Topflappen für zwei Euro

Mir geht's beschissen!" Das sind die ersten Worte, die Franz Meier zu seiner Situation einfallen. Er hat eine Jogginghose an und einen weiten Pullover, so dass man auf den ersten Blick nicht sieht, wie dünn er ist. Erst danach bemerkt man, wie sich das spitze Knie des 64-Jährigen unter der Hose abzeichnet und wie abgemagert er ist. Meier war die Hälfte seines Lebens obdachlos und hat auf der Straße gelebt. Er hat graue Haare, einen Bart und sitzt auf dem Sofa in einer Wohnung, die er sich mit dem 38 Jahre alten Dieter Schmidt (die Namen der beiden Männer sind geändert) teilt.

Seit zwei Jahren leben sie in dieser Sozialwohnung. Wenn man sie betritt, kommt einem sofort der Geruch von Zigaretten entgegen, im Hintergrund läuft der Fernseher. Als Caritas-Mitarbeiter Manfred Rippert hinzukommt, sagt er freundlich: "Beim Gespräch ist es ohne Fernseher wohl besser." Rippert arbeitet für die Wohnungslosenhilfe Heidenheim im östlichen Württemberg und ist für die beiden zuständig.

Meier ist als Obdachloser schon in vielen Teilen Deutschlands gewesen. Nun sitzt er da und kämpft mit Atemnot. "34 Jahre auf der Straße gehen nicht einfach spurlos an einem vorbei", sagt Meier. Er erzählt, dass ein Tag auf der Straße meistens gleich abläuft: Man holt sich bei der Caritas oder in Diakonien den Tagessatz oder das Wochenendgeld, das einem zusteht, nimmt einen Kaffee und ein Brötchen für wenig Geld mit und sucht sich dann einen Platz, zum Beispiel einen Bahnhof. Obdachlose sind meistens Einzelgänger, oft hat jeder seinen eigenen Platz.

Es ist nicht so, dass man den ganzen Tag nichts tut, wenn man wohnungslos ist. Im Gegenteil, man hat viel zu organisieren. Man muss sich um einen Schlafplatz kümmern, um eine warme Mahlzeit, und man versucht ein bisschen Geld zu verdienen. Meier häkelt beispielsweise Topflappen, um diese für zwei Euro das Stück zu verkaufen. Es gab eine Zeit, erzählt der 64-Jährige, da hat er bis zu vier Flaschen alkoholische Getränke am Tag getrunken, doch er kam schließlich aus eigener Kraft davon los. "Wenn man Platte macht, gehört das in der Szene einfach dazu. Da gibt es wenige, die nicht trinken", sagt der 52 Jahre alte Caritas-Mitarbeiter.

Die Wohnungslosenhilfe kümmert sich nicht nur um die Versorgung. Es gibt eine Männergruppe, die ab und zu kegeln geht oder andere Freizeitaktivitäten macht, erzählt Rippert. Im Moment warten er und die zwei Männer auf einen Rollstuhl für Meier, damit er mobiler ist und mitkommen kann.

Wie wurde Meier obdachlos? "Ich war früher ein böser Junge. Mehrere Jahre Haft. Nicht auf einmal. Mal zwei Jahre, mal 14 Monate, mal zwei Jahre, mal zehn Monate. Dadurch kam das. Da braucht man sich auch nirgends mehr bewerben." Meier und Schmidt leben in einer, wie Rippert es ausdrückt, Einfachstwohnung, doch das reicht ihnen. In Heidenheim wollen beide bleiben. Sie haben sich in der Notübernachtung der Caritas kennengelernt. Ziele hat Franz Meier keine mehr. Die Hoffnung, dass sein Gesundheitszustand besser wird, hat er aufgegeben. "Sterben. Und weg und tschüs." Eigentlich könne Meier gut kochen, sagt Rippert, "und Herr Schmidt sehr gut essen".

Der etwas kräftigere Schmidt, der bisher geschwiegen hat, schmunzelt. Der gebürtige Sachse trägt ein ärmelloses Shirt und Tattoos auf den Armen. Auch er war fast die Hälfte seines Lebens wohnungslos. Seinen Hauptschulabschluss hat der schüchtern wirkende Mann nachgemacht. Nachdem es für ihn nur Absagen gab, fragte er als 18-Jähriger bei einem Zirkus nach Arbeit. Zwei Jahre war er dann mit dem Zirkus unterwegs. "Habe halt auf- und abgebaut, Tiere gepflegt . . ." Aus dem Traum, Pferdepfleger zu werden, wurde nichts.

Später ist Schmidt von einer Notübernachtung zur nächsten gewandert. Getrunken habe er nie, betont er. Zurzeit versucht er, sich das Rauchen abzugewöhnen. Und er möchte Arbeit finden, obwohl das sowieso nichts werde. Ganz hat er die Hoffnung nicht aufgegeben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Topflappen für zwei Euro
Autor
Naomi Moya Jiménez
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2013, Nr. 223, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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