Wir werden häufig begafft

In einer Wohnwagensiedlung in Bad Kreuznach leben ehemals Obdachlose. Sie sehen sich als Gestrandete und Ausgegrenzte. Wer mit Schnaps und Drogen erwischt wird, der fliegt gleich raus. Den Platz hat ein Rentner und Christ gepachtet.

Ein sonniger Tag auf einem staubigen Platz am Rande des Gewerbegebiets von Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. Zigaretten- und Biergeruch liegen in der Luft, Hundegebell übertönt den Straßenverkehr. Peter (alle Namen der Bewohner sind geändert) betrachtet mit Spannung den leicht brodelnden Topf mit einer glühendheißen Flüssigkeit. "Es sind gesammelte Wachsreste, die ich erhitze und anschließend in Formen gieße." Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Auf diese Weise hat Peter, stolzer Eigentümer eines kleinen Wohnwagens, schon Hunderte Kerzen gegossen, die sich im Regal des Wagens stapeln. "Die Kerzen brauchen wir auf unserem Platz ganz einfach als Lichtquelle. Ist halt etwas problematisch ohne Strom, aber die Straße macht kreativ, ansonsten hast du keine Chance", fährt er fort.

Peter ist kein gewöhnlicher Camping-Fan, der in den schönen Jahreszeiten gerne durchs Land reist, sondern einer von zehn Obdachlosen, die seit November vergangenen Jahres auf einem ehemaligen Skateareal für Jugendliche leben. Das Gelände ist leicht abgesenkt, durch Büsche und einen großen Zaun schwer einsehbar. "Hier haben wir unsere Ruhe vor der Polizei, denn das Grundstück ist Privatgelände", erzählt Peter lächelnd, wobei man ihm die Umstände seiner Lebensweise an den ausgefallenen Zähnen ansieht. Die Obdachlosen, die nun einen dauerhaften Unterstand gefunden haben, sehen sich als Ausgegrenzte und Gestrandete.

Zum Beispiel Toni, der sich mit Peter und dessen Freundin Sonja am Tisch im Vorzelt eingefunden hat. "Durch einen Lkw-Unfall blieb ich auf 1,5 Millionen Mark Schulden sitzen. Dadurch habe ich alles verloren und bin nun seit 16 Jahren quer durch Deutschland unterwegs", erzählt er und trinkt dabei sein Bier. Momentan aber hat auch er seinen eigenen Wohnwagen. "So etwas habe ich in diesem Rahmen noch nie erlebt", sagt er.

Organisator des Projektes ist Hans Oehler. Der "Rentner, Abenteurer und Christ", wie seiner Visitenkarte zu entnehmen ist, denkt auch zehn Jahre nach seinem Ruhestand nicht an ein Ende seines sozialen Engagements. Bereits während seines Berufslebens als Heimleiter und Bewährungshelfer hat der vitale 70- Jährige viel mit Menschen in schwerer Lebenslage zu tun gehabt. Jetzt betrachtet er seine Tätigkeiten viel mehr als Lebensaufgabe, die aktuell in seinem vor einem Jahr gegründeten Förderverein "Die Bastgässjer" zum Ausdruck kommt.

Der Vereinsname leitet sich von der "Bastgasse" im Herzen von Bad Kreuznach ab, wo Oehler einen zusätzlichen Tagesaufenthalt für Menschen in Not etabliert hat. Das Haus wird von der Stadt zur Verfügung gestellt, während er den Bauwagen-Platz pachtete, ohne dabei auf Widerstand der Behörden zu stoßen. Seine Verpflichtung sieht er zum einen darin begründet, als Christ "Außenseitern" der Gesellschaft zu helfen, wozu natürlich auch ein Schuss Abenteuerlust gehört. Andererseits versteht er sich so gut mit den Menschen, dass er sie schon als Familie ansieht.

Hans Oehler ist ein Glücksfall für die Bewohner des Platzes, die zwar ihre Freiheiten nicht aufgeben möchten, im Winter aber durchaus froh über eine geschützte Behausung sind, die Oehler zum Großteil selbst aufgetrieben und auf das Gelände gebracht hat. Denn die Straße wird in den Kreisen der Obdachlosen gerne als "Räuber" bezeichnet. Vor allem der 48 Jahre alte Peter, gebürtig aus Bremerhaven, schildert seine Erfahrungen auf der Straße drastisch. Vor acht Jahren überschlugen sich für ihn die Ereignisse, sein Arbeits- und Mietvertrag wurden fast zeitgleich gekündigt. Dieses einschneidende Erlebnis interpretiert er als Verschwörung der Gesellschaft gegen ihn. Von nun an ist sein Credo: "Die Gesellschaft braucht mich nicht mehr, also brauche ich sie auch nicht mehr", erklärt er aufgebracht und dreht sich seine nächste Zigarette. Diese Ansicht erntet Zustimmung in der Runde. Auf seiner fast achtjährigen Reise lernte er seine Situation zu akzeptieren. "Die ersten zwei Jahre waren wirklich hart, ich musste zum Teil bei Eiseskälte im Freien übernachten." Das Gespräch wird durch Ben, seinen großen Mischlingshund, unterbrochen, der plötzlich unruhig wird. Ben wird prompt mit ungewöhnlich lautem Befehl zurückbeordert und in den Wagen verbannt. "Ich kann sehr unromantisch werden", erläutert Peter, wobei diese Drohung nicht nur seinem Weggefährten gilt.

Sonja, keine Wohnungslose und nur zur Besuch, bestätigt das mit unsicherem Lachen. Er sei nicht gewalttätig, aber wenn es drauf ankomme, müsse man seinen Mann stehen. "Ich wurde schon mit Backsteinen und Flaschen beworfen", erklärt Peter, und Toni ergänzt: "Probleme muss man auf der Straße grundsätzlich einkalkulieren." Hinzu kommt der hohe Alkoholkonsum, der jedoch auf dem Platz durch eine Art Ehrenkodex auf Bier und Wein beschränkt ist. Starke Spirituosen und Drogen werden nicht toleriert. "Wer damit erwischt wird, fliegt gleich raus", erläutert Peter mit ernster Miene. "Diese Kombination hat mich früher fast in den Tod getrieben." Die Folgen dieser Lebensweise sieht man den Bewohnern an, viele sehen zum Teil erheblich älter aus und haben schwerwiegende Gesundheitsprobleme.

Laut Oehler sind die Lebenserwartungen deutlich verkürzt, im Schnitt bei Frauen um acht und bei Männern um 13 Jahre. Zum Arzt gehen nur wenige. "Das ist uns zu teuer, man wird benachteiligt, und irgendwo sind wir für unsere gesundheitliche Verfassung mitverantwortlich", ruft Peter, der kurz im Wagen verschwunden ist, um nach den Kerzen zu schauen.

"Sie beschweren sich wenig und gehen leicht mit Problemen um, egal wie schwer ihre Situation ist. Man darf sie aber nicht unter Druck setzen und sollte sie so annehmen, wie sie sind. Sonst bekommt man keinen Zugang, denn sie stehen zu ihrer Lebensweise", erklärt Oehler. Man dürfe dies nicht als naive Einstellung der Menschen sehen, jeder hier habe seine besondere Persönlichkeit. "Wir sind nicht dumm", wirft Peter ein und klingt etwas verärgert.

Währenddessen passiert ein Auto den Zaun und hält kurz an, einige kurze, verachtende Blicke des Fahrers, und er fährt wieder an. "Wir werden häufig begafft, Mut zur Unterhaltung haben die wenigsten", erwähnt Sonja und meint ironisch: "Ist doch klar, dass ihr schikaniert werdet, ihr verschandelt das Stadtbild." In der Runde wird es locker aufgenommen. "Wenn wir in der Fußgängerzone betteln, denken die Leute, wir würden das so einfach machen, aber das mit dir zu vereinbaren ist schwer, du hast ein richtiges Feuerwerk der Gedanken im Kopf, während du überlegst, warum du das eigentlich machst", sagt Peter nachdenklich.

Hans Oehler ist sich des Konflikts bewusst und verweist auf seine Kneipe "Schaa und Schorsch" in der Bastgasse, die er als Hauptquartier des Vereins sieht. Zusätzlich zu den Obdachlosen und anderen Menschen in schwieriger Lebenslage können sich hier auch andere Bürger einfinden, um in lockerer Atmosphäre zu plaudern, zu singen und das eine oder andere Bier zu trinken. Noch besteht die Resonanz der Bevölkerung aber hauptsächlich aus Spenden und der Aufmerksamkeit lokaler Medien. Ein Geschäftsmann aus der Nachbarschaft hilft, indem er seine Mitarbeiterdusche zur Verfügung stellt. Auch den Wasserbedarf können die Bewohner des Areals hier decken, denn über einen Wasseranschluss wird immer noch mit den Stadtwerken verhandelt.

Oehler hat noch viele Ideen. Ein kulturelles und sportliches Programm für die Menschen aufzubauen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen ist ein Ziel. So schaffte er Fahrräder an und richtet eine Bibliothek ein. "Ich möchte den Menschen wieder Freude am Leben geben, damit sie eine Veränderung ihres Lebens für möglich halten", sagt er. Aber wollen sie ihr Leben überhaupt ändern? Peter und Toni jedenfalls nicht. "Es hat lange genug gedauert, sich daran zu gewöhnen. Ich will dem Materialismus der Gesellschaft nicht mehr hinterher rennen", behauptet Peter. "Ich hänge an meiner Freiheit und meinem Leben und bin damit zufrieden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wir werden häufig begafft
Autor
Patrick Kientzler
Schule
Lina-Hilger-Gymnasium , Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2013, Nr. 223, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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