Zwischendurch darf sie sich streiten und prügeln

Lautes Wiehern und Schnauben und das unangenehme Knacken von Holz ist zu hören. Pferde galoppieren in Zweierreihen auf Hindernisse zu. Ihre Reiter schnalzen, um die Tiere in der Herbrechtinger Reithalle im östlichen Württemberg vorwärtszutreiben. Beim Werfen ihres Speeres lassen einige Reiter Kampfschreie hören. Bärtige Männer in rasselnden Kettenhemden gehen mit Schwertern und Äxten aufeinander los. Mit lautem Knallen splittert das Holz ihrer Schilde. Gelächter liegt in der Luft. In der Reithalle übt die Gruppe den Ablauf des Turniers. Zwischen alldem Treiben rennen Leute umher, die Lanzen reichen und den Platz umbauen.

Darunter fällt eine zierliche Gestalt auf. Blonde lange Haare ragen aus Friederike Gänzles Kapuze. Sie ist Mitglied im Verein der Württemberger Ritter, in dem Auszubildende, Mechaniker, Krankenschwestern, Physiker, Anwälte und Ärzte ihren Alltag hinter sich lassen und in eine andere Rolle schlüpfen, um auf dem Handwerkermarkt durch das Turnierprogramm, das alljährlich in Stetten und oft in Pappenheim, Königsstein und Regensburg geboten wird, in die Zeit des Mittelalters zu entführen.

"Ich finde es toll, aus dem Alltag rauszukommen und in eine Art andere Welt einzutauchen, in der man einfach jemand anderes ist", sagt die Zwanzigjährige. "Es ist schon eine andere Welt als der normale Studentenalltag. "Gänzle studiert Elektro- und Informationstechnik in Stuttgart, seit November 2008 trainiert sie regelmäßig bei den Rittern. Eigentlich ist sie Schwertkämpferin, ihre Funktion bei Turnieren ist jedoch Pasevant: Sie hilft bei den vielen Umbauten, trägt die Stangen der Turnierschranken. Oft wird sie als "Wasserfrau" eingesetzt und versorgt ihr Team mit Getränken.

Lachend fügt sie hinzu, dass sie sich auch zwischendurch mal mit den anderen "streiten und prügeln" dürfe. Das Wichtigste sei, die Atmosphäre der alten Zeit den Besuchern näherzubringen. Da sei es üblich, dass Vereinsmitglieder sich spontan ein Duell auf dem Platz lieferten.

Das Faszinierende ist diese mittelalterliche Stimmung. Rezepte wie Rahmfladen und Flammkuchen, die Klänge der Instrumente und die Handarbeiten - all das schafft eine ganz eigene Atmosphäre. Was den Besuchern so selbstverständlich erscheint, sei ganz schön viel Arbeit, erklärt Gänzle. "Es ist heute zum Beispiel schon ziemlich verrückt, ein Kleid ohne Maschine zu nähen. Da steckt richtig viel Arbeit dahinter." Die meisten Gewänder sind selbst gemacht. Sie besitzt auch so ein Kleid, zieht sich später lieber ihre Männerklamotten an, um sich zwischendurch ein Duell auf dem Platz liefern zu können.

Im Verein kann man neben Schwertkampf auch Bogenschießen und Kunststücke mit Feuer erlernen. Gänzle hat sich für Schwertkampf entschieden, weil neben Kraft und Ausdauer auch die Konzentration trainiert wird. Und wenn man als Frau ein bisschen härter im Nehmen sei und keine Angst hätte, Männern gegenüberzutreten, die ungefähr das Doppelte wiegen, werde man akzeptiert. Als die schlanke Studentin vom wöchentlichen Schwertkampftraining im Verein erzählt, hat man doch eher einen typischen Männersport vor Augen. In der ersten der beiden Trainingsstunden wird ein Spiel, häufig Frisbee oder Basketball, gespielt. Danach geht es ans Dehnen und Muskelaufbauen mit Sit-ups und Liegestützen. Mit dem Schwert arbeitet dann jeder zehn Minuten für sich an seiner Technik, bevor in Zweiergruppen auf Kontakt gegangen wird. Außer ein paar blauen Flecken ist ihr bis jetzt noch nichts passiert, denn die Kämpfe finden eher miteinander als gegeneinander statt, erklärt sie.

Die Klingen der klassischen Breitschwerter sind im Schnitt 80 Zentimeter lang - und schwerer, als man glaubt. In der Grundstellung behält man beide Hände am Griff. Es bedarf einiger Übung, bis man das Schwert präzise und einhändig führen kann. Im Verein tragen sie deshalb Schutzkleidung und haben einen erfahrenen Trainer. Auch wenn sie in der Rangfolge noch keinen Rang und Namen hat und zum "Gesinde" gehört, der Verein ist für Gänzle wie eine große Familie. Besonders genießt sie die Abende am Lagerfeuer mit einem Becher Met.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwischendurch darf sie sich streiten und prügeln
Autor
Maren Hügler
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2013, Nr. 229, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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