Gratis-Joghurt, zu viele Süßigkeiten und ein offenes Ohr

"Tischlein deck dich" nennen die Schweizer Frauen ihre handfeste Hilfe für Arme. Für einen symbolischen Franken verteilen sie Lebensmittel.

Im modernen Foyer des reformierten Kirchengemeindehauses in Affoltern am Albis, 20 Kilometer südwestlich von Zürich, ist heute viel los. Menschen unterschiedlichen Alters aus vielen verschiedenen Nationen trinken Kaffee, essen Gipfeli und unterhalten sich. Zwei somalische Frauen in afrikanischer Tracht diskutieren. Fünf junge, hübsche Frauen aus dem Nahen Osten passen auf ihre große Kinderschar auf. Plötzlich wird Frau Alaya (Namen geändert) aufgerufen.

Eine Frau aus der Fünfergruppe steht auf und tritt in den großen Saal des Kirchengemeindehauses. Neben dem Eingang sitzt eine grauhaarige Frau mit Kurzhaarschnitt hinter einem Pult. Frau Alaya wirft einen symbolischen Franken in die Kasse und bekommt dafür ihre Bezugskarte zurück, die sie vom Sozialamt bekommen hat. Eine hellrosa Karte, auf deren Vorderseite Angaben zu der Familie stehen. Vorname: Sarah, Name Alaya, Herkunftsland: Syrien, Familienmitglieder: 6. Die Karte hat nun auf der Rückseite einen Stempel mehr, denn sie hat genau 52 Felder, eines für jede Woche im Jahr.

Nachdem Frau Alaya ihre Karte wieder eingesteckt hat, geht sie zu einer der Frauen mit einem weinroten "Tischlein deck dich"-T-Shirt. Die Mitarbeiterin führt die syrische Frau um einen großen, aus vielen kleinen Tischen zusammengeschobenen Tisch herum, der von Lebensmitteln nur so überquillt. Sie gibt Frau Alaya eine Büchse Fleischbouillon, jeweils vier Joghurtbecher von fünf verschiedenen Sorten, einen Salat, vier Äpfel und zwei Birnen, ein Backofenschlangenbrot, Knödelpulver, Barbecue-Sauce, ein Glas Currysauce, eine Eineinhalb-Liter-Flasche Eistee, zwei Pack Kaugummi, zwei Packungen Himbeer-Getreidestängel, Salatsauce, Aperogebäck, Nudeln, ein Biokaffeegetränk, Süßigkeiten, eine 600-Gramm-Packung Karamellglace und fünf Pack Tiefkühlpenne. All diese Dinge packt Frau Alaya sofort ein, verschwindet wieder nach draußen und setzt sich zurück zu ihren Kolleginnen. Nun wird eine weitere Person aufgerufen und mit Lebensmitteln beschenkt.

"Die Grundidee ist, einwandfreie, aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel einzusammeln und an armutsbetroffene Menschen zu verteilen", sagt die 64 Jahre alte Elisabeth Gonzenbach, die Frau Alaya gerade bedient hat und nun den Inhalt eines Joghurtbechers, der auf den Boden gefallen ist, aufwischt. So können in der Abgabestelle etwa 45 und in der ganzen Schweiz rund 13 500 bedürftige Menschen wöchentlich mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Dies hilft, deren knappes Budget zu entlasten. Die seit 39 Jahren verheiratete pensionierte Pflegefachfrau Elisabeth Gonzenbach hat vor neun Jahren als Kirchenpflegerin mit dem damaligen Pfarrer und einigen weiteren interessierten Frauen zusammen die Station auf die Beine gestellt.

Die Bezieher schätzen das "Tischlein deck dich". Martina Weiss (Name geändert) ist eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie wurde vorgelassen, weil sie den Zug erwischen muss, der sie zu ihrer Arbeitsstelle bringt. Es sage viel über die Schweiz aus, dass benachteiligte Menschen derart unterstützt werden, sagt die sportliche 31-Jährige und betont: "In der Zukunft möchte ich die richtige Balance zwischen Familie und Arbeit finden, so dass ich glücklich bin und mich wieder selbst versorgen kann." Zurzeit macht sie ein Praktikum in einer Kinderarztpraxis und verdient noch nichts.

"Gründe für überschüssige Lebensmittel gibt es viele: Transportschäden, Fehldispositionen, Überproduktion, saisonale Schwankungen, Designwechsel und mangelnde Nachfrage", erklärt Elisabeth Gonzenbach. Die zierliche Frau mit kurzen weißen Haaren packt eine Büchse Currysauce in den Beutel eines alten Engländers, der nach Martina Weiss an der Reihe ist.

"Die Einzigen sind wir nicht. Denn es gibt auch die Caritas-Läden", sagt die 57-jährige Sibylla Asper, eine weitere Mitarbeiterin, als sie eine neue Karte holt und Frau Rahmani herruft. Die Caritas-Läden haben eine größere Auswahl. Außerdem gibt es dort nicht nur Lebensmittel, sondern auch andere Waren, wie zum Beispiel Kosmetikartikel. "Von dort und zahlreichen Börsen holen wir den Rest für unseren Haushalt, den es hier nicht gibt", sagt die 45 Jahre alte Valbona Rahmani (Name geändert). Die Mutter von vier Kindern trägt hochgesteckte Zöpfe, ist klein und rundlich und sagt: "Momentan geht es bei uns gesundheitlich und finanziell drunter und drüber. Mein Mann hat schlimme Rückenprobleme und kann deshalb nicht mehr arbeiten." Sie sei aber positiv eingestellt und hoffe, dass die Zukunft besser aussehe.

Die Bezieher in Affoltern sind zu mehr als 70 Prozent Ausländer aus 20 verschiedenen Ländern, vor allem aus Afrika, Afghanistan, Syrien und dem Balkan, erklärt Sibylla Asper. Elisabeth Gonzenbach ergänzt: "Wir haben viele große Familien, sieben Personen pro Familie sind keine Seltenheit, es gibt Invaliden, viele junge, alleinerziehende Mütter, Suchtkranke und Arbeitslose." Auch das Alter sei unterschiedlich, vom 20-jährigen Mädchen bis zu alten Menschen. Elisabeth Gonzenbach erzählt weiter von der jungen syrischen Frau, die sie heute bedient hat: "Sie hat mir ihr Herz ausgeschüttet."

Sie wohnt mit ihren zwei Kindern und andern Familien - insgesamt 13 Personen - in einer kleinen Wohnung. Ihr Mann, mit dem sie in die Schweiz gekommen ist, hat sie nach kurzer Zeit mit ihren Kindern sitzengelassen. Da sie keine Ausbildung hat und nur schlecht Deutsch spricht, kann sie keine Arbeit finden. Die Kinder seien aggressiv und gewalttätig geworden, da zu Hause unter den Familien so viel gestritten werde. Die Syrerin bekommt immer mehr Probleme mit dem Geld, der Schule und den Nachbarn, die sich über die Kinder beklagen. Elisabeth Gonzenbach sagt: "Ich bin froh, dass wir für solche Menschen da sein können, sei es mit Lebensmitteln oder mit einem offenen Ohr."

Dann ruft sie Herrn Meier aus. Ein mittelgroßer Mann, der angezogen ist wie ein Maler, betritt den Raum. Es ist der 55 Jahre alte Thomas Meier (Name geändert). Vor drei Jahren hatte der selbständige Zimmermann und Dachdecker einen schweren Unfall, seither kann er nur noch mühsam und unter Schmerzen gehen und nicht mehr arbeiten. Der große Mann mit dem dicken blonden Pferdeschwanz meint: "Ich finde, der Schwerpunkt der Esswaren sollte mehr bei den Grundnahrungsmitteln sein, denn die sind wichtiger als die vielen Süßwaren." Auch Mitarbeiterin Elisabeth Gonzenbach stört dies: "Vor allem nach Festtagen müssen wir Unmengen von süßer Ware abgeben. Ich finde, es sollten eigentlich eher Früchte und Gemüse sein. Doch wir können nur abgeben, was wir bekommen."

Die 57-jährige Bernadette Eichenberger betreut seit zehn Jahren eine Wohngemeinschaft von arbeitslosen ehemaligen Drogenabhängigen und holt für sie wöchentlich Lebensmittel von "Tischlein deck dich". Die WG mit den fünf Schlafzimmern bekommt den Grundbedarf vom Sozialamt und von "Tischlein deck dich". Die etwas hagere Frau mit schulterlangen braunen Haaren beobachtet schon seit Jahren die Menschen, die wöchentlich hierherkommen, und weiß, dass das "Tischlein deck dich" nicht nur der Versorgung mit Nahrungsmitteln dient: "Viele Menschen hier sind arbeitslos und erzählen mir immer wieder, dass ihnen der regelmäßige Besuch hier einen Rhythmus in der Woche gibt."

So sind Freundschaften entstanden, die seit Jahren Bestand haben. Junge, alleinerziehende Mütter können mit ihresgleichen über ihre Probleme sprechen. Einwanderer unterhalten sich in ihrer Muttersprache. Außerdem gibt es eine Menge schüchterne Menschen, die kaum Freunde haben. Für sie ist dies die einzige Möglichkeit, in der Woche unter die Leute zu kommen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gratis-Joghurt, zu viele Süßigkeiten und ein offenes Ohr
Autor
Aline Metzler
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2013, Nr. 205, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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