Die meisten bleiben im Dreißigjährigen Krieg stecken

Mit Ahnenforschern in Archiven / Ein Geheimfach und Aufzeichnungen über einen Sünder und Säufer Auf dem großen würfelförmigen beige-braunen Lesegerät flackern verschnörkelte Namen längst verstorbener Menschen. Einer der Namen könnte vielleicht ein Vorfahr Hans-Peter Rosenbergers sein, der konzentriert am Schreibtisch sitzt und immer mal wieder Namen in seinen Laptop neben dem Lesegerät tippt. Seit 2004 ist er auf der Suche nach seinen Vorfahren. Alles begann damit, dass seine Mutter starb. Als er einen alten Schrank von ihr renovieren wollte, entdeckte er ein längst vergessenes Geheimfach, in dem über 100 Jahre alte Papiere waren.

"Diese Papiere waren von einem Christoph Aisenpreis geschrieben, von dem ich zuvor nie etwas gehört hatte. Beim Besuch eines Verwandten mit gleichem Nachnamen bekam ich heraus, dass dieser Christoph Aisenpreis mein Urgroßvater war. Nun wollte ich mehr über meine Vorfahren und ihre Familien wissen", erklärt der pensionierte Lehrer und wandte sich ans Pfarramt. Dort wurde er an einen Mann verwiesen, der für die Kirche Ahnenforschung betrieben hatte: Die Daten von jeder Familie, die in Kirchheim nach dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hatte, waren auf Karteikarten festgehalten. Der Mann hatte 78 Familien mit dem Namen Rosenberger aufgeschrieben.

"Wie diese Familien miteinander zusammenhingen, konnte ich durch Eintragen in ein Ahnenprogramm auf einem Computer herausbringen. Danach war klar, dass alle Rosenberger in Kirchheim auf ein einziges Ahnenpaar zurückgingen, das um 1645 nach Kirchheim gekommen sein muss", berichtet der 65-Jährige. "Als erstes verfolgte ich die Aisenpreis-Linie, also die Linie der Mutter meines Vaters und meines Urgroßvaters Christoph Aisenpreis." Bald stellte sich heraus, dass alle alten Familien in Kirchheim miteinander zusammenhängen, dass alle Kirchheimer, die hier Vorfahren vor 1945 haben, miteinander verwandt sind, wenn auch um ein paar Ecken.

Auf der Suche nach einer Forschungsstelle, in der er seine Ahnenforschung ausleben kann, entdeckte Rosenberger die Genealogische Forschungsstelle der Kirche Jesu Christi in Freiberg am Neckar, wo er seitdem jede Woche nach Vorfahren fahndet. "Die vier Leseapparate sind meistens besetzt. Es gibt noch einen anderen Raum mit direktem Internetzugang. Vier bis sechs Leute arbeiten da an einem Tag. Innerhalb einer Woche sind es zehn insgesamt", berichtet Rosenberger.

Neben ihm arbeitet heute auch das Ehepaar Steimle in der Forschungsstelle. Die 66 Jahre alte Rentnerin Anni Steimle, die seit 1985 Ahnenforschung betreibt, fühlt sich hier wohl: "Man kennt sich und kann sich austauschen. Wenn man die alte Schrift gerade nicht lesen kann, ist es gut, andere zu haben, die auch mal ein Auge auf die Kirchenbücher werfen."

Die Aufzeichnungen, die die Ahnenforscher studieren, kommen nicht von irgendwo her. Mühsam muss man in Pfarrämtern oder bischöflichen Archiven entweder die Kirchenbücher dort einsehen oder Verfilmungen besorgen, um diese nach Personen zu durchforsten, die denselben Nachnamen haben wie andere Vorfahren, die man bereits entdeckt hat. "Wenn man die Namen von einer Ortschaft hat, muss man alle mit dem gleichen Familiennamen raussuchen, um dann Zusammenhänge zu finden. Man findet vom Vater die Kinder oder von den Kindern die Eltern", erklärt Anni Steimle, wobei ihre blauen Augen immer mal wieder durch die türkisfarbene Brille einen wachsamen Blick auf das Lesegerät werfen.

Rosenberger spricht aus Erfahrung: "Oft gibt es viele mit demselben Vornamen. Das ist dann richtige Detektivarbeit. Um an die Namen zu kommen, muss ich aber keine weiten Strecken zurücklegen, weil ich alles hier in Kirchheim finde. Früher blieben die Familien zusammen an einem Ort."

Beim Forschen nach all den Personen, die gelebt haben mussten, damit wir überhaupt geboren werden konnten, stößt man auf interessante Details. Beispielsweise stehen Berufsbezeichnungen bei den Namen. Manchmal haben Pfarrer persönliche Bemerkungen hinzugefügt. So stand bei einem Vorfahren Hans-Peter Rosenbergers, er sei ein Sünder, ein großer Vogel und ein Säufer gewesen. Durch andere Informationen fand Rosenberger allerdings heraus, dass dieser Vorfahre eine bettlägerige Frau hatte und deshalb vermutlich verbittert war und einen Ausweg im Alkohol fand. "Ich stelle mir schon Leute dahinter vor", sagt Anni Steimle, "ich schaue mir auch gerne alte Fotos und Filme an und versuche dann herauszufinden, wer wer ist. Außerdem kann ich mir so viel besser vorstellen, wie meine Vorfahren gelebt haben." Bei den Recherchen entstehen viele Daten, die alle aufgeschrieben werden müssen. Anni Steimle und ihr Mann veröffentlichen die Namen, die sie gefunden haben, im Internet mit Hilfe des Programms "Family Tree Builder". Auch Hans-Peter Rosenberger möchte später mal die Daten veröffentlichen. In welcher Form genau, weiß er noch nicht. Zunächst sammelt er die Informationen einfach so.

Die Ahnenforschung hört nie auf. Stattdessen taucht man immer tiefer in die Vergangenheit ein. Je weiter man gräbt, desto breiter gefächert ist der Stammbaum, weshalb man eigentlich ewig weiterforschen kann. Rosenberger ist bis zum Jahre 1388 vorgedrungen. Er hat einen Vorfahren namens Veit Speidel aus Weil der Stadt gefunden, der als Hauptmann der schwäbischen Fahne in der Schlacht von Döffingen am 14. März1388 gefallen ist. Zu dessen Ehren findet man in der St. Augustinuskirche in Weil der Stadt eine Gedenktafel. Sein Heer wurde in der Schlacht gegen den Grafen von Württemberg, Eberhard den Greiner, vernichtend geschlagen. Anni Steimle ist bei ihrer Ahnenforschung bis zu dem im Jahr 1536 geborenen Jakob Steimle vorgedrungen. In der Regel bleibt man jedoch mit einer Linie im 16. oder 17. Jahrhundert stecken, vor allem aber im Dreißigjährigen Krieg, in dem viele Aufzeichnungen verlorengingen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die meisten bleiben im Dreißigjährigen Krieg stecken
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2013, Nr. 229, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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