Down-Syndrom und das Glück, in eine Familie hinein geboren zu sein, die ihn annimmt, so wie er ist. Das Leben des Vierjährigen, seinen Eltern und den drei Geschwistern ist harmonisch. 

Langsam merkt Jonathan, dass er anders ist als andere Kinder“, stellt die 39 Jahre alte Martina Vogt besorgt fest. Dabei schweift der Blick der vierfachen Mutter sanft über ihre beiden jüngsten Kinder, die im mit Spielzeug übersäten Garten in Brackel spielen, einem Ort in der Lüneburger Heide. Während der zweijährige Matti die Sandmassen zu einer Burg zusammenschiebt, legt der zwei Jahre ältere Jonathan mehr Wert auf die genaue Umsetzung seines Bauvorhabens.

Was im ersten Moment nicht auffällt, der blondgelockte Jonathan hat das Down-Syndrom. Äußerlich fallen erst bei näherer Betrachtung die kleinen Unterschiede auf. So besitzt Jonathan die typischen schräg sitzenden Augen und auch eine breitere Nase. „Da fällt man erst mal hintenüber“, beschreibt Martina Vogt den Moment, als sie erfuhr, dass das gemeinsame Kind mit Altenpfleger Michael Schilling an einer Behinderung leidet. Das war vor vier Jahren in einem Lüneburger Krankenhaus. 

Anfangs stellte sie die Frage nach dem Warum

„Mein Mann Michi hat ihn sofort akzeptiert und mich dadurch aufgefangen“, erklärt die zierliche Frau mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Frage nach dem Warum stellte sie sich in den ersten Monaten oft. Aber schon im Krankenhaus merkte die studierte Ausdruckstänzerin, dass sie sich um ihr Kind sorgt und es liebt. Die Ärzte konnten keine für Menschen mit Down-Syndrom typischen Krankheiten, wie einen Herzfehler, bei ihrem Neugeborenen feststellen. Nur eine unnatürliche Häufigkeit an Lungenentzündungen quälen Jonathan.

Dennoch hat er Glück, seine körperlichen Aktivitäten sind nicht eingeschränkt. Hierbei helfen die täglichen Logopädie-, Krankengymnastik- und Ergotherapien, an denen er in seinem Integrationskindergarten in Asendorf teilnimmt. „Trecker, Trecker“, schreien die Jungs gleichzeitig, als das Kinderlachen und Pferdewiehern vom benachbarten Ponyhof durch das Geräusch eines Treckers unterbrochen wird. Mit vor Aufregung aufgerissenen Augen und schnellen, leicht unbeholfen wirkenden Schritten rennen Matti und Jonathan dem Zaun entgegen, um einen besseren Blick erhaschen zu können. Einzig ihre Größe unterscheidet sie. Geistig sind die Brüder momentan auf dem gleichen Stand. Schon bald wird Matti jedoch Jonathan in der Entwicklung überholen. „Dafür hat Jonathan das Glück, dass er sozusagen out of order ist“, sagt Martina Vogt. Kinder mit Down-Syndrom werden häufig unterschätzt. Viele haben besondere Fähigkeiten. Bei Jonathan liegen diese im musikalischen Bereich. Wenn Musik ertönt, ist er nicht mehr zu halten und bewegt sich rhythmisch zum Takt.

Danach suchte sie Gewissheit

„Meine Freundinnen finden ihn alle süß“, sagt die 13-jährige Johanna Vogt. Für sie ist Jonathan einfach nur ihr Bruder. Bei ihrem Bruder Aaron hat der Prozess des Verstehens erst begonnen. „Er ist einfach Jonathan“, sagt der ruhige Siebenjährige, der sich für Fußball begeistert und seinen kleinen Bruder nicht sonderlich anders findet.

Ein naher Verwandter wies Martina Vogt darauf hin, dass es pränatale Diagnostiken gibt, um nicht solche Kinder zu bekommen. „Es hat mich sehr getroffen, als Jonathan das mitbekam“, sagt die Mutter. Bei ihrem letzten Kind, Matti, suchte sie Gewissheit. „Ich hätte nicht gewusst, ob ich noch ein weiteres Kind mit Behinderung psychisch ertragen könnte“, gibt sie ehrlich zu. „Wir sind eine ganz normale Familie mit all ihren Problemen und Freuden“, sagt ihre 69 Jahre alte Mutter Margarete Vogt. Jedes der vier Kinder ist etwas Besonderes. „Jonathan ist, wie er ist. Wir möchten ihn nicht anders haben“, sagt die ganze Familie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine glückliche Familie
Autor
Von Marieke Pein Immanuel-Kant-Gymnasium, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2010, Nr. 80 / Seite N6
Projekt
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