Arbeit hinter schweren Stahltüren

Reno Meistring arbeitet in einer Justizvollzugsanstalt. Er mag seinen Beruf.

Ein respektvoller Umgang mit den Gefangenen ist mir enorm wichtig, schließlich erwarte ich das umgekehrt auch", sagt Reno Meistring. Der Justizvollzugsbedienstete der JVA Rohrbach ist stellvertretender Abteilungsdienstleiter der Frauenstation in der Justizvollzugsanstalt im rheinhessischen Wöllstein, nachdem er lange in der Untersuchungshaftanstalt in Mainz als Abteilungsbeamter der Männerstrafhaft und als Sportbeamter für den Gefangenen- und Bedienstetensport tätig war.

Die von hohen Mauern umschlossene JVA Rohrbach ist mit den neusten Sicherheitsvorkehrungen ausgerüstet. Meistrings Arbeitsplatz ist umgeben von schweren Stahltüren und überwacht von unzähligen Kameras. Neben seinem Büro mit dem vergitterten Fenster gehören die Gefängniszellen zu seinem täglichen Arbeitsumfeld. Auf seinem Dienstplan stehen unterschiedliche Aufgaben, die sich je nach Schicht ändern. Der Plan sieht das Wecken der Inhaftierten vor, die Frühstückausgabe, das Einsammeln der Post, das Weiterleiten von Anträgen, die Durchführung von Haftraum- und Identitätskontrollen sowie die Betreuung und Beaufsichtigung der Gefangenen und den sogenannten Nachtverschluss. Der Dienst am Vormittag umfasst Wäschetausch und Materialausgabe. Da viele Gefangene zur Arbeit gehen und erst am späten Nachmittag zurückkehren, haben sie noch eine Hofstunde sowie ein Sport- und Freizeitangebot.

Meistring macht die Dienstpläne für die Kollegen. Er muss Probleme der Gefangenen erkennen, Lösungen finden und Gespräche führen. "Eine für mich besondere Aufgabe ist das Antiaggressionstraining, an dem ich schon seit einigen Jahren beteiligt bin", erklärt der 43-Jährige, der eine blaue Uniform mit der Aufschrift "Justiz" trägt. Je nach Situation hat er Pfefferspray, Handschellen, Abdrängstock, Helm, Fußfesseln und Schutzschild bei sich, die jedoch nur selten zum Einsatz kommen. Müssen die Gefangenen mit den Bussen der JVA transportiert werden zu Terminen wie Gerichtsverhandlungen oder Arztbesuchen, werden auch Schusswaffen mitgeführt. Immer dabei muss das Personenrufgerät sein: Durch einen Knopfdruck kann die gesamte Abteilung alarmiert und zur Notfallstelle gerufen werden.

Die Arbeit besteht aus Früh-, Tag- und Spätdienst sowie aus einem jährlich dreiwöchigen Nachtdienst. "Es gibt immer wieder Situationen, in denen mir das Adrenalin in den Körper steigt und ich noch nach Stunden vollkommen aufgedreht bin", sagt er. So gab es einmal die Situation, dass ein Gefangener einen Bediensteten mit einem Faustschlag ins Gesicht verletzt hat. Der Bedienstete rief seine Kollegen mittels Personennotrufgerät zur Hilfe, um den Angreifer zu überwältigen. Die Mitarbeiter haben den Häftling am Boden fixiert und ihm die Hände zunächst auf dem Rücken gefesselt. Der noch hochgradig erregte Gefangene wurde dann in eine speziell dafür vorgesehene geflieste Zelle gebracht ohne jegliches Inventar, um Selbstverletzungsmöglichkeiten zu vermeiden. Nachdem er sich beruhigt hatte, konnte er in seinen Haftraum zurückkehren. Zum Schutz der Bediensteten liefen noch Sicherungsmaßnahmen wie die ständige Begleitung durch zwei Beamte außerhalb der Zelle weiter.

Bei solchen Notfallsituationen gilt es in erster Linie, Ruhe zu bewahren und die Kollegen zügig zu alarmieren, denn je mehr Bedienstete vor Ort sind, desto einfacher ist es, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Die Beamten werden in einem Einsatz- und einem zusätzlichen Kommunikationstraining vorbereitet und trainiert. Die dort erlernten Techniken müssen sie dann beispielsweise bei Randalen oder verbalen Bedrohungen anwenden. Es gelte zuerst, den Betroffenen herunterzubringen und durch Ansprache zu beruhigen, betont Meistring.

Eine wichtige Rolle spielt die Verlässlichkeit der Kollegen untereinander, in einer Notfallsituation müssen alle zusammenarbeiten, damit diese nicht eskaliert. "Ich arbeite gern in diesem Beruf, eben weil er so anspruchsvoll und facettenreich ist, und da man auf so vielen verschiedenen Ebenen gefordert wird, entwickelt man sich ständig weiter", schwärmt Meistring von seinem Leben als Beamter hinter Gittern.

Dennoch wünscht sich die JVA Rohrbach ein besseres Image nach außen, denn laut den Mitarbeitern werde durch die Medien oft ein falscher Eindruck von solchen Einrichtungen vermittelt. So werden die Bediensteten abfällig als "Wärter" oder "Schließer" bezeichnet, von spektakulären Situationen werde ausführlich berichtet, selten aber von gegenseitiger Wertschätzung im Umgang mit den Gefangenen.

Auch gebe es das eine oder andere Ereignis, das für das Gesamtklima der Anstalt wichtig sei. Beispielsweise anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 veranstaltete die JVA eine interne "Knast-WM". Im Rahmen des Projektes besuchten Trainer und Spieler des Bundesligisten Mainz 05 die Strafgefangenen, stellten sich deren Fragen und absolvierten gemeinsam einige Übungen auf dem Kleinfeld-Kunstrasenplatz. "Es ist sinnvoll, wenn Gefangene Menschen mit Vorbildfunktion begegnen", sagt Meistring. Er betont ausdrücklich, dass solche Events natürlich nicht alltäglich seien. "Es soll weder der Eindruck entstehenden, dass es einen Kuschelvollzug gibt, noch sollen Außenstehende den Eindruck haben, dass hinter den Gefängnismauern Hardliner die Anstalt prägen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Arbeit hinter schweren Stahltüren
Autor
Alicia Stumpf
Schule
Gymnasium am Römerkastell , Alzey
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2013, Nr. 234, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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