Kühe, die gemolken werden möchten, gehen zum Roboter

Fährt man im Umland von Stuttgart über die hügeligen Felder zwischen Bietigheim und Freiberg am Neckar, dann hört man die rund 130 Kühe des Bäßlerhofs zufrieden muhen. Eine Kuh gibt jeden Tag etwa 30 Liter Milch. Das ganze Jahr über blicken die Tiere auf die umliegenden Felder, während sie sich unter ihrer Überdachung frei bewegen. Bei jeder Wetterlage kauen die Kühe genüsslich auf ihrem Futter herum und muhen freundlich, wenn jemand vorbeiläuft. Wenn sie gemolken werden wollen, laufen sie einfach in die Melkbox, in der ihnen ein Melkroboter die Milch aus dem Euter abzapft. Von dort gelangt die Milch in einen Tank.

In der Regel wird von diesem Tank die Milch drei Mal die Woche vom Unternehmen Campina abgeholt und nach Heilbronn zur Weiterverarbeitung gefahren. Es gibt noch einen weiteren Weg, den die Milch nehmen kann: Eine Pumpe befördert die Rohmilch, also die Milch, die direkt von der Kuh kommt und unbehandelt ist, aus dem Tank zur Milchtankstelle.

Gerade reinigt Fritz Bäßler, der Sohn des Betriebsleiters des Hofes, einen in einer Hofwand integrierten metallenen Kasten, der die Zapfsäule der Milchtankstelle darstellt. "Die Rohmilch, die hier erhältlich ist, ist nicht abgekocht. Sie darf nur direkt am Hof verkauft werden. Im Supermarkt hingegen gibt es nur pasteurisierte Milch und nur Milch mit einem Fettgehalt von bis zu 3,8 Prozent. Dahingegen schwankt der Fettgehalt unserer Rohmilch je nach Fütterung zwischen 3,9 und 4,4 Prozent", erklärt der großgewachsene, braunhaarige Landwirt. Öffnet ein Kunde das Türchen und füttert den sogenannten Brunimaten mit 60 Cent, fließt ein Liter Milch in das mitgebrachte Gefäß. 24 Stunden am Tag ist diese Milch so erwerbbar.

Prinzipiell kommt die Rohmilch von denselben Kühen wie die im Supermarkt erhältliche Milch. Allerdings kostet die vergleichbare Milch im Handel um die 40 Cent mehr als die Milch hier. Jedoch hält die Rohmilch nicht lange. Zudem ist sie nicht keimfrei, ein Schild rät, sie abzukochen. "Ich würde unsere Milch nicht extra für mich vor dem Verzehr abkochen", lacht der 25-Jährige. Rohmilch macht gesunden Menschen nichts aus. Bärbel Nisi vom Ernährungszentrum Mittlerer Neckar empfiehlt aber: "Schwangere, Säuglinge und ältere Menschen, im Allgemeinen also Immunschwache, müssen Rohmilch immer abkochen, da diese Bakterien enthält, die eine Infektion auslösen können."

Vor fünf Jahren installierten die Bäßlers die 3500 Euro teure Milchtankstelle. "Zu der Zeit gab es unten an der Hauptstraße eine Baustelle, weshalb dann alle Autos hier vorbeigefahren sind", erinnert sich Bäßler, der an der Universität Hohenheim Allgemeine Agrarwissenschaften studiert hat. "Da dachten wir uns, wenn sie sowieso hier hochfahren, dann können sie auch gleich Milch tanken. Heute könnte man mehr Werbung machen, aber man lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda." Damals war dies eine der ersten Milchtankstellen in der Umgebung. Mittlerweile hat fast jeder Ort im Landkreis Ludwigsburg solch eine Tanke. Das Leben als Tankwart rentiert sich. "Früher musste ich immer von meinem Geschäft weg, wenn jemand Milch haben wollte. Seitdem wir die Milchtankstelle haben, können die Leute kommen, wann sie wollen, und ich muss sie nur einmal am Tag zehn Minuten lang reinigen."

Betriebswirtschaftlich gesehen, muss ein Milchviehbetrieb im üblichen Verkauf, also beim Verkauf an Molkereien, mindestens 45 Cent für den Liter bekommen, um Gewinn zu machen. An Milchtankstellen werden in der Regel 70 Cent verlangt. Die Zahl der Kunden schwankt stark. Unter der Woche kommen viele Stammkunden. Ist das Wetter gut, wandern deutlich mehr Leute hoch zum Hof, vor allem am Wochenende. Im Schnitt kommen zehn Kunden am Tag. "Die Leute, die viel Milch verbrauchen, kommen her, weil sie die Milch günstig finden. Vor allem Menschen mit ausländischen Wurzeln brauchen die Rohmilch, um auch Sachen wie Käse selbst herzustellen. Manche sagen sich einfach: Ich will frische Milch, die nicht abgekocht ist."

Manchmal kommen auch Schulklassen auf den Hof. "Vor allem Schüler aus Ludwigsburg oder gar Stuttgart fragen immer wieder, ob wir auch lila Kühe haben, in dem vollen Glauben, dass es lila Kühe gibt. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Menschen sich ein realistisches Bild machen, wie Landwirtschaft aussieht und was überhaupt eine Kuh ist und was sie so braucht, um gut leben zu können. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Familien, die mit ihren Kindern kommen, die Kühe anschauen und dann noch einen Liter Milch kaufen."

Milch sei nicht gleich Milch. "Gute Milch muss möglichst wenig verschmutzt sein, was man einerseits durch Melkhygiene erzielt. Andererseits bekommt man das durch ordentliches Füttern hin. Entscheidend ist, wie die Kühe gehalten werden. Sie brauchen viel Sonne, viel Luft und viel Kuhkomfort", sagt Bäßler, der mit seinen langen Beinen in Gummistiefeln steckt. Am Tag verdrückt jede der 130 gefleckten Kühe 20 Kilo Trockenmasse und acht bis zehn Kilogramm Kraftfutter oder auch 50 Kilo Frischmasse an Futter: Die Kühe brauchen genug Energie, Eiweiß und Mineralstoffe. Normalerweise verfüttert man Soja. Da der Bäßlerhof aber auf gentechnisch veränderte Futterpflanzen verzichtet und Soja fast gar nicht mehr gentechnikfrei erhältlich ist, wird als Sojaersatz Raps gefüttert, was den Kühen allerdings nicht so gut schmeckt.

Auf der Speisekarte stehen außerdem Gras, Grassilage, Maissilage und Heu. Silage ist angetrocknetes Gras, das in Silos möglichst luftdicht abgedeckt wird. So kann eine Milchsäuregärung stattfinden, wodurch das Gras lange haltbar gemacht wird. "Nur wenn die Kuh glücklich ist, gibt sie auch gute Milch", sagt Fritz Bäßler.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kühe, die gemolken werden möchten, gehen zum Roboter
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2013, Nr. 187, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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