Irgendwo im Nirgendwo

Die Berlinerin Helena landete als Austauschschülerin in einem Dorf in Nebraska und staunte nicht schlecht
 
Riesige Shoppingmalls, Fastfoodketten, weltbekannte Metropolen, Glamour, Stars und Sternchen. Jedes Jahr reisen Tausende lebenslustige Austauschschüler voller Erwartungen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um den amerikanischen Lifestyle zu erleben. Viele haben den Fotoapparat immer griffbereit, sollte Mr. Clooney oder sein Freund Mr. Pitt zufällig einen Tisch weiter beim Brunch sitzen. Doch wenn man dann anstelle von Luxusautos und hippen Sushiläden plötzlich von Traktoren, zwei Häusern in Sichtweite und mehr Kühen als Menschen umgeben ist, fragt sich der verwirrte Austauschschüler, ob er nicht doch irgendwo falsch ausgestiegen ist. Das ist doch nicht Amerika?

Davon kann Helena Peters ein Lied singen. Die braunhaarige Berlinerin verschlug es als 16-Jährige für zehn Monate in ein Städtchen namens Ord mit knapp 2000 Einwohnern. Ord liegt in Nebraska im mittleren Westen. Nach Abschluss der zehnten Klasse auf dem Gymnasium zog sie los. "Meine Eltern haben mich in meinem Vorhaben immer unterstützt und dazu motiviert, es war eine große Entscheidung und vor allem Herausforderung, und ich bin ihnen sehr dankbar, dass ich damals auf sie zählen konnte", sagt Helena ernst.

Helena kann sich noch gut daran erinnern, wie geschockt sie war, beim Verlassen des kleinen Flughafens die vielen Cowboyhüte zu sehen. "Mein Gastvater, der wie seine Frau in den Vierzigern war, hatte ebenfalls so einen Hut auf, passend zu seinem roten Holzfällerhemd und den braunen Stiefeln. Und als wir dann auch noch auf einen großen, blauen Truck zusteuerten, passte das nur zu gut zu meinen ersten Eindrücken. Auf dem Weg zu dem, was mein neues Zuhause werden sollte, verbrachte ich die ganze Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen und den Gedanken daran zu verdrängen, dass je länger wir fuhren die Abstände zwischen den Häusern nach und nach größer wurden. Letztendlich musste ich mir eingestehen, dass ich in der Tat im Nirgendwo leben würde für die nächsten zehn Monate", erzählt Helena.

Sie schmunzelt: "Das war in dem Moment wirklich ein Schock, ich hatte ja noch nie auf dem Land gelebt. Gastgeschwister hatte ich auch nicht, mit denen ich etwas unternehmen konnte, das war schon schwer am Anfang. Ich hatte trotzdem unglaubliches Glück mit meiner Familie. Meine Gastmutter, die ungefähr halb so groß und breit war wie ihr Mann, hat sich besonders in den ersten Wochen liebevoll um mich gekümmert. Sie hat im Gegensatz zu meinem Gastvater, der Briefträger war, zu Hause gearbeitet und konnte mehr Zeit mit mir verbringen." Außerdem hatten beide schon Erfahrung mit Austauschschülern, da in dem Jahr zuvor ein Mädchen aus Brasilien bei ihnen gewohnt hatte.

Helenas neues Zuhause hätte nicht amerikanischer sein können, das Haus war ganz aus Holz, unglaublich groß und gemütlich eingerichtet. Um die Einkäufe zu erledigen, mussten Helena und ihre Familie eine Stunde lang in den nächstgrößeren Ort fahren. Zu Beginn hatte sie noch großes Heimweh, auch die häufigen Videoanrufe mit Freunden und Familie konnten sie nicht aufheitern, sie hatte sich ihr Leben in den Staaten doch ein wenig anders vorgestellt.

Die ersten Wochen verstrichen, und mit der Zeit gewöhnte Helena sich an ihr neues Leben, entdeckte sogar, dass es einige Vorteile mit sich bringt, auf eine kleinere High School zu gehen. "Die Schulzeit war mit Abstand das aufregendste, nach zwei Tagen wusste jeder, wie ich heiße. Sogar Leute, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, sprachen mich mit meinen Namen an und wollten unbedingt, dass ich ihnen etwas von mir erzähle. Es hat mich damals sehr überrascht, wie interessiert sie an mir waren, ich wurde viel über mein Leben in Deutschland gefragt, und einige Mitschüler baten mich darum, ihnen meine Sprache ein bisschen beizubringen."

Obwohl in großen Städten mehr geboten wird, war es Helena nie langweilig in ihrer Freizeit, ihr Gastvater nahm sie mit zum Jagen oder zeigte ihr, wie man Auto fährt, was zu ihrem Glück auf dem Land keiner mitbekam, denn legal war das dann doch nicht. Mit ihren neuen Freunden ging sie jeden Freitag los, um ihre Schulmannschaft beim Footballspielen anzufeuern. Sie träumte und dachte das erste Mal auf Englisch.

Auf die Frage, ob ihr denn jemals etwas Peinliches passiert ist, grinst sie nur: "Natürlich, und nicht nur einmal. An einem Montag nach den Weihnachtsferien erkannte ich einen guten Freund von mir auf dem Schulhof, der mit dem Rücken zu mir stand. Sofort kam mir die blendende Idee, mit Anlauf auf ihn zuzuspringen und ihn zu überraschen. Als dieser sich dann umdrehte, war es nicht das bekannte Gesicht meines Freundes, das mich wütend ansah, sondern das meines Geschichtslehrers. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken."

Der Abschied sei mit Abstand das Schlimmste gewesen. "Wenn ich damals die Wahl gehabt hätte, wäre ich vermutlich nicht in den Flieger Richtung Deutschland gestiegen, sondern stattdessen in Nebraska geblieben." Sie sei froh, "das echte Amerika kennengelernt zu haben, damit meine ich, wie die Leute abseits des großen Hollywoods ihr Leben führen, das, was sich hinter geschlossenen Türen abspielt. Nach New York oder Los Angeles kann ich auch im Urlaub fahren."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Irgendwo im Nirgendwo
Autor
Annalena Maurer
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium
Klasse
München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2013, Nr. 175, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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