Damals zählte jeder Rappen

Gertrud Valerio ist 76 Jahre alt und wohnt in Zürich. Aufgewachsen ist sie in Ulm. Sie hat kurzes, braun gefärbtes Haar, trägt eine weiße Schürze. Während sie Kartoffeln schält, erzählt sie von ihrer Jugend. "Es gab so gut wie keine Freizeit, alles, was wir hatten, waren Pflichten und Regeln." Selbst am Wochenende blieb selten Zeit, um zu lesen oder sich mit Freunden zu treffen. Das Motto damals habe gelautet: gehorchen, arbeiten und nicht widersprechen. Man konnte nicht krank sein und das trockene Gras erst am nächsten Tag von den Weiden holen, weil es dann vielleicht regnen könnte. Damals war man auf jede Ernte angewiesen, Überschüsse gab es kaum. Der Vater war abhängig von der Mitarbeit der ganzen Familie, was für die Kinder nicht leicht war. Gerne hätten sie nachmittags gelesen, gestrickt oder Fußball gespielt.

"Diese frühe Verantwortung hat mein Ich entscheidend geformt", sagt Gertrud Valerio nachdenklich. Platz zum Kindsein gab es wenig. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden Kinder zu unverzichtbaren Arbeitskräften auf dem Hof. "Wir wissen, was Arbeit ist, und sehen es nicht für selbstverständlich, jeden Abend Brot auf dem Tisch zu haben", meint ihr Mann Luigi.

Die Jugend von heute habe alles, was sie brauche, und wolle trotzdem immer mehr. Sie wisse das nicht zu schätzen, meint das Paar. Die beiden sind sich einig, dass das am fehlenden Respekt gegenüber der Arbeit liege. Im Haushalt mitzuhelfen war früher selbstverständlich, so wie mit Nebenjobs zum Familieneinkommen beizutragen. Jeder Rappen zählte, auch die kleinsten Ausgaben wurden überdacht.

"Fünf Franken sind der Anfang einer Million, sagte man früher", sagt Rose Angst, die seit 58 Jahren in einem Vorort von Zürich wohnt. Alltägliche Sachen, die heute kein Thema mehr sind, konnten sich früher die wenigsten leisten. "Ich hatte, bis ich 22 war, nicht genügend Geld für eine Zahnbürste. Wir putzten uns die Zähne mit einem speziellem Blatt aus der Gegend." Die gebürtige Westschweizerin erinnert sich: "Ich weiß noch genau, wie ich früher auf eine Bettwäsche sparen musste. Ich wollte sie damals unbedingt haben und sparte während eines ganzen Jahres."

Kopfschüttelnd sagt Gertrud Valerio: "Im Bus, in der Tram und selbst beim Laufen töggeln heute alle nur noch auf ihren Kästen herum. Ich könnte mir nie vorstellen, eine SMS zu versenden, anstatt einen Besuch zu machen." Früher schickte man Briefe, oder wenn es dringend war, machte man sich persönlich auf den Weg. "Die Zeit ohne Elektronik war schön, und sie hat uns zusammengeschweißt. Der Zusammenhalt untereinander war stärker als heute. So oft ich kann, besuche ich meine fünf Geschwister, und es gibt jedes Mal viel zu erzählen." Internet gab es nicht, man war viel stärker an sein näheres Umfeld gebunden. Teilen sei selbstverständlich gewesen. Alle Geschwister spielten mit einer einzigen Puppe. Eine Puppe für alle verbindet mehr als eine Puppe für jeden. "Dies war eine schöne Zeit", erklärt die alte Dame.

"Aber die heutigen Bedingungen bieten ein lastenfreieres Aufwachsen. Für die Jugend selbst ist es schön, heute aufzuwachsen. Als ich jung war, arbeitete ich in einer Käserei. Ich musste jeden Tag die Milch vom Bauernhof zur Käserei bringen, und dies immer möglichst schnell. Das Geschäft wartete schließlich nicht gerne, und ich brauchte meinen Lohn", sagt Rose Angst. Heute ist es der Familie das Wichtigste, den Kindern eine schöne Jugend zu bieten. Die drei Rentner sind sich einig, dass keiner der heutigen Jugendlichen sich in ein Leben, so wie es früher war, hineinversetzen kann.

Informationen zum Beitrag

Titel
Damals zählte jeder Rappen
Autor
Sarah Valerio
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2013, Nr. 187, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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