Als Schneewittchens böse Stiefmutter im Stress

Das Licht im Zuschauerraum des Congress Forums Frankenthal geht aus, es wird still. Die böse Stiefmutter betritt mit einem gemeinen Grinsen die Bühne und singt von ihrem teuflischen Plan. Ihr pechschwarzes Kleid und ein mit dunklen Steinen besetztes Diadem spiegeln die Bosheit ihrer Seele wider. Die Haare streng nach hinten gesteckt, blickt sie grimmig. "Schneewittchen muss sterben!", schallt ihre bedrohlich laute Stimme durch den Saal, und einige Kinder kauern sich ängstlich auf den Schoß ihrer Eltern.

Ein wenig erschöpft, aber strahlend kommt Diana Barth hinter die Bühne. Im Gegensatz zu den meisten Sprechtheatern werden beim Musical Mikrofone verwendet. Trotzdem findet die Darstellerin Musicals "durch das gleichzeitige Tanzen und Singen körperlich anstrengender". Ihre blauen Augen sind schwarz und silbern geschminkt. Mit den dunkel lackierten Fingernägeln streicht sie durch ihr blondes, lockiges Haar, das zurückgesteckt ist.

Bevor die Würzburgerin die Aufnahmeprüfung an der Stage School in Hamburg antrat, machte sie auf Wunsch ihrer Eltern eine Ausbildung zur Bürokauffrau. "Meine Eltern fanden es gar nicht gut, dass ich unbedingt Schauspielerin werden wollte", sagt sie lachend. Die Stage School Hamburg ist Deutschlands erste und größte private Schule für Performing Arts, Darstellende Künste. Mit ihrem Konzept und den 60 Dozenten gehört sie zu den renommiertesten Ausbildungsinstituten Europas. Diana Barth begann dort 2005 ihre dreijährige Ausbildung in Tanz, Gesang und Schauspiel. 2008 erhielt sie ihr Diplom. Die Ausbildung kostete im Jahr 6900 Euro. Es gibt außerdem die Möglichkeit, beispielsweise an der Bayerischen Theaterakademie August Everding einen vierjährigen Musical-Studiengang zu machen. "Um in richtig erfolgreichen Ensembles mitspielen zu können, braucht man viel Glück, und man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein", erklärt die 30-Jährige. "Wenn man nicht schnell zum brotlosen Künstler werden will, sollte man eher keine Jobs annehmen, die nur 60 Euro pro Vorstellung abwerfen. Es gibt genug gutbezahlte Stellen, man muss sich sein Geld nur gut einteilen können und sparen."

Viele Schauspieler und Musical-Darsteller arbeiten freiberuflich und haben für jedes Stück, das sie spielen, einen Stückvertrag. Auch Diana Barth hat im Christian-Berg-Ensemble solche Verträge, die nach einer bestimmten Spielzeit auslaufen. Sie sucht sich deshalb immer wieder neue Jobs, geht zu Auditions, also zum Vorsprechen für neue Rollen.

In Deutschland gibt es rund 20 000 registrierte darstellende Künstler, darunter Tänzer, Sänger, Regisseure und vor allem Schauspieler und Musical-Darsteller. 22 Prozent davon sind arbeitslos gemeldet, vor allem Künstlerinnen und ältere Künstler. Die meisten von ihnen bekommen kein Arbeitslosengeld I, da sie im Regelfall weniger als zwei Jahre angestellt sind.

Als Musical-Darstellerin ist Diana Barth viel unterwegs, zum Vorsingen für neue Rollen fährt sie durch ganz Deutschland. Die Aufführungen sind manchmal europaweit. "Wenn man diesen Beruf ergreifen will, muss man sich darauf einstellen, viel zu reisen. Man sollte also keine Flugangst oder Ähnliches haben." Für Familie und Freunde bleibt wenig Zeit. "Jetzt gerade könnte ich es mir nicht vorstellen, eine Familie zu haben, weil ich abends froh bin, wenn ich die Tür zugemacht habe und schlafen kann", sagt sie nachdenklich.

In den Musicals, die das Berg-Ensemble aufführt, spielen meist sechs Darsteller. Da das Ensemble aber über viel mehr Schauspieler verfügt und Diana Barth nicht in jede Rolle passt, wirkt sie nicht bei jedem der Stücke mit. Bis zu einer Premiere haben sie und ihre Ensembles unterschiedlich viel Zeit. Zwei Monate für Text und Musik sind üblich, wenn ein neues Stück eingeübt wird, hinzu kommen das Heraussuchen der Kostüme und Requisiten und die schauspielerische Umsetzung. Fällt aber eine Hauptrolle aus und man muss kurzfristig einspringen, bleiben manchmal nur zwei Tage Zeit bis zur Aufführung. "Wenn man aber mal eine Rolle auswendig gelernt und ein paar Mal gespielt hat, dann kann man sie auch in fünf Jahren noch. Wenn die Musik läuft, merkt man direkt, dass man das Musical noch spielen kann", erklärt sie.

Im vergangenen Sommer musste sie für vier Stücke gleichzeitig lernen. Alle drei Tage gab es eine neue Premiere, doch auf solche Situationen wurde sie bei ihrer Ausbildung vorbereitet. "Man lernt dort quasi, wie man lernt und wie man auch so etwas bewältigt." Die böse Stiefmutter in Schneewittchen spielte Diana Barth zwei Monate lang jeden Tag zwei- bis dreimal, abends war sie froh, zu Hause zu sein. "Dann hatte ich keine Energie mehr für Hobbys, man ist einfach nur müde und fertig."

Neben dem Aufgang zur Bühne im Congress Forum Frankenthal wird es lauter, Arbeiter tragen Kulissen weg, Kinder warten auf Autogramme. Diana Barth entschied sich erst mit 18 Jahren, Musical-Darstellerin zu werden. "Dieser Berufswunsch kam ziemlich spät, aber nachdem ich mein erstes Musical mit 18 Jahren gesehen hatte und erfahren hatte, dass es dazu eine Ausbildung gibt, wollte ich das unbedingt werden. Ich habe früher schon viel getanzt und habe dann auch angefangen, Gesangsunterricht zu nehmen."

Hauptsächlich spielt sie Kindermusicals, aber auch Theater und Musicals für Erwachsene. "Das Tolle an Kindermusicals ist, dass man gleich die Reaktion mitbekommt, wie gerade jetzt als böse Stiefmutter haben die Kinder das mit Buhrufen quittiert. Das ist in dem Fall ein Kompliment", sagt sie lachend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Als Schneewittchens böse Stiefmutter im Stress
Autor
Marlene Illig
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2013, Nr. 199, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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