Beim Mondlicht in Fahrt kommen

Jede Nachtschicht beginnt mit Kontrollaufgaben, wie die Lokomotive von außen zu untersuchen und alle Geräte in der Führerkabine zu überprüfen. Dies erscheint für Außenstehende vielleicht banal, doch Kontrolle und Sicherheit haben erste Priorität, da ich auf der ganzen Fahrt auf mich allein gestellt bin und allfällige Probleme ohne Hilfe lösen muss." Martin Zgraggen, ein sportlicher Mann mit Brille und grauen Schläfen, richtet sich um 21 Uhr an seinem Arbeitsplatz ein. Er arbeitet seit acht Jahren bei den Schweizerischen Bundesbahnen und fährt vorwiegend Güterzüge. "Die Tour heute Nacht führt nach Lugano und Zürich. Dies ist zwar eine der leichteren Nachttouren, sie kann aber trotzdem sehr aufregend werden. Die Fahrt durch die imposante Bergstrecke mit ihren vielen Kurven ist nachts immer sehr abenteuerlich, da man sich um diese Zeit schwerer orientieren kann als am Tag. Und dazu kommt noch, dass ich nicht sehe, was vor mir ist, und so kann ich jeden Moment überrascht werden", erklärt der 45-Jährige mit einem nachdenklichen Lächeln und macht sich wieder an die Arbeit. Aus dem hell beleuchteten Bahnhof Erstfeld im Kanton Uri fährt der Zug in die dunkle Nacht hinaus. Ein erster Höhepunkt auf der Strecke sind die Kehrtunnels beim Anstieg nach Göschenen, wo der Zug die nötige Höhe für die Weiterfahrt erreicht. "Für Touristen ist dieser Teil der Strecke tagsüber sehr spannend und eindrücklich, da sie durch die Fahrt dieser Kehrtunnels die berühmte Kirche von Wassen aus drei verschiedenen Richtungen bestaunen können." Nach dem Durchqueren einiger kleiner Urner Gemeinden fährt der Zug schließlich in Göschenen in den 15 Kilometer langen Gotthardtunnel ein. "Für viele Leute ist es ein regelrechtes Spektakel, durch dieses schweizerische Wahrzeichen - den Gotthardtunnel - zu fahren." In einigen Jahren wird dieser Tunnel und seine Entstehungsgeschichte dann aber wohl in Vergessenheit geraten, wenn die Inbetriebnahme des 57 Kilometer langen neuen Neat-Tunnels, der eine Schnellverbindung zwischen der Schweiz und Italien darstellt, Realität wird. "Es ist auch für mich als routinierter Lokomotivführer eine beängstigende Vorstellung, in Zukunft mit einer Hochgeschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt zu fahren." Nach der Ausfahrt aus dem Tunnel gerät der naturliebende Lokführer so richtig ins Schwärmen: "Die Strecke durch das Tessin ist die abwechslungsreichste der ganzen Schweiz und in dieser klaren Nacht mit dem Einfall des Mondlichts sehr eindrucksvoll. Bis Lugano kann man alle möglichen Variationen der Natur sehen: Man fährt an hohen Felswänden, rauschenden Wasserfällen, grünen Wiesen, Nadel- und Laubwäldern vorbei, und in der Sonnenstube Tessin wachsen sogar überall Palmen und Kakibäume. Zwar kann man in der Nacht vieles nur erahnen, doch die Schattierungen der Felswände faszinieren mich auch nachts." In Lugano ist der erste Teil der Nachtarbeit für Martin Zgraggen beendet. Nach einem kurzen Mitternachtssnack übernimmt er einen anderen Zug, und es geht wieder zurück, vorbei an seinem Heimatdorf Erstfeld direkt nach Zürich. Auf der Rückfahrt durch das Tessin treten bei ihm die ersten Müdigkeitserscheinungen auf. Er beginnt sich die Augen zu reiben, und nachdem er den Kaffee, den er aus Bellinzona mitgenommen hatte, getrunken hat, sagt er: "Es ist anstrengend, die ganze Nacht durchzufahren. Zudem bin ich auf mich selbst gestellt und muss mich während der ganzen Fahrt auf die Strecke und Signale konzentrieren." Besonders anstrengend sei es, wenn er den Tag hindurch etwas unternimmt und dann ohne Erholung seine Schicht antritt. "Ich bin jedoch gut abgesichert, weil ich gezwungen bin permanent ein Fußpedal namens Todmannpedal zu drücken, ansonsten hält die Lokomotive nach 100 Metern automatisch an." Auf der Strecke nach Zug kann Martin Zgraggen endlich seiner Freude am schnellen Fahren nachgeben. "Hier macht es so richtig Spaß, da ich auf dieser Strecke die höchste Geschwindigkeit unter die Räder nehmen darf. Auch in der Dunkelheit spüre ich, wie Gebäude und sonstige Objekte an mir vorbeirauschen", erklärt er und fährt hochkonzentriert weiter. "Für mich ist es ein besonderes Erlebnis, während der Nacht arbeiten zu können. Zu dieser Zeit schläft nämlich jede normale Person, aber ich bin noch unterwegs und bringe wichtige Güter wie Post oder Autos von A nach B." Durch das Abbremsen während der Einfahrt in den Bahnhof Zürich beginnt es in der Kabine nach abgenutzten Bremsklötzen zu stinken. "Ich bin nun froh, wieder einmal reine und frische Nachtluft einzuatmen." Auf der Rückfahrt nach Erstfeld wird der Zug unsanft durchgerüttelt. "Meistens geschieht genau dann etwas, wenn man es am wenigsten erwartet, nämlich kurz vor Arbeitsende", sagt der große Mann, kurz nachdem es einen heftigen Ruck gegeben hat. "Dies war wohl ein Hirsch oder ein Reh. Ich habe schon oft Katzen, Marder oder andere Kleintiere erwischt. Dies ist leider eine der Schattenseiten dieses Berufs." Schließlich ist eine von vielen Nachttouren beendet. "Nach dem Einfahren in den Bahnhof kontrolliere ich wiederum die Lokomotive von außen und innen. Ich putze noch kurz die Kabine, denn der Nächste will sie ja auch wieder sauber vorfinden." Beim Verlassen seines Arbeitsplatzes begrüßt er einen Kollegen, der seinen Zug nun übernimmt und diesen nach Chiasso überführen wird. "Der krönende Abschluss in dieser frühen Morgenstunde ist der Besuch in der Backstube der nahe liegenden Bäckerei Rösing, wo ich mir ein frisches Croissant und Brötchen mitnehme, denn mit einem vollen Bauch lässt es sich besser schlafen", erklärt der leicht übermüdete Lokomotivführer mit einem verschmitzten Augenzwinkern.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beim Mondlicht in Fahrt kommen
Autor
Joël Zgraggen. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2010, Nr. 246 / Seite N8
Projekt
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