Der Duft von Meerwasser, Gummi und Segeltuch

Er muss die Kunden betreuen, die Fragen der Auszubildenden beantworten, am Computer sitzen, dann aber hat er endlich wieder ein Segel vor der Nase. Axel Freimuth ist einer von sieben Leuten einer Segelmachercrew an der Ostsee.

Es ist 12.30 Uhr. Die Sonne strahlt, das Meer rauscht, ein paar Vögel zwitschern. Eine lange graue Asphaltstraße führt in Kiel-Wellingdorf an der Ostsee entlang. Auf der rechten Seite befindet sich eine mit grauen Steinen gepflasterte Auffahrt, die zu einer braunen kleinen Treppe des Segelmachergeschäfts Schultz Segel GmbH führt. Zwei blaue VW-Transporter stehen in der Einfahrt. Beim Betreten des weißen Hauses mit der braunen Eingangstür wird man sofort mit dem bekannten Duft von Meerwasser, Gummi und Segelmaterial empfangen. Wegen der lauten Klingel über der Tür merkt garantiert jeder in den verschiedenen Räumen, dass ein Kunde in den Laden gekommen ist.

Überall hängen Seglertaschen von der Decke, Musik spielt leise im Hintergrund. Etwas Licht scheint durch die fünf Fenster, und Neonlampen strahlen von der Decke der Werkstatt. Tausende Sachen sind an den grau-weißen Wänden befestigt: Von Werkzeug aller Art über Stoffe bis zu Kisten mit unbekanntem Inhalt gibt es hier alles, was das Seglerherz begehrt. Und alles hat einen Namen in der Seglerfachsprache. Die sieben Leute umfassende Segelmacher-Crew ist bereits seit vier Stunden bei der Arbeit. Die einen reparieren ein Segel, andere sind gerade dabei, ein Segel neu anzufertigen. Bis auf die Masten wird alles hier produziert. Das ganze Jahr ist hier etwas los, auch im Winter.

Im Büro trifft man auf zwei ältere Damen, die mit einem freundlichen "Hallo!" grüßen. Das Büro ist voll mit Akten. Monitore sind auf den Schreibtischen zu sehen. Hier werden die Segel entwickelt mit Computer Aided Design, einem Programm, um Konstruktions- und Baupläne zu erstellen. "Außerdem findet hier das Management statt", sagt der 50-jährige Axel Freimuth, Ausbildungsleiter und seit 1984 im Unternehmen. Er hat schwarze Haare, trägt ein blaues T-Shirt, Brille und Jeans. Von Anfang an habe ihm der Beruf des Segelmachers gut gefallen, da er selbst seit seinem 24. Lebensjahr Spaß am Segeln habe. Seine Aufgabe in der Segelabteilung sind vor allem Drahtarbeiten. Im Vorraum führt er Kundengespräche. Außerdem geht er auch auf Seminare und macht Führungen durch die Segelwerkstatt für Jugendgruppen aus Segelvereinen. "Letzten Endes ist der Job immer wieder interessant, weil er so abwechslungsreich ist. Mittwochs finden hier vor Ort auf dem Wasser immer die sogenannten Mittwochsregatten statt, bei denen ich selbst mitsegle. Mal sitzt man zwar den ganzen Tag an seinem Segel, mal gibt es aber auch Tage, an denen ich gar nichts schaffe: Ich muss die Kunden betreuen, dann haben die Auszubildenden wieder Fragen, dann wiederum sitze ich im Büro am Rechner, und dann endlich sitze ich wieder vor meinem Segel und frage mich, was ich eigentlich gerade machen wollte." Er lacht und macht einen freundlichen Eindruck, wird dann aber wieder ernst: "Wir versuchen, unserem Kunden das für ihn speziell Bestmöglichste anzubieten." Dazu gehen er und andere Mitarbeiter auf das Schiff des Kunden und nehmen alles genau unter die Lupe. "Der Kunde kann sich ein Segel direkt von uns anfertigen lassen oder aber ein Importsegel über unsere Firma kaufen. Dadurch hat er trotzdem den besten Service von uns." Die Segel werden zum Beispiel nach Österreich, in die Schweiz, nach Dänemark und Schweden ausgeliefert.

In der Persenning-Abteilung sieht man drei junge Leute an Segelsachen arbeiten. Diese Abteilung hat die Aufgabe, alles um das Segel herum zu produzieren. Sei es eine Abdeckplane, Schmutzschutz oder Ähnliches. Lisa Sauerwald, 22 Jahre alt, die sich zurzeit in der Ausbildung befindet, arbeitet gerade an einer Spritzhaube, die bei Wind den Vorderteil des Cockpits vor Regen und Spritzwasser schützt. "Nach der Schule wollte ich lieber etwas Handwerkliches machen, da es sehr vielfältig ist und nicht so langweilig wie in der Uni."

Man hört laute Schläge eines Hammers: In der Segelabteilung arbeitet Axel Freimuth gerade konzentriert an einem Segel: Mit einem Hammer schlägt er Löcher in das rauhe Polyesterfasermaterial. Die Arbeit scheint ihm sichtlich Spaß zu machen. Danach presst er Edelstahlringe in das Segel. Dazu benutzt er eine Maschine, die bis zu 22 Tonnen Druck ausüben kann. "Die Presse hier kann aber auch Kokosnüsse knacken. Dazu braucht sie gerade mal schlappe 3,5 Tonnen", bemerkt Axel Freimuth scherzhaft.

Ein großes Segel, das mit sogenannten Prickern auf dem Fußboden befestigt ist, liegt ausgebreitet in der gut beleuchteten Werkstatt. Auf dem grünen Faserplattenboden arbeitet Uwe Kock, 54 Jahre, Chef der Schultz und Segel GmbH, an einem Segel. Der ganze Boden ist mit den Löchern der Pricker übersät. "Wenn ein Lehrling nicht artig ist, dann darf er gerne mal die Löcher zählen", sagt Kock, der das weiße Segel für ein Nordisches Folkeboot vermisst. Er klebt blaue Streifen auf das Segel, dann schneidet er sie mit einer Schere ab. Er erzählt, dass diese Streifen als optische Hilfe verwendet werden. Danach näht er weitere kleine Segel an das große, aus Kunstfaser bestehende Segel an. "Dieses Segel kostet rund 1350 Euro. Ein kleines Optimisten-Segel fängt bei 385 Euro an, aber eine Vectran-Membran für ein 22-Meter-Schiff kostet dagegen mehrere zehntausend Euro", erklärt Freimuth. Man hört die Nähmaschine laut tackern. Sie ist viel größer als eine herkömmliche Nähmaschine und kostet bis zu 18 000 Euro.

Schließlich fallen hinten in der Ecke der Werkstatt noch ein alter, kegelförmiger Holzpfahl und ein Holzhammer auf. Der Pfahl ist extrem schwer, mit einer Hand fast gar nicht zu halten. Auch der Holzhammer bringt gut 3,5 Kilogramm auf die Waage. In den dreißiger Jahren war es völlig normal, diese schweren Geräte als Arbeitsmaterial zu benutzen: "So wurden damals die Knoten zur Befestigung in das Segel eingearbeitet. Damit hat mein Ausbilder selbst noch gearbeitet", erzählt Freimuth. Das ist lange her, aber die Firma Schultz Segel GmbH wurde bereits im Jahr 1897 gegründet.

Um 16.15 Uhr ist Feierabend in dem Betrieb, in dem altes und gleichzeitig modernes Handwerk ausgeübt wird. Die Sonne strahlt, das Meer rauscht. Die Eingangstür schließt sich zu dem unscheinbaren Geschäft an der Ostsee.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Duft von Meerwasser, Gummi und Segeltuch
Autor
Nicholas Albert
Schule
Kieler-Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2013, Nr. 193, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180