Viel zu viel Englisch an der Universidad

Erasmusstudentin Nadine erfreut sich dennoch an der spanischen Mentalität  
Un desastre!", ruft eine ältere Spanierin mit langen, von silbrigen Strähnen durchzogenen Haaren und versucht mühselig, das Tablett in ihren Händen auszubalancieren. Sobald ihr das gelungen ist, gewinnt sie augenblicklich ihr strahlendes Lächeln zurück und setzt ihre Unterhaltung mit lauter, energiegeladener Stimme fort, während sie mit ihrer freien Hand gestikuliert. "Es ist ganz normal hier in Spanien, unfreiwillig das ein oder andere Familiengeheimnis zu erfahren", schmunzelt Nadine Dissemond aus Euskirchen bei Köln und wirft der Spanierin einen amüsierten Blick zu. "Die Mentalität der Menschen, diese Offenheit und Freundlichkeit, ist eines der Dinge, die ich besonders an Spanien liebe." Die Studentin streicht sich eine leicht verschwitzte Strähne ihrer frechen Kurzhaarfrisur aus der Stirn: "Außerdem ist es hier im Februar bereits sonnige 15 Grad warm und die Atmosphäre ist nicht so hektisch wie in Deutschland, da in Spanien beispielsweise alle Geschäfte von 14.30 bis 16.30 Uhr wegen der Siesta geschlossen haben. Auch das Lernen an der Universität gestaltet sich somit viel entspannter."

Seit zwei Monaten wohnt die 21-Jährige in der Nähe von Huelva, wo sie für ihren Bachelor International Business studiert. Dieser Studiengang ist mit Betriebswirtschaft mit internationaler und interkultureller Ausrichtung zu vergleichen. Ihr Auslandssemester wollte Nadine in einem spanischsprachigen Land verbringen, weil sie auch Spanisch belegt hat. An der Universidad de Huelva kommen von den 300 Erasmusstudenten 50 aus Deutschland. "Am Anfang war es natürlich etwas kompliziert, mich selbst in die ganzen Kurse einzuschreiben und eine Wohnung zu finden, aber da ich vorher bereits recht selbständig war, hat mir auch das keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet." Mittlerweile wohnt sie mit zwei Polinnen und einem Spanier zusammen in einer WG. "Vom schönen Spanien bekomme ich, wenn ich aus dem Fenster blicke, allerdings nicht besonders viel mit. Entweder sehe ich den gegenüberliegenden Häuserblock oder einen kleinen Teil des industriell geprägten Hafens", erklärt sie.

Da die Bewohner oft unterwegs sind, treffen sie innerhalb der WG nicht besonders häufig aufeinander, und wenn, läuft die Kommunikation auf Englisch ab. "Das ist am einfachsten für alle Beteiligten", erläutert Nadine. Ganz problemlos sei das Zusammenleben aber nicht: "Hin und wieder gibt es Streitigkeiten um das Putzen und Einkaufen von Gemeinschaftsartikeln. Meine Mitbewohnerinnen räumen nicht besonders gerne auf, sodass diese Arbeiten auch oftmals an mir hängen bleiben. Somit ist die gesamte Arbeit im Haushalt etwas ungleich verteilt." Aber trotzdem bleibt der 1,80 Meter großen Frau noch genügend Zeit, Sehenswürdigkeiten zu erkunden, einen Abstecher nach Portugal oder Marokko zu machen oder abends feiern zu gehen. "Es ist lustig, wenn meine Freunde und ich um 20 Uhr denken, dass wir zum Essen spät dran sind, aber meist sind die Bars, wenn wir dann endlich dort sind, fast leer, da die Menschen hier erst gegen 22 Uhr zu Abend essen. Außerdem kann es einem als große Frau leicht passieren, angestarrt oder nach einem Foto gefragt zu werden. Auf High Heels ist das natürlich noch extremer", sagt Nadine und schlägt ihre langen Beine übereinander.

Doch das Leben im Ausland bietet nicht nur Vorteile. "Negativ ist vielleicht, dass ich nicht so viel Spanisch lerne und spreche, wie ich mir erhofft habe, da viele Kurse in der Universidad auf Englisch gehalten werden, und dass der Anspruch hier nicht so hoch ist wie in Deutschland und ich dadurch später vielleicht Nachteile in der Bachelorprüfung haben könnte." Von seiner Familie und seinen Freunden getrennt zu sein, sei schwierig. "Besonders meinen Freund nach einem gemeinsamen Urlaub wieder gehen zu lassen, macht mich manchmal ziemlich traurig. Aber mit Facebook und Skype sind wir ja immer in Kontakt." Deswegen freue sie sich auch, wenn sie in drei Monaten wieder ins Rheinland kommt. "Zu Hause ist es eben doch am schönsten!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Viel zu viel Englisch an der Universidad
Autor
Franziska Dissemond
Schule
Marienschule , Euskirchen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2013, Nr. 175, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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