Schulschlaf und Schildkrötenpudding

Vom württembergischen Dorf in die chinesische Millionenstadt: Zwei Monate besuchte Katharina eine Schule in Xi'an. Verstanden hat sie wenig, gelernt hat sie viel über eine fremde Kultur.

Ich werde nie vergessen, was ich alles erlebt habe." Katharina Schmid sitzt in einem Café im württembergischen Heidenheim. Ihre blonden, kurzen Haare sind vom Regen noch durchnässt, der den Löcherpullover und die großen Federohrringe jedoch verschont hat. Ihre grünen Augen funkeln, als sie von ihren Erlebnissen erzählt. Sie hat zwei Monate im chinesischen Xi'an bei einer Gastfamilie gelebt. Ihre zwei Monate jüngere Gastschwester Julia kannte sie schon, da die Chinesin bereits für den gleichen Zeitraum bei ihr in Deutschland gelebt hatte. Die damals 16-jährige Gymnasiastin sagt: "Ich wusste eigentlich nichts über China." Genau das, verbunden mit ihrem Interesse für Geschichte und Politik, war der Grund, warum sie sich entschloss, sich für den Schüleraustausch des Landes Baden-Württemberg, der über die Organisation AFS läuft, zu bewerben.

Bereits wenige Monate später, im August 2012, saß sie im Flugzeug Richtung Peking, um dort eine Woche zusammen mit anderen Deutschen, etwas Chinesisch zu lernen und die Stadt zu besichtigen, bevor es weiter in das 1000 Kilometer entfernte Xi'an zu ihrer Gastfamilie ging. Der erste Eindruck war schockierend. "Es war alles grau. Überall war Smog. Ich konnte die ersten drei Tage kaum atmen, und das war noch gar nichts im Vergleich zu Xi'an." In der Millionenstadt leben viele Menschen auf engem Raum, das war völlig ungewohnt für Katharina, die in einem Dorf mit 2000 Einwohnern aufgewachsen ist. Aber genau darin lag für sie auch der Reiz.

Julias Eltern empfingen die Deutsche freundlich. Als Problem entpuppte sich die Kommunikation, mit einem Gastvater, der nur "Hello" und "Thank you" sagen konnte, war die Verständigung kompliziert. Aber mit Hilfe von Gestik, Mimik und wachsenden Chinesischkenntnissen klappte es immer besser. Die Sprache, besonders die komplexe Aussprache, stellte eine größere Hürde dar, vor allem bei Älteren, die kein Englisch konnten. Kam es dann doch einmal dazu, dass Katharina verstanden wurde, löste das einen Begeisterungssturm aus.

Katharina stand um halb sechs auf, zog ihre "XXL-Jogginghose" an, wie sie ihre Schuluniform nannte, und fuhr mit Bus oder Taxi zur Schule. Neu war, dass ihre Mitschüler bereits eine Stunde vor dem eigentlichen Schulbeginn um acht Uhr da waren. Der Grund: Auf keinen Fall wollte jemand zu spät kommen, um die eigentlich freiwillige Lesestunde nicht zu verpassen. Denn wer diese Veranstaltung nicht besuchte, bekam sofort einen Eintrag. Dass wollte keiner, denn schon das kleinste Vergehen bringt schlechte Noten mit sich. Außerdem war es üblich, Überstunden zu machen und die eigentliche Schulzeit von zwölf Stunden noch zu überziehen. Das solche Stunden anstanden, wurde einfach von der Schulleitung morgens verkündet. Katharina war nun eine von 6000 Schülern und teilte sich mit 65 anderen ein Klassenzimmer. Ausgestattet waren diese mit Holzbänken. "Es war sehr unbequem. So wie bei uns früher. Man konnte sich nirgends anlehnen, und man saß darauf den ganzen Tag, deshalb haben viele Rückenprobleme."

Mittags bekam man sein Essen in der Kantine, jedenfalls wenn man gut verdienende Eltern hatte, die sich das leisten konnten, und machte im Anschluss ein Nickerchen im Schlafsaal. Zu Beginn war es für die heute 17-Jährige befremdlich, dass ihre Mitschüler oft einfach im Unterricht eingeschlafen sind. Aber bald schlief auch sie ein. Den Lehrern macht das nichts aus, beteiligen müssen die Schüler sich nicht unbedingt, und schlafend stören sie nicht.

An ihrer Schule waren noch zwei andere Deutsche, mit denen sich Katharina gut verstand. Oft hatten sie morgens Chinesischunterricht beim stellvertretenden Direktor. Mittags schwänzten die Austauschschüler mehrmals den Unterricht, denn verstanden haben sie kaum etwas. Ärger bekamen sie nie. Während dieser Zeit erkundeten die Deutschen die Stadt und versuchten so viel wie möglich von China zu sehen. Dabei genossen sie auch die ein oder andere chinesische Spezialität. Unter anderem gehörte ein Skorpion zu Katharinas außergewöhnlichsten kulinarischen Erlebnissen. Nur einmal bekam sie das Essen nicht hinunter. Es war ein Schildkrötenpudding, den sie gerade noch als einen solchen erkannte. So kam sie zu dem Schluss, dass es besser war, gar nicht so genau zu wissen, was ihr aufgetischt wurde.

Ein besonderer Moment war für Katharina, als sie eine Rede vor der kompletten Schule während des montäglichen Morgenrituals halten durfte. Die Anwesenden steigerten ihre Nervosität. "Aber am meisten Angst hatte ich davor, dass mein Chinesisch sich lächerlich anhören könnte." Sie sollte über den Austausch, ihre Heimat und den Weltfrieden referieren, während Julia ihre eigene Rede im Wechsel mit ihr halten sollte. Ihr Vortrag war in zwei Teile geteilt, einen chinesischen und einen englischen. Beide mussten vorher beim Direktor abgegeben werden, um fragliche Sätze zu streichen. "Das machte mich schon ziemlich wütend." Julias Rede, die sie Katharina vorher nicht gezeigt hatte, enthielt sogar Aussagen, die gegen Japan gerichtet waren, zu dem die Beziehungen Chinas generell gespannt sind.

Die angespannten Beziehungen sollten Katharina noch ein weiteres Mal deutlich werden. Während ihres Aufenthalts führte der Streit um Inseln im Ostchinesischen Meer zu Demonstrationen gegen Japan. Alles Japanische sollte zerstört werden. Geschäfte und Autos von japanischen Herstellern, wie Suzuki und Honda, wurden beschädigt. Ihre Gasteltern versuchten sie von den Ereignissen fernzuhalten.

Dennoch ging die Deutsche in die Stadt, um sich ein Bild zu machen. Zur Sicherheit gaben ihre Gasteltern ihr noch eine Karte mit, in der sie die gefährlichsten Gegenden schwarz markierten. Allerdings war die Wut der Bevölkerung überall in der Stadt zu spüren. "Neben mir lagen umgekippte, brennende Autos. Menschenmassen sind an uns vorbeigelaufen und haben protestiert. Selbst wenn du Chinese warst, aber in einem japanischen Auto saßt, musstest du um dein Leben fürchten." Viele überklebten die Markenlogos ihrer Autos und machten mit Hilfe von chinesischen Flaggen klar, auf welcher Seite sie standen. "Ich sah auch Busse, bis zum Rand gefüllt mit Soldaten, und überall waren Menschen mit Schildern. Ich hatte Angst, aber es war auch aufregend."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schulschlaf und Schildkrötenpudding
Autor
Almut Kümmerle
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2013, Nr. 211, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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