Das Unheil fernhalten

Im blau karierten Hirtenhemd steht Toni Herger neben dem drei Meter hohen Holzkreuz auf der vom Regen feuchten Wiese. Seine großen, vom Alter gekennzeichneten Hände halten ein trichterförmiges Fass mit eingeschnitzten Enzianen, "Betrufvolle" genannt, als Stimmverstärker an seine sonnengegerbten Lippen: "Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria B'hüät ys Gott und de liäbi heilig Jesus Christus Veh, Hab und Guät und alles, was hiä obä isch B'hüät ys Gott und diä liäbi Muätter Gottes mit ihrem härzallerliäbschtä Chind . . ." Seinen 22. Sommer ist Toni Herger, ein braungebrannter, grauhaariger Bauer mit buschigen Augenbrauen und aufmerksamen blauen Augen auf seine Alp im Urner Schächental gezogen. Dort verbringt er die Sommermonate mit seiner Frau Mariett, den zwölf Mutterkühen, zehn Kälbern und drei Rindern. Jeden Tag stellt sich der 65-jährige, vital gebliebene Mann nach Feierabend bei Wind und Wetter neben das vor der Hütte stehende Alpkreuz und ruft den Alpsegen in alle vier Himmelsrichtungen. Bei diesem auch "Betruf" genannten Bitt- und Dankgebet sollen durch die Kräfte der Schutzheiligen und der Jungfrau Maria das Vieh und das Hab und Gut bewahrt und die Alp mit Glück und Segen beschenkt werden. Die altüberlieferten Worte sollen alles Unheil fernhalten, soweit die Stimme des Älplers reicht. Der psalmodierende Sprechgesang, das zurückschallende Echo und die durch die Dämmerung aufkommende Gebetsstimmung ziehen die meisten Zuhörer in einen Bann, der viele zu Tränen rührt. Die Tradition des Alpsegens ist in der rätoromanischen und deutschsprachigen Bergwelt der Schweizer Alpen verbreitet. "Jede Alp hat ihren eigenen Betruf. Das Spezielle an unserem ist, dass auch die Vorfahren um Unterstützung gebeten werden", erklärt Toni Herger, in der niederen Stube sitzend, weil der Regen wieder eingesetzt hat. "Mein Urgroßvater hat die Obsaum-Alp gebaut und mein Vater hat sie mir vererbt. Dafür möchte ich ihnen in meinem Alpsegen danken." Die Zahl und die Namen der angerufenen Heiligen sind je nach Alp verschieden. Jeder Heilige stellt ein anderes Schutzgebiet dar. Der heilige Wendelin etwa soll nachts das Vieh behüten, und der "Santa Toni" oder der "Säuli Toni" behütet die Haustiere, allen voran das Borstenvieh. Oft werden auch Wetter-Schutzheilige wie der heilige Jakobus angerufen. Obwohl sich der aufgeschlossene Bauer und Vater von zwei Söhnen als nicht sehr fromm bezeichnet, ruft er vom Alpaufzug Anfang Juni bis zum dritten Sonntag im September abends den Segen über seine Alp. "Ich glaube an die höhere Macht, die mir schon oft geholfen hat." Er spricht von einem Wink der Heiligen: "Vor gut einem Jahr verspürte ich nach dem Sonnenuntergang den inneren Drang, noch einmal nach dem Vieh auf der Weide zu sehen. Ich entdeckte die hochträchtige Kuh, die sich gerade zum Kalben auf einem Felsvorsprung hingelegt hatte. Hätte ich diese Mutterkuh nicht gefunden und in den Stall gebracht, so hätte ich beide, das Kalb, das bei seinen ersten Gehversuchen wohl über den Felsvorsprung gestürzt wäre, und die Mutterkuh, die ihrem Kalb nachgegangen wäre, verloren." Die Tradition des Betrufs wird von den Älplern ernst genommen und dient keinesfalls als Showeinlage. "Ich glaube an die Kraft des Betrufs, und ich möchte ihn nicht als Touristenattraktion missbrauchen", sagt Toni Herger, und zwei Falten, die fast senkrecht auf seiner Stirn verlaufen, vertiefen sich. Die meisten Wanderer respektieren diese Haltung. Sie warten gerne, bis er beim Abendrot den Segen ruft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Unheil fernhalten
Autor
Stephanie Arnold. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2010, Nr. 246 / Seite N8
Projekt
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