Zwei Schüsseln Reis für alle acht Kinder

Dang Viet Ngoc erinnert sich an seine Flucht aus Vietnam  
Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens", sagt Dang Viet Ngoc aus Zeil am Main in der Nähe von Bamberg nachdenklich. Der kleine, kräftige Mann mit schwarzen Haaren und den schmalen Augen hält zwei zehn Zentimeter lange Holzstäbchen und eine mit Reis gefüllte Schüssel in der Hand. Er war damals ein kleiner Junge, etwa zehn Jahre alt. Zunächst waren die Bewohner des Saigoner Vororts kaum betroffen, doch mit der Machtübernahme durch die Kommunisten habe sich die Lage "dramatisch verschlechtert", erzählt Dang Viet Ngoc. "Man hatte Angst. Alles wurde kontrolliert. Man konnte jederzeit verschleppt werden." Sein Vater wurde ständig zu sogenannten Kursen abgeholt. Umerziehung lautete das Zauberwort der Kommunisten. Die Familie wusste nie, ob und wann der Vater zurückkehrt.

Seine Eltern arbeiteten als Landwirte und konnten die acht Kinder nur mit dem Nötigsten versorgen. "Zwei Schüsseln Reis und eine Süßkartoffel haben wir am Tag gegessen", erinnert sich Dang Viet Ngoc. Süßkartoffeln galten damals als Tierfutter. "Man fühlte sich eingeengt." Als junger Mensch wollte man aber frei sein. "Man konnte niemandem trauen", schildert er die schwierige Situation. In Vietnam gab es keine Zukunft für ihn. Er wollte seine Heimat verlassen. Raus aus dem Land. Im Mai 1981 flüchtete er. 32 Südvietnamesen machten sich ohne Ziel und mit viel Hoffnung in einem zwölf Meter langen und 2,5 Meter breiten Fischerboot auf den Weg über das Meer. Auf der Fahrt gab es noch eine Hürde. Die Flüchtlinge wurden von einer Patrouille gestoppt. "Mit Wein und Lebensmitteln haben wir sie bestochen", erinnert sich Dang Viet Ngoc. Es ging gut.

Doch die Ungewissheit machte Sorgen. Sie hatten keinen richtigen Kapitän und nur einen kleinen Taschenkompass, der zur Orientierung diente. Die Flüchtlinge nahmen Benzin für den Bootsmotor und Lebensmittel mit, die für zwei Wochen reichen sollten. Mit dem Kraftstoff, den sie in Plastiktüten dabei hatten, kamen sie nicht weit. Die Ladung verrutschte, und dabei platzten die Benzintüten. Das Boot trieb nur noch. "Wir waren fast erledigt", beschreibt er die dramatische Situation. Zweimal wurde die Gruppe auf dem Boot von Piraten überfallen. Die Verbrecher wollten Wertsachen und versprachen, die Flüchtlinge an einen sicheren Ort zu bringen. Nach einer Weile kappten sie das Seil. "Wenigstens hatten sie uns Wasser und Lebensmittel gegeben", erinnert er sich. Auch Fischerboote aus Thailand haben die Flüchtlinge mit Proviant versorgt. "Piraten und Fischer haben uns das Leben gerettet."

Nach 27 Tagen auf See trafen die Flüchtlinge auf die Cap Anamur. "Das war das Beste, was uns passieren konnte." Auf diesen Moment hat die Gruppe seit rund einem Monat gewartet. Doch nicht jeder konnte sich darüber freuen. "Manche konnten nicht mehr gehen", beschreibt Dang Viet Ngoc den Zustand vieler Schicksalsgenossen. Von weiteren Flüchtlingen weiß der heute 50-Jährige Zeiler, dass sie schwere Traumata erlitten haben. Über verschiedene Stationen kam Dang Viet Ngoc nach Deutschland. Er hatte zwischenzeitlich in einem Flüchtlingslager auf den Philippinen Deutschunterricht bekommen, um sich auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Zunächst hielt er sich in Hamburg auf. Dort besuchte er eine Berufsschule und begann anschließend eine Ausbildung zum Schlosser. Weil er einen Onkel in der Nähe von Würzburg hatte, besuchte er die Stadt, und dort traf er auf Le Trang. Die beiden Vietnamesen aus dem gleichen Saigoner Vorort wurden ein Ehepaar.

Nach seiner Ausbildung machte er seinen Meisterbrief und gründete seinen eigenen Metallbaubetrieb. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen drei Söhnen im Alter von 14, 15 und 19 Jahren in der kleinen fränkischen Stadt. Seine Söhne fühlen sich in Deutschland wohl. Sie waren bereits dreimal in Vietnam, wo es ihnen gefallen hat. Aber ein Leben können sie sich dort nicht vorstellen. Für Dang Viet Ngoc würde eine Rückkehr nach Vietnam in Frage kommen, weil der Kommunismus nicht mehr der gleiche wie vor 30 Jahren sei.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwei Schüsseln Reis für alle acht Kinder
Autor
Luat Dang
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2013, Nr. 181, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180