Alle zwei Tage kommt der Milchlaster vorbei

"Als Bauer ist man jemand. Doch bei einem Einmannbetrieb kommt das Soziale etwas zu kurz", sagt Stefan Fritsche. Er bewirtschaftet im Kanton Appenzell einen Hof. Ob ihm eines der vier Kinder nachfolgt, ist offen.

Bauer Stefan Fritsche sitzt in seinen schmutzigen Stallkleidern in der Küche und pickt Brotkrümel vom Tisch, während seine Frau Monika einen Teil des Frühstücksgeschirrs abwäscht und sein 17-jähriger Sohn fertig isst. Draußen im Schweizer Ort Schlatt ist es kalt und regnerisch. Das Gras ist hochgewachsen, und die Landschaft blüht. Fritsche ist ein mittelgroßer Mann mit grauen Haaren, braunen Augen und von der frischen Luft rot gefärbten Apfelbäckchen. Von seinem Platz am Esstisch kann er die Kühe beobachten, wie sie weiden. Der Schweizer besitzt ein Haus mit 31 Hektar Land im Kanton Appenzell Innerrhoden.

Stefan Fritsche durfte die Liegenschaft von seinem Vater übernehmen und hat sie ihm später abgekauft. Das hat er gemacht, damit seine Eltern sich ein eigenes Haus im Dorf Appenzell erwerben konnten. Die Milchwirtschaft hat er weitergeführt, weil sie im Berggebiet eine große Wertschöpfung hat. Er erneuerte den Stall und schaffte einen neuen Milchtank an. Aus seiner Milch werden verschiedene Sorten Käse hergestellt. Die Kuhmilch wird alle zwei Tage am Nachmittag von einem Milchtanklaster abgeholt, dann in die regionale Käserei in Gais gebracht und dort weiterverarbeitet. Durch das gekippte Fenster hört man die Kuhglocken laut schellen. Der Landwirt besitzt ungefähr 30 Milchkühe, und zusammen mit dem Jungvieh sind es insgesamt 60 bis 70 Tiere. Sein Sohn verlässt nun die Küche, wie es auch seine Mutter vor fünf Minuten getan hat.

Die Milch muss einerseits die Schweizer Qualitätsprüfung bestehen, und andererseits muss die Gesundheit des Viehbestands stimmen. Früher waren die Milchpreise besser, aber die Direktzahlungen schlechter. Direktzahlungen sind Investitionen des Staates an die Landwirte, die helfen, deren Einkommen zu erhöhen. Dies dient zur Aufrechterhaltung der Landwirtschaft. Heutzutage bekommt ein Bauer für den Liter Milch 59 Rappen in der Schweiz, während der Preis vor 50 Jahren bei 1,20 Franken für den Liter lag.

Die Familie Fritsche betreibt nebenbei auch eine Hundezucht. Diese Aufgabe übernimmt vor allem Monika Fritsche. Ihr Mann ist mit dem reinrassigen Appenzeller Sennenhund aufgewachsen. "Das Züchten der Hunde ist einerseits ein Hobby und andererseits ein guter Nebenverdienst", sagt Stefan Fritsche schmunzelnd und zieht sich wie so oft an seinem rechten Ohrläppchen. Diese Arbeit macht ihnen Spaß, vor allem seiner Frau, denn durch den Verkauf der Tiere lernt sie Menschen aus aller Welt kennen und kann Kontakte knüpfen.

Einer der drei reinrassigen Appenzeller Hunde schläft friedlich auf dem warmen Küchenboden. Die Beine hat er von sich gestreckt und den Kopf auf die weißen Fliesen gelegt. Der Bauch der Hündin ist etwas dick, da sie trächtig ist. Jedes Mal wenn Fritsche sich auf seinem Stuhl ruckartig bewegt, schaut der Hund mit seinen hellbraunen Augen kurz hoch, um sich zu vergewissern, dass er noch am Tisch sitzt. Die Hunde werden in Appenzell auch oft "Bläss" oder "Blässli" genannt, weil sie im Gesicht eine weiße Blässe haben.

Als Stefan Fritsche in jungen Jahren seine Lehre gemacht hat, war der Betrieb zu Hause das Wichtigste. Er faltet seine rauhen großen Hände und sagt stolz: "Als Bauer ist man jemand. Doch bei einem Einmannbetrieb kommt das Soziale ein bisschen zu kurz." Ihm fällt es schwer, sich zu entspannen und einfach mal abzuschalten, denn die Gedanken sind immer bei seinem Bauernhof. Der Betrieb hat sich mit den Jahren schön entwickelt, trotz schweren Starts. Langsam sei er in einem Alter, wo er gerne ein bisschen Arbeit abgeben würde. "Mir geht es wahrscheinlich wie allen 50-Jährigen, ich bin nicht mehr gleich fit unterwegs wie früher", fügt er mit einem Lächeln hinzu.

Hin und wieder gönnt er sich natürlich auch mal Ferien. Dies zu ermöglichen gestaltet sich komplizierter als in anderen Berufsbranchen. Dafür hat die Familie jedoch eine gute Lösung gefunden. Sie beschäftigen Knechte, die sich für kurze Zeit um den Hof kümmern und Fritsches Aufgaben übernehmen. Für ihn selbst sind die Ferien nicht so wichtig wie für seine Frau und die vier Kinder, die 17, 20, 22 und 23 Jahre alt sind. Außer den Fixzeiten des Melkens kann er sich seine Arbeit selbst einteilen. Er sucht sich seine Erholung auf seinem Betrieb. Das kann ein abendlicher Rundgang zu den Tieren auf der Weide sein, einem Besucher den Betrieb zu zeigen oder im Winter ausgiebiges Zeitungslesen oder ein ausgedehntes Mittagsschläfchen. Außerdem ist er im kleinen Jodelchor "Wildkirchli", mit dem er jeden Donnerstagabend im Dorf Appenzell probt. Dort wird traditionell gesungen.

Er hofft natürlich, dass eines seiner Kinder den Bauernhof übernehmen wird. Diese Frage ist jedoch noch ungeklärt. Einen landwirtschaftlichen Betrieb allein und ohne Familie zu führen wäre für ihn nicht denkbar. Seine Frau stammt aus anderen Lebensverhältnissen, nämlich aus einer Ingenieurfamilie. Deshalb ist er umso glücklicher, dass ihr dieses Leben gefällt und sie sich gegenseitig so gut ergänzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Alle zwei Tage kommt der Milchlaster vorbei
Autor
Michelle Lorgé
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2013, Nr. 187, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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