Feiner Staub in der Münchener Innenstadt

Das Antiquariat im Münchener Univiertel wird in der vierten Generation von der Familie geführt und hütet 60 000 Bücher. Jungen Lesern fehlt die Bereitschaft, sich auf ein intellektuelles Abenteuer einzulassen.

Zwischen einer Bäckerei und einem Döner-Laden in der Münchner Innenstadt steht "J. Kitzinger - Antiquariat und Buchhandlung" auf der Glasscheibe. Hinter der Türe liegt eine andere Welt. Verstummt sind Autolärm und Trubel des Univiertels. Helle Regale ragen bis an die Decke, voll mit Büchern, die sich selbst auf der Treppe stapeln. Rechts steht ein Kunstbuch über Caspar David Friedrich, links der achte Band von Maximilian Schmidts "Gesammelten Werken" aus dem Jahr 1888. Mitten im Antiquariat steht Bernhard Kitzinger, 54 Jahre alt und seit 1994 Teilhaber des Antiquariats J. Kitzinger in der Schellingstraße 25.

"Unser Laden hat schon eine längere Lebensdauer als das Bayerische Königreich", erzählt er. 1892 von Johann Kitzinger gegründet, wird das Antiquariat nach mehr als 120 Jahren in vierter Generation von ihm und seinem Vater geführt. Zwar habe er mit sechzehn, siebzehn noch andere Dinge im Kopf gehabt, doch als die Entscheidung anstand, wählte er das Antiquariat. "Und das habe ich auch nie bereut." Kitzinger, der fast wie ein Geschichtenerzähler auftritt, ist leidenschaftlicher Büchersammler, auch wenn er weniger dazu kommt als früher. Ein Grund: Ihm als Besitzer von drei- bis viertausend Büchern ist schlichtweg der Platz ausgegangen.

Der Großteil des Sortiments besteht aus Büchern über Geisteswissenschaften, Kunst und Musik, überwiegend für den universitären Gebrauch. Literatur, vor allem teure Sammlerstücke, sind weniger zu finden. "Wir haben uns dafür entschieden, lieber ein lebendigeres, kleines und bescheidenes Geschäft zu führen", erklärt er. "Ein Volks-, kein Luxusantiquariat." Trotzdem findet man unter den rund 60 000 Büchern, die größtenteils in den Lagern untergebracht sind, hin und wieder einen Schatz. So entdeckte Kitzinger eine Erstausgabe Immanuel Kants "Kritik an der praktischen Vernunft" von 1798 im Lager, von der er gar nicht wusste, dass er sie besaß - und die nun für 950 Euro zum Verkauf steht. Vor einigen Wochen verkaufte er sein teuerstes Buch: Ein Augsburger Druck von 1515 wechselte für 15 000 Euro den Besitzer. Nicht jedes antiquarische Buch ist zwangsläufig teuer. Antiquarisch bedeutet nichts weiter als gebraucht: Das Buch stammt mindestens aus zweiter Hand, muss jedoch nicht alt sein. Sein Wert wird erst durch die Nachfrage, seinen Zustand und seine Seltenheit bestimmt.

Sein Sortiment kauft Bernhard Kitzinger in der Regel privat ein, oder er erhält Restauflagen von Zwischenhändlern. Mitunter finden sich Namensverzeichnisse von Vorbesitzern ab dem 16. und 17. Jahrhundert in den Büchern. Unter ihnen versteckt sich ab und an auch einmal der Name einer berühmten Persönlichkeit, was den Wert des Buches erheblich steigern kann. Ähnlich sieht es mit Widmungen aus. Hat eine Bekanntheit oder gar der Autor selbst sich hier verewigt, so gewinnt das Buch an Wert. Sonstige, wenn auch noch so liebgemeinte Widmungen an den Beschenkten haben leider das Gegenteil zur Folge, denn dadurch verkauft sich ein antiquarisches Buch schlechter.

Das Antiquariat hat auch schwere Zeiten durchlebt: Während der dreißiger Jahre waren Devisen nicht mehr frei verfügbar, was den Ankauf ausländischer Bücher erschwerte. Hinzu kam die enge Freundschaft mit Hans Ludwig Held, der eine große Rolle für die Münchner Stadtbibliothek spielte. Im Dritten Reich fiel er in Ungnade, und die Kundschaft, wissend um die Verbundenheit der beiden, blieb dem Antiquariat verunsichert fern. Auch die kurz vorher eröffnete zweite Filiale musste aus diesem Grund wieder geschlossen werden. Erst nach dem Krieg ging es langsam wieder aufwärts. "Goldene Zeiten durchlebten wir Antiquariate und der Buchhandel in den sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahren."

Zurzeit sieht es wieder schlechter aus, denn das Sammeln von Büchern geht im Allgemeinen zurück. Immer öfter reicht allein das E-Book aus. Verschärft wird die Situation durch die Entwicklung an der Universität. Kauften früher die Studenten ihre Lernmaterialien bei Kitzinger ein, so wird dies mit zunehmender Technisierung an den Hochschulen unnötig. Zudem möchte die junge Generation nicht mehr Stöbern - das Suchen nach etwas Bestimmten, bei dem man etwas Neues, etwas anderes findet und so vom Einem zum Nächsten kommt. "Es fehlt ihnen einfach die Bereitschaft, sich auf ein intellektuelles Abenteuer einzulassen."

Seine Stammkunden lassen ihn jedoch nicht im Stich. "Sie finanzieren uns das Brot, auch wenn die Butter, die Laufkundschaft, wegfällt." Sie schauen regelmäßig vorbei, egal, ob zum Stöbern oder nur auf einen Ratsch. Das Antiquariat ist wie ein zweites Wohnzimmer für sie. "Vom Typ sind sie alle altmodische Büchersammler, auch wenn ganz unterschiedlich: mal ausgefallen, mal unauffälliger." Manche sind in der Kulturszene prominent: Ross Müller, Regisseur, sei Spontankäufer. Helmut Friedel, Leiter des Lenbachhauses, komme jeden zweiten Tag vorbei, um nach Kunstbüchern für die Bibliothek in seinem Museum zu suchen.

Trotzdem ist die Zukunft ungewiss. "Manche Kunden sagen mir: Halten Sie noch fünf Jahre durch, dann haben wir den Online-Spuk durchgestanden!", sagt Kitzinger. "Generell male ich unsere Zukunft eher düster - das Gutenberg-Zeitalter neigt sich wohl langsam seinem Ende zu. So wie damals niemand mehr von Mönchen handgeschriebene Bücher brauchte, so scheinen heute gedruckte Bücher überflüssig zu werden. Vielleicht wird ein normales Buch einmal so selten sein wie heute eine mittelalterliche Handschrift."

Informationen zum Beitrag

Titel
Feiner Staub in der Münchener Innenstadt
Autor
Anja Gaugigl
Schule
Elsa-Brandström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2013, Nr. 229, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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