Eine harte Nacht geht zu Ende

Ihr Arbeitsplatz ist der Straßenstrich in Zürich. Sie verkaufen für immer weniger Geld ihren Körper und oft auch ihre Seele. Manche wollen dem Milieu und der Kontrolle ihrer Zuhälter entkommen. So rasch wie möglich. Geschlechtsverkehr 80, Französisch 40 Franken", erwidert Nina den Männern, die ihr Auto neben ihr zum Stehen bringen und sich nach den Preisen für Liebesdienstleistungen der 23-Jährigen erkundigen. Es ist Freitagnacht, die Tschechin mit Schweizer Ausweis C wartet an ihrem Arbeitsplatz, dem Straßenstrich am Zürcher Sihlquai, auf Kundschaft. "Früher kostete der Service noch 100 Franken. Doch das verlangt heute schon lange keine mehr." Der Grund für diese Preissenkung liegt darin, dass immer mehr Frauen aus Ungarn hierhin drängen, eine Folge des Schengener Abkommens. Diese Entwicklung beobachtet auch Ursula Kocher von der Frauenberatung Flora Dora: "Die Lage auf dem Straßenstrich hat sich in den letzten Jahren stark verändert, die Konkurrenz ist härter geworden. Das Angebot an Frauen ist größer als die Nachfrage der Freier, was dazu führt, dass Sex zu Dumpingpreisen angeboten wird." Durch die Zuwanderung ungarischer Sexworkerinnen ist die Zahl der Zuhälter tendenziell gestiegen, da hinter diesen Frauen oftmals eine Organisation steht. Mit körperlicher und verbaler Gewalt vertreiben skrupellose Zuhälter zunehmend angestammte Prostituierte, die sich gut integriert haben, von ihren Plätzen. An deren Stellen schaffen dann Ungarinnen an, die im Gegensatz zu Prostituierten mit Niederlassung in der Schweiz zum größten Teil nicht selbständig sind. Ihre Organisation gibt einen Betrag vor, den die Frauen mit der Prostitution verdienen müssen, ansonsten drohen ihnen die Zuhälter mit Gewalt oder der Rückführung in die Heimat. "Manchmal höre ich Geschichten, die mich an der Menschlichkeit gewisser Zuhälter zweifeln lassen. Wenn die Frauen nicht genug Geld bringen, werden sie von diesen geschlagen und durch andere ersetzt", sagt Kocher. Sogar Schwangere hat die einen Meter siebzig große Frau schon anschaffen sehen. Das liegt daran, dass Frauen, die aus dem Ausland kommen, in der Schweiz mehr Geld verdienen als in ihrem Heimatland, und das, obwohl die meisten Frauen von ihren Zuhältern, die den Großteil des Geldes für sich beanspruchen, einen niedrigen Lohn bekommen. Da Sexarbeiterinnen aus dem Ausland nur eine beschränkte Aufenthaltsbewilligung von 90 Tagen haben, bedeutet das für sie, in dieser Zeit möglichst viel Geld anzuschaffen. Um den von der Organisation vorgegebenen Betrag zu erfüllen, gehen die Frauen schneller auf Wünsche der Freier ein, so etwa Geschlechtsverkehr ohne Gummi für einen Aufpreis von ein paar Franken. Diese Veränderung beeinflusst natürlich auch die anderen Prostituierten rundherum, die selbständig arbeiten. So landen Fragen zu Themen rund um die Gesundheit, Verhütung und Krankheitsprophylaxe bei der Frauenberatung Flora Dora. Nina ist froh, dass sie von niemandem gezwungen wird, auf dem Strich anschaffen zu gehen. "In die Prostitution bin ich durch eine Freundin reingerutscht. Als ich in die Schweiz kam, war es für mich nicht einfach, einen Job zu finden, da ich keine guten Deutschkenntnisse hatte, aus diesem Grund habe ich angefangen anzuschaffen." Anfangs plante die dunkelhaarige Frau, nur für einige Monate auf dem Straßenstrich zu arbeiten, mittlerweile sind daraus vier Jahre geworden. "Ich möchte so rasch wie möglich raus aus diesem Milieu", sagt Nina, die trotz der kühlen Temperatur ein kurzes rotes Minikleid trägt, das nicht den Anschein erweckt, als würde es seine Trägerin wärmen. Seit die junge Frau, die aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Prag stammt, einen Deutschkurs besucht, haben sich ihre Sprachkenntnisse deutlich verbessert. Das verschafft ihr einen großen Vorteil gegenüber den ausländischen Frauen, die mit einer beschränkten Aufenthaltsbewilligung anschaffen. "Der Sprachfaktor wird oftmals vergessen, aber ich habe bemerkt, dass es für einige Männer ein großes Anliegen ist, sich mit der Frau, deren Dienste sie in Anspruch nehmen, verständigen zu können." Es ist drei Uhr morgens. Für Nina geht eine harte Nacht zu Ende. In dieser Nacht hat sie drei Freier bedient, eine gute Anzahl, wie sie uns erklärt. "Es gibt Nächte, da habe ich keinen einzigen Kunden." Vor allem im Winter, wenn Nina trotz Minustemperaturen kurze Kleider trägt, um die Freier auf sich aufmerksam zu machen, sind keine Kunden eine bittere Pille für die Tschechin. Zu dieser frühen Stunde sind diese Probleme für die junge Frau jedoch nicht von großer Wichtigkeit, denn was sie sich jetzt wünscht, ist einfach ein warmes Bett und viel Schlaf.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine harte Nacht geht zu Ende
Autor
Debora Arnold, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2010, Nr. 238 / Seite N6
Projekt
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