Mehr Normalität

Die Christophorus-Klinik für forensische Psychiatrie und ihre Klinkergebäude sind umgeben von einem 5,50 Meter hohen Sicherheitszaun. Eine Aufseherin in einer einheitlichen Arbeitskleidung, blauer Hose, Blazer und hellblauer Bluse, führt ins Innere der Forensik bei Münster-Amelsbürgen. Überall gebe es Kameras, außer in den Patientenzimmern, erklärt der leitende Arzt Professor Dieter Seifert.

Schon beim Bau der Klinik, die auf dem Areal der Alexianerbrüderschaft mit vielen integrativen Einrichtungen liegt, gab es lange Diskussionen in der Bevölkerung. Seifert kann die Befürchtungen nachvollziehen, wertet sie aber als "unbegründet". Ungefähr ein Viertel der Patienten aus forensischen Einrichtungen, die wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, würden nach zehn Jahren mit erneuten Straftaten auffällig, davon seien zehn bis zwölf Prozent schwerwiegend. "Ein gewisses Risiko ist immer da, wir können die Zahlen nicht auf null drücken." Bei der Behandlung sei es für die Ärzte, Psychologen und Therapeuten manchmal schwer festzustellen, welche Patienten gefährlicher und welche ungefährlicher sind. Zudem sei es schwer zu sagen, welche Art von Nachbetreuung sie nach ihrer Entlassung brauchen, welche Medikamente benötigt werden und welche Wohneinrichtungen in Frage kommen. Die Nachbehandlung ist gesetzlich vorgeschrieben.

Gut die Hälfte der 54 Insassen begingen Sexualdelikte unterschiedlichen Schweregrads. Die Patienten sind unterschiedlich lange in der Klinik, von fünfeinhalb Jahren bis mehr als 20 Jahre. Manche würden gar nicht mehr wegwollen. Wenn ein Patient neu eingeliefert wird, so kommt er zunächst in die Station Agnes. Hier sehen sich die Therapeuten und Ärzte genau das Störungsbild an. Der Patient wird allgemeinpsychiatrischen Tests unterzogen, um die Gefährlichkeit im Kontext feststellen zu können. Auf der Regelstation wird der Patient dann therapiert.

"Es gibt keine Therapie, die für alle gleich ist, deshalb gucken wir immer nach einer Therapie für den Einzelnen", sagt Seifert ernst. Die Therapie wird jeden Tag neu besprochen. Das sei genauso wie in anderen Kliniken, da er sich mit dem Psychologen, Ärzten, den Schwestern und Pflegern nach der Visite zusammensetze und alles bespreche. "Für den einen ist es wichtig, dass er ein bisschen mehr arbeitet, für den anderen, dass er mehr im schulischen Bereich macht, weil seine kognitiven Fähigkeiten nicht so gut sind."

Bei den Patienten handelt es sich fast nur um Männer. Nur drei bis fünf Prozent der Straftätigen aus Maßregelvollzugsanstalten insgesamt sind weiblichen Geschlechts. "Bei unseren Patienten handelt es sich, anders als in anderen Einrichtungen, um Minderbegabte." Die Mitarbeiter der Klinik sind vornehmlich Männer. "Es hat einen Reiz, hier zu arbeiten, da die Therapieentwicklung im Gegensatz zu der in einer normalen Psychiatrie untergebrachten Patienten mit der Zeit sichtbar ist."

Die Eingliederung zurück in die Gesellschaft sei "ein schleichender Weg in die Freiheit". Die Patienten haben teilweise keinerlei Eigenständigkeit, sondern seien bei den einfachsten Dingen im Alltag überfordert. Die Therapie besteht darin, einen normalen Tagesrhythmus zu schaffen und Normalität ins Leben zu bringen, die es in der Vergangenheit nicht gab. Je nach Therapiestand werden die Patienten morgens geweckt, müssen ihr Zimmer aufräumen und duschen. Nach dem Frühstück haben sie Küchendienst und gehen dann einer Arbeit nach. Auf dem Gelände gibt es eine kleine Werkstatt, eine Sporthalle, ein Café, und manche haben sich auch einen kleinen Garten angelegt. Die therapeutische Begleitung, Pflegekräfte, Psychologen und Ärzte sind sensibilisiert, atmosphärische Schwankungen mitzubekommen. Schließlich leben die Patienten mit ihren unterschiedlichen Krankheitsbildern auf engem Raum zusammen. "Früher haben sie Konflikte mit Gewalt gelöst, jetzt sollen sie mit den Schwierigkeiten untereinander anders umgehen, was nur mit Therapie möglich ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mehr Normalität
Autor
Mareike Müller
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2013, Nr. 234, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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