Poolhaus und Stallarbeit

Zwei Monate Australien in den Sommerferien. Für zwei Schülerinnen des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Friesoythe, einer Stadt in Niedersachsen, wurde dies ein "unvergessliches Erlebnis". Julia Brinkmann, 17 Jahre alt, war in der Millionenstadt Adelaide im Süden Australiens. "Die Stadt fand ich sehr schön. Da Friesoythe nur ungefähr 20 000 Einwohner hat, war es toll, einmal das Leben in einer Großstadt kennenzulernen", sagt die brünette Schülerin. Melanie Lammers, die gleichaltrige Klassenkameradin, war in Mannum, einem 90 Kilometer von Adelaide entfernten Ort, der hauptsächlich aus zwei großen Straßen besteht. "Hier wohnen alle sehr verstreut. Die Häuser sind viel weiter voneinander entfernt, als in Deutschland auf dem Land", berichtet Melanie. "Wir mussten Schuluniformen tragen, denen ich nicht viel abgewinnen konnte, denn sie sehen nicht besonders schön aus. Der Rock ging bis zu den Waden." Gut findet sie allerdings, dass sie und die vier anderen Deutschen, mit denen sie am Austausch teilnahm, nicht direkt als Ausländer erkannt wurden.

An der Pembroke School in Adelaide musste Julia keine Schuluniform tragen: "Allerdings muss ich sagen, dass die Uniform locker getragen wurde, zum Beispiel wurden die Röcke hochgezogen bis zur Taille, damit der Rock noch über den Knien endete. Auch wurden Anstecker an den Pullovern befestigt, um dem Ganzen eine persönliche Note zu geben." Die Kleiderordnung an Melanies High School in Murray Bridge war hingegen streng.

"Aber die Atmosphäre war viel persönlicher. Schüler und Lehrer hatten ein viel freundschaftlicheres Verhältnis, als das in Deutschland der Fall ist. Außerdem war alles entspannter, wurde zum Beispiel im Unterricht etwas vorgelesen, so lagen die Schüler dabei schon mal auf dem Boden." Melanie berichtet über eine Unterrichtsstunde nur für Mädchen, in der sie mit einer Lehrerin über Probleme hinsichtlich Liebe, Schule und Familie redeten. Julia wirft ein, dass sie diese Atmosphäre nicht immer als positiv empfunden habe. "Die Schüler haben zum Beispiel während des Unterrichts iPod gehört, auch während der Lehrer etwas erklärt hat. Ich fand das ziemlich respektlos." Ebenfalls negativ fand sie, "dass die Lernatmosphäre nicht so diszipliniert war". So redeten viele ohne aufzuzeigen und machten den Unterricht unübersichtlich.

Über ihre Gastfamilie hingegen kann Julia kaum etwas Negatives sagen. "Mit meiner Gastschwester Suzannah habe ich mich super verstanden. Die ganze Familie ist mir ans Herz gewachsen. Ich habe mich total geborgen gefühlt." Ihre Gastfamilie hat einen Betrieb für Merinowolle. Julia hatte das Poolhaus ganz für sich allein. "Trotz des Vermögens ist die Familie ziemlich auf dem Boden geblieben, nur manchmal merkte man, dass sie mit Geld doch leichter umgehen als unsereins. Meine Gastschwester bekam nämlich einfach so ein Auto geschenkt, ohne dass sie Geburtstag gehabt hätte."

Auch Melanie beschreibt ihre Gastfamilie als "lieb, freundlich und bereit, alles für mich zu tun". So haben sie Milka-Schokolade und Haribo-Konfekt gekauft, um ihr etwas zu geben, was sie an ihre Heimat erinnert. Mit ihrer zwei Jahre jüngeren Gastschwester Kaithlyn hat sie viel Spaß gehabt. "Ausgegangen sind wir an den Wochenenden nicht wirklich. Partys habe ich dann schon ziemlich vermisst." Das Leben war so etwas wie ein Experiment und eine große Herausforderung, denn sie lebte abgeschieden auf einem Bauernhof. "Wir haben auch zu Hause einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, aber das ist etwas ganz anderes als das, was ich in Australien erlebt habe. Zu Hause ist alles viel technisierter, und ich muss gar nicht mithelfen bei der Stallarbeit."

Dort musste sie beim "Tailing" mit anpacken. Dabei werden den Lämmern die Schwänze mit einer Gaszange abgeschnitten, damit sich keine Flöhe am Schwanz festsetzen, die eine Entzündung verursachen könnten. "So sah ich dann auch manches Blut spritzen. Das war alles ziemlich ekelig." Auch die hygienischen Verhältnisse empfand Melanie als nicht ausreichend. "Innerhalb der zwei Monate wurde keinmal geputzt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Poolhaus und Stallarbeit
Autor
Lena Cloppenburg
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2013, Nr. 211, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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