Die Gasteltern zählten die Lebensmittel

Auf den ersten Blick kann man Thyra Löwenmark nicht von ihren englischen Mitschülern unterscheiden. Auch ihr nordenglischer Akzent lässt nicht vermuten, dass sie nicht immer in Barrow-in-Furness an der Nordwestküste Englands gelebt hat. Thyra ist eine schwedische Austauschschülerin, die ein Schuljahr im Ausland verbringt. "Als ich mitbekommen habe, dass ich nur 100 Kilometer von der schottischen Grenze entfernt untergebracht wurde, war ich geschockt", gesteht die zierliche, dunkelblonde 17-Jährige. Mit den Bildern über das Leben in England, die sie in der Werbebroschüre gesehen hatte, hat diese Industriestadt an der Küste der Irischen See wenig zu tun.

Thyra ließ sich nicht entmutigen. "Es war schon immer mein Traum, in England zu leben." Sie war gespannt auf ihre Gasteltern, doch auf ihre E-Mail bekam sie eine sonderbare Antwort. "Ihre Antwort auf meine Nachrichten war eine Liste mit Regeln, die ich zu beachten habe, wenn ich mit ihnen lebe. Ich hatte schon damals das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Keine der anderen hat eine solche Liste erhalten." Doch es gab kein Zurück mehr. Nachdem die Schwedin aus Uppsala mit 30 Kilogramm Gepäck in London angekommen war, ging es nach Winchester in ein Vorbereitungscamp und nach zwei Tagen zusammen mit 30 anderen Schülern weiter Richtung Norden. "Die zehn Stunden Busfahrt waren schrecklich. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich anfreundet, wenn man in der gleichen Situation ist." An die ersten Tage in ihrer Familie kann sich Thyra noch gut erinnern, "Ich war die ganze Zeit schrecklich nervös, ja nichts Falsches zu machen." Trotzdem blieb die Atmosphäre kühl. Schließlich erfuhr sie, dass es immer wieder Probleme mit dieser Familie gegeben hatte. Vergangenes Jahr hatten die Rentner zwei Austauschschülerinnen, die sich ein Zimmer teilen mussten. Es gab nur ein Bett. So mussten die Schweizerin und die Norwegerin abwechselnd auf einer Campingliege schlafen. Wenn die erwachsene Tochter zu Besuch kam, mussten die beiden ihr Zimmer räumen und auf dem Boden schlafen.

Thyra musste jeden Tag um 18 Uhr zu Hause sein. Ausnahmen wurden nicht erlaubt. "Mit der Zeit wurde es echt lächerlich", fährt Thyra genervt fort. "Eines Morgens fragte ich, ob ich mir vom Einkaufen eine Banane mitbringen dürfte. Ihre Antwort war nein. Das sei zu teuer, ich müsste mir selbst welche kaufen." Die Rentner erstellten jede Woche eine Liste ihrer Lebensmittel, um zu prüfen, ob sie sich unerlaubterweise etwas genommen hatte. "Ich hatte schreckliches Heimweh und war die meiste Zeit traurig." Das Einzige, woran Thyra Spaß hatte, war die Schule, das Barrow 6th Form College. Das ein wenig schüchterne Mädchen fand schnell Anschluss und war in Mathematik, Kunst, Physik, Chemie und "General Studies" immer vorne mit dabei.

Nach zwei Monaten wurde es ihr zu bunt. "Nachdem ich das Internet nicht mehr benutzen durfte, fühlte ich mich eingesperrt und überwacht. Ich hielt es dort keinen Tag länger aus." Ein Gespräch mit der lokalen Verantwortlichen bringt nur noch mehr Ärger. Die gedrungene, blondierte Frau, die nach außen freundlich wirkte, warf ihr vor, sich durch schlechtes Verhalten selbst in diese Lage gebracht zu haben. Auch die Anfrage nach einer neuen Familie und ein Beschwerdebrief wurden vom Hauptbüro in Hastings abgelehnt. Als Thyras Gastfamilie von dem Brief erfährt, eskaliert die Situation. "Sie haben mich angeschrien, was für eine undankbare und schreckliche Person ich doch sei und dass meine Eltern davon erfahren würden."

Als sich ihre Eltern einschalteten und mit der Veröffentlichung der Ereignisse drohten, konnte Thyra endlich ausziehen. "Ich hatte noch nie zuvor solche Angst vor bestimmten Menschen gehabt." Fürs Erste kam sie bei der Gastfamilie einer Freundin unter. Schließlich vermittelte ihr Klassenlehrer einen Kollegen und dessen Frau, die Thyra ein neues Zuhause boten. "Ich bin sehr stolz auf Thyra, dass sie trotz allem durchgehalten hat", sagt ihr Klassenlehrer, "das hätte nicht jeder geschafft."

"Seit ich bei Rod und Lynne eingezogen bin, hat sich alles verändert. Ich war so glücklich, es ist alles, was ich mir erhofft hatte, sogar noch besser", sagt Thyra. In dem Zimmer mit den bunten Wänden und dem hellen Holzboden steht ein großes Bett, auf dem ein Teddybär liegt. Auf dem Nachttisch stehen Fotos, auf dem Schreibtisch stapeln sich Schulutensilien. Es sieht so aus, als wäre dieser Raum wirklich zu ihrem Zuhause geworden. Mit ihrer neuen Gastfamilie hat Thyra schon viel unternommen, unter anderem viele Wanderungen im nahen Lake District. Da es im Süden Schwedens, wo sie herkommt, kaum Berge gibt, ist sie begeistert, dass sie drei der höchsten Gipfel Englands bezwingen konnte.

"Von Anfang an waren alle mir gegenüber aufgeschlossen und fanden es supercool, dass ich aus Schweden komme." Die Schule sei weniger anspruchsvoll als in ihrer Heimat, wo sie Medizin studieren möchte. "Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist hier entspannter." Was hat sie von England erwartet? Thyra zählt auf: Es wird viel Tee getrunken, es regnet dauernd, der britische Humor sowie der Nationalstolz, die Schafe und die Freundlichkeit der Briten. "Das Witzige ist, dass fast alle Stereotype wahr sind."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gasteltern zählten die Lebensmittel
Autor
Sylvia Meuer
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2013, Nr. 211, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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