Heimlich verhaftet

Höllenpforte und Tränenberg haben die Menschen das Gefängnis auf dem Hohenasperg genannt. Heute erinnert ein Museum an das Gefängnis mit Aussicht und die Schicksale.

Steil geht es den Berg hinauf. Ein imposanter Torbogen unterbricht die hohe, steinerne Mauer, in deren Fugen Pflanzen Halt zum Wurzeln gefunden haben. Durch ein weiteres Tor und eine schattige, feuchtkühle Passage gelangt man in den Innenbereich der Festung. Über die niedrige Mauer ist die Sicht auf die Umgebung atemberaubend. Kletterrosen winden sich über einen metallenen Zaun, der mehrere große Gebäude einkreist, was man an den Dächern erkennen kann. Der Rest des umzäunten Geländes bleibt hinter hoher Vegetation versteckt. Das obere Ende des Zaunes ist mit Rollen aus Stacheldraht gespickt.

In der Festung auf dem Hohenasperg in der Nähe von Stuttgart, eingebettet in Natur und Weinberge, befindet sich das Justizvollzugskrankenhaus Baden-Württembergs. Eine lange Geschichte haben der Hohenasperg und seine Festung zu erzählen, die in der Dauerausstellung "Hohenasperg - ein deutsches Gefängnis" direkt vor Ort berichtet wird. Das kleine Museum wurde 2010 als Zweigstelle des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg eröffnet und kann von April bis Oktober besucht werden.

Die Historikerin Silke Knappenberger-Jans führt Besuchergruppen durch das Museum. "Höllenpforte, Tränenberg und Demokratenbuckel sind nur einige der vielen Namen, die die Menschen dem Hohenasperg gegeben haben, seit er im frühen 18. Jahrhundert Garnison und Gefängnis wurde", beginnt die 50-jährige Frau. Sie trägt eine Brille und schulterlanges blondes Haar, ein grünes T-Shirt und eine braune Hose. Um den Hals hat sie ein rotes Band mit einem Kärtchen, auf dem ihr Name steht. "Schon lange vor seiner Zeit als Gefängnis war der Berg bewohnt. Von 700 bis 400 vor Christus war er Sitz mächtiger Keltenfürsten. Der Berg ist zwar nur 91 Meter hoch, fällt aber in der flachen Umgebung ziemlich auf. Ihn zu nutzen war eine regelrechte und bewusst eingesetzte Machtdemonstration. Er war ab seiner Zeit als Gefängnisberg wie eine immerzu präsente Drohung an die Bevölkerung: hier kommt ihr hin, wenn ihr aus der Reihe tanzt."

Die Ausstellung umfasst acht kleine, miteinander verbundene Räume, die einmal Gefängniszellen waren. Anhand von 22 ausgewählten Häftlingsbiografien wird die Geschichte des Hohenaspergs erzählt. "Nun tauchen wir ein in die Zeit des Absolutismus unter Herzog Karl Eugen hier in Württemberg", sagt Knappenberger-Jans und geht voraus in den ersten, fast unbeleuchteten Ausstellungsraum. Für jeden der Häftlinge ist eine quaderförmige Vitrine auf einem Sockel eingerichtet, die persönliche Sachen enthält. Darüber hängt jeweils ein Leuchtschild, das Namen und Lebensdaten angibt.

Hoher Operngesang erfüllt den ersten Raum - eine Frauenstimme. "Das ist die Arie der Fulvia aus Ezio, die die von 1756 bis 1764 inhaftierte Sopranistin Marianne Pirker in ihrer Gefangenschaft gesungen haben soll - und dabei angeblich ihre Stimme ruiniert hat. Sie war eine der nur neun Frauen, die namentlich als Inhaftierte bekannt sind." Marianne Pirker wurde mit ihrem Mann und dem Hoffriseur in aller Heimlichkeit verhaftet. Da es keine offiziellen Ermittlungen gab, wird spekuliert, dass sie zu viel von den Liebschaften des Herzogs wusste.

Der hölzerne Dielenboden knarzt laut, als die Gruppe in den nächsten Raum geht. Der Blick fällt auf eine eisenbeschlagene, bräunlich verrostete Tür, die dort ausgestellt ist. "Das war die Tür zur unteren Zelle des Schubartturms." Der Dichter, Organist und Komponist Christian Friedrich Daniel Schubart war zehn Jahre auf dem Hohenasperg inhaftiert. Er wurde unter anderem wegen seiner angeblich bösartigen und gotteslästerlichen Schreibtätigkeit verurteilt - er hatte sich zu kritisch über politische Missstände geäußert. "Herzog Karl Eugen versuchte, die Leute durch die Haft in eine andere Richtung zu drängen. Dies ist ihm bei Schubart in hohem Maße gelungen, der hier zuerst gar nichts, später nur die Bibel lesen durfte und im Laufe seiner Gefangenschaft begann, die Haft als Bestrafung seiner Sünden zu sehen. Nach einigen Jahren lockerte der Herzog die Haftbedingungen."

Es geht vorbei an vielen Vitrinen. In den meisten befinden sich in verschnörkelter Handschrift geschriebene Dokumente. In einer liegt ein bunt illustriertes Kinderbuch, das von dem Häftling Theobald Kerner, Sohn des Arztes Justinus Kerner, zum Zeitvertreib entworfen wurde. "Aus Sehnsucht nach der Natur malte er ganz viele Blumen und Pflanzen."

Die Vitrine von Walter Hinrik Dorn erregt besondere Aufmerksamkeit. Es sind keine Dokumente ausgestellt, sondern merkwürdige, pantoffelähnliche Schuhe, aus grobem braunen Stoff, der an den Rändern ausgefranst ist, und eine Kappe aus dem gleichen Material. Daneben dicke, aus weißem Stoff geflochtene Teile eines Seiles - Zeugen eines spektakulären Fluchtversuchs. Dorn wurde wegen "degenerativem Irresein" 1929 in die Irrenabteilung gesperrt. Er war ein Mensch, der permanent redete. Er schrieb Beschwerdebriefe an die Gefängnisverwaltung, in denen er sich über die Wärter ausließ, die ihm zum Beispiel beim Abendbrot den Käse ohne Teller gaben. Seinen Fluchtversuch bereitete Dorn lange vor: Hinter dem Toilettenvorhang in seiner Zelle gelang es ihm, unbemerkt ein Loch in die Decke zu klopfen. Aus Wolldecken nähte er sich die Schuhe, um sich als Tourist verkleiden zu können. Seile knüpfte er aus einer Decke.

Fast wäre ihm die Flucht gelungen. Das Dumme war nur, dass er den Ausbruch um fünf Uhr morgens versuchte. Er fiel auf, da um diese Zeit normalerweise kein Tourist unterwegs ist. Die Führung endet in einem Raum, der gleichzeitig ein kleines Archiv ist. Durch das Fenster scheint die Sonne herein und blendet nach der Dunkelheit der Ausstellung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Heimlich verhaftet
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2013, Nr. 234, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180