Dünnflüssig und zuckrig

Auf dem Kurgestüt der Familie Zollmann in Waldbrunn-Mülben nahe Heidelberg durchbricht das Wiehern von Pferden die Stille. Die Besucher der Stutenmilchfarm werden schwanzwedelnd von einem kleinen weißen Hund begrüßt, der mit einem Stöckchen spielt. In Mülben wird nur gemolken und die Milch verarbeitet. Die anderen drei Betriebe, die im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern um Mülben liegen, dienen dazu, Pferde aufwachsen zu lassen und Landwirtschaft zu betreiben. "Wir erzeugen alles Futter, das die Pferde verbrauchen, selbst", sagt Hans Zollmann.

Der Tierarzt führt den 1959 gegründeten Betrieb seit der Übernahme von seinem Schwiegervater 1982. "Es kommen immer die Stuten, die gerade keine Milch mehr geben, von hier auf einen anderen Betrieb, und von diesem Betrieb kommen immer wieder Stuten, deren Fohlen gerade vier bis sechs Wochen alt sind, hierher zurück, so dass wir hier immer Stuten haben, die gemolken werden."

Die neugeborenen Fohlen werden nicht geschlachtet, sondern danach im Freizeitbereich eingesetzt. "Wir selbst sind auch Pferdesportler, so dass es für uns kein Problem ist, solche Pferde zu züchten", sagt Zollmann. "Wir sagen heute auch, dass wir ein Zweinutzungspferd züchten, also einmal die Stute, die Milch gibt, und zum zweiten ein Fohlen, das für den Freizeitbereich interessant ist." Die Besucher freuen sich immer, die Fohlen dabei zu beobachten, wie sie im Stall herumtollen.

Die Stutenmilch hat viele Verwendungsmöglichkeiten. Verschiedene Produkte werden daraus hergestellt. Klaus Eisele, Arzt der Naturheilkunde und Apotheker aus Heidelberg, erklärt die medizinischen Einsatzgebiete: "Stutenmilch kann bei der Nachbehandlung von Krebserkrankungen eingesetzt werden. Sie fördert die Durchblutung und Schleimhautfunktion. Darum hilft sie auch bei Arteriosklerose und Herz- und Kreislauferkrankungen."

Im Hofladen sowie auf der Website des Gestüts werden neben Stutenmilchgetränken auch Kosmetik- und Pflegeprodukte zum Kauf angeboten. Den gesundheitlichen Nutzen dieser Salben und Shampoos erläutert Zollmann: "Die Stutenmilch selbst ist ja eine ganz dünnflüssige und zuckerbetonte Milch. Das heißt, dass in der Milch viele Darmsäurebakterien gedeihen, und das ist auch wichtig für die Haut. Die Haut hat einen Säureschutzmantel und ist mit solchen Bakterien besiedelt. Von daher kann unsere Pflegekosmetik die Haut pflegen und da, wo sie gestört ist, den Säureschutzmantel wiederherstellen."

Auch die Stutenmilchgetränke haben vielfältige positive Eigenschaften. Diese fasst Klaus Eisele so zusammen: "Die Stutenmilch ist der menschlichen Muttermilch sehr ähnlich. Die menschliche Muttermilch ist da, um den Säugling zu ernähren und sein Immunsystem zu unterstützen. Die Stutenmilch enthält viele besondere Immunglobuline, die bei der Behandlung von Allergien und Immunschwächen hilfreich sind."

Hans Zollmann begrüßt die Gäste der Farm im Hofladen mit einem kleinen Glas Kumys. Kumys ist ein Sauergetränk aus vergorener Stutenmilch, dessen Geschmack vergleichbar mit Buttermilch mit Kohlensäure ist und das auch ein wenig Alkohol enthält. Das Besondere am Kumys ist seine Herkunft: Es ist ein traditionelles Getränk der Mongolen. Für die Reiterstämme waren die Pferde nicht einfach nur Reittiere, sondern auch Nutztiere. Sie wurden gemolken und in der Landwirtschaft genutzt. Kumys war dabei ein wichtiger Bestandteil der Nahrung und Kultur der Steppenvölker. Neben der normalen unbehandelten Stutenmilch wird auch Kumys über den Hofladen verkauft.

Stutenmilch zu melken ist wesentlich aufwendiger als zum Beispiel Kuhoder Ziegenmilch, da Pferde keine gezüchteten Milchtiere sind. Das Fohlen kann nicht einfach von der Stute getrennt werden, da sie sonst keine Milch mehr geben würde. "Das Fohlen wird nicht wie bei Kühen abgesetzt, sondern ist während der gesamten Milchabgabeperiode dabei. Die ersten vier Wochen verbringen Stute und Fohlen alleine zusammen, und dann beginnt das Fohlen, sich neben der Stutenmilch auch noch selbst Nahrung zu suchen. Sobald das anfängt und wir das Fohlen an Hafer gewöhnt haben, wird die Stute für ungefähr zwei Stunden von ihrem Fohlen getrennt und gemolken."

Nach und nach wird die Trennung auf bis zu 12 Stunden ausgedehnt, und die Stute kann mehrmals am Tag gemolken werden. Jedes einzelne Fohlen muss genau beobachtet werden, um festzustellen, ab wann die Mutter gemolken werden darf. Der Melkvorgang der Stute ist erstaunlich kurz und bringt nur relativ wenig Milch. Hier gibt es keine Massenproduktion, sondern eine individuelle Behandlung für Stute und Fohlen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dünnflüssig und zuckrig
Autor
David Nowak
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2013, Nr. 217, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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