Aus Grau und Öde mach Bunt und Schön

Kunst ist eine geistige Auseinandersetzung mit der Welt und macht auch jungen Leuten Freude. Zum Beispiel, wenn sie eine öde Unterführung gestalten.

Der Kunst im öffentlichen Raum kann niemand aus dem Weg gehen, man wird mit ihr konfrontiert, und das ist auch der Sinn davon", sagt Michael Gompf. Der aus Nürtingen stammende Kunstprofessor unterstützt und begleitet seit vielen Jahren Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Die Projekte entstehen meist in Kooperation mit den jeweiligen Gemeinden oder mit öffentlichen Trägern. "Ich kann mich erinnern, dass ein Lehrer in der Grundschule mich gebeten hatte, das Lehrbild des Kartoffelwachstums an die Tafel zu zeichnen. Er wollte das Thema in einer anderen Klasse behandeln und wusste, dass ich gut zeichnen kann." Über seinen Dreitagebart streichend, erinnert er sich an seine Anfänge, als er Konzepte für Häuser, Autos und Motorräder entwarf.

Mit 15 Jahren fing er an Bilder zu kopieren, wie etwa das Selbstporträt von Albrecht Dürer im Pelz. "Der Kunstunterricht war für mich anregend, wobei ich auf einen bestimmten Lehrer stieß, der mir vorlebte, dass Kunst in erster Linie eine geistige Auseinandersetzung mit der Welt ist", sagt der 56-Jährige und krempelt die Ärmel seines quietschgrünen Pullovers hoch. Diese Erkenntnis begleitet ihn. Er arbeitet als Kunsttherapeut und als freier Künstler. "Ein Künstler hat die Möglichkeit, eine Haltung zur Realität oder Wirklichkeit bildnerisch zum Ausdruck zu bringen", erläutert er mit funkelnden Augen. Gompf arbeitet im Kunstausschuss im württembergischen Neckartailfingen. In dem Gremium sitzen neben Gemeinderäten auch Bürger, die sich für Kunst interessieren. "In dem Ausschuss werden verschiedene Vorschläge und Entwürfe der Künstler vorgestellt. Dann wird geschaut, ob diese Entwürfe für den öffentlichen Raum geeignet sind." Die erste Hürde, die die Entwürfe nehmen müssen, ist praktischer Natur: Sie müssen gewisse Richtlinien erfüllen, um die Gefährdung der Menschen, besonders spielender Kinder, auszuschließen. Außerdem sollte das Objekt standsicher und witterungsbeständig sein. Zu Meinungsverschiedenheiten komme es eher in der Öffentlichkeit, nachdem sie sich für einen Entwurf entschieden haben. Dabei spiele es keine Rolle, ob das Kunstwerk abstrakt oder eher konservativ gestaltet ist. Fast jedes Kunstwerk werde von einigen als Provokation gesehen.

Bedauernd berichtet Gompf, dass gerade die jüngere Generation hier wenig Zugang findet. "Ich habe das Gefühl, dass alles, was so nach ernster Kunst aussieht, für sie etwas für Ältere ist und sie daher nicht so wirklich interessiert." Viele würden sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen und eher "Quatsch mit den Dingen machen, sie besprühen oder beschädigen". Dennoch würden im Allgemeinen Kunstobjekte weniger beschädigt als andere öffentliche Objekte wie Parkbänke.

Dass sich junge Leute für Kunst begeistern, wird an seinen Studenten deutlich. Gompf berichtet über eine Projektarbeit: Die Herausforderung bestand in der glatten, tristen Betonwand im Foyer der Heidtech-Schule in Heidenheim an der Brenz. "Vor ein paar Jahren habe ich mit meinen Studenten das Foyer dieser Schule in Angriff genommen. Es wurde mit einer bleibenden Arbeit im öffentlichen Raum versehen. Dabei orientieren wir uns an der Struktur des Naturmaterials Bambus." Nun verzaubern über zwei Stockwerke hinweg hohe Edelstahlrohre in Bambusoptik den sonst recht praktisch wirkenden Raum durch ihr buntglänzendes, exotisches Aussehen. Die Studenten nutzen diese Kunstprojekte oder -wettbewerbe als Chance, um ihre Arbeiten öffentlich zu präsentieren. Meistens werden studentische Arbeiten draußen für maximal drei Monate ausgestellt. Ein Grund dafür ist das "low-low-budget" mit dem die Studenten durch Spenden der Gemeinde oder Unternehmen ausgestattet werden. Das schmale Budget lasse hochwertige, witterungsresistente Materialien nicht zu. In der Regel kann an den Kunstwettbewerben jeder teilnehmen. "Manchmal wählt man mit Absicht keine bestimmten Künstler aus und hält sich seine Vorgaben offen, damit sich auch andere Gruppen, wie zum Beispiel Architekten, Designer, Hobbykünstler und auch Schüler und Jugendliche, mit einbringen können."

Einer, der sich nicht an solchen Wettbewerben misst, aber ebenfalls im öffentlichen Raum wirken will, ist Benjamin "Benny" Kenneth Kropp. Der gelernte Erzieher hat nach seiner Arbeit in einem Kindergarten begonnen an der Hochschule für Kunsttherapie in Nürtingen zu studieren und ist im letzten Semester. Er hat türkis schimmernde Augen, volle Lippen, trägt seine dunkelbraunen Haare im Irokesenhaarschnitt und Tattoos an den Armen. Sein einschüchterndes Äußeres unterstreicht er mit einer nietenbesetzten, schwarzen Lederjacke. Der 28-Jährige teilt mit seiner Freundin ein besonderes Hobby, das Graffiti-Malen. Er ist in einem kleinen Ort nahe Hannover aufgewachsen. "Da gab's keine große Graffiti-Szene, da waren dann so eine Handvoll Jungs, mit denen ich zusammen rumgekritzelt habe, und wenn wir mal die Möglichkeit hatten, haben wir auch gesprüht."

Mit 15 Kindern und Jugendlichen gestaltete Kropp die Unterführung am Bahnhof von Nürtingen. Die Schüler der Nürtinger Jugendkunstschule skizzierten ihre Ideen. Hellblau-türkis schimmerndes Wasser, bunte, lebendig wirkende Lebewesen aus der Unterwasserwelt und grelle Schriftzüge stechen beim Gang durch die Unterführung ins Auge. "Wir haben uns auf das Thema Unterwasserwelt geeinigt, dann sprudelte es vor Ideen." Das war die Initialzündung dafür, dass weitere Projekte in den vergangenen Jahren folgten. "Dadurch, dass unsere Arbeit durch Zeitungsartikel an die Öffentlichkeit gelangte, hat es sich zum Selbstläufer entwickelt", sagt der angehende Kunsttherapeut und lächelt stolz. Die beiden Graffiti-Künstler bekommen Anfragen von der Gemeinde und von Jugendhäusern. Oft werden die Projekte von den Jugendhäusern gesponsert. Ihr Leben finanzieren die Künstler durch Studienkredite und ihre Arbeit als Erziehungsbeistände beim Landratsamt.

Den kleinen Nachwuchskünstlern wird zunächst die Handhabung der Graffiti-Dose vermittelt, geübt wird an einer kleinen Fläche. Für Kropp ist wichtig, dass Graffiti mit Schrift zu tun hat. "Ich zeige den Kindern und Jugendlichen, wie so ein Buchstabe aufgebaut ist." Zuallererst benötigt man die "first-line", das ist quasi die Orientierungslinie für den Buchstaben. Dann folgt die "fill-in-Farbe", so macht man Abstufungen. Zuallerletzt wird mit der "out-line", einer schwarzen Außenlinie, der Schrift der letzte Schliff gegeben. Die Unterführung zu gestalten dauerte 120 Stunden. "Es gibt auch Aktionen, die sind ganz locker-flockig in zwei Stunden fertig." Kropp und seine Freundin haben ein großes Netzwerk geschaffen. "Mir ist wieder klargeworden, wie erfüllend die Arbeit mit jungen Menschen ist. Das ist es, was mich motiviert."

Informationen zum Beitrag

Titel
Aus Grau und Öde mach Bunt und Schön
Autor
Sabrina Ludwig
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2013, Nr. 199, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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