Sich gern für andere abstrampeln

Janine Heese studiert Philosophie und fährt Münchner und Touristen mit ihrer 75 Kilo schweren Rikscha durch die Stadt. Wenn sie zur richtigen Zeit an belebten Plätzen ist, kommt viel Kundschaft.

Ein sonniger Samstag. Janine Heese steht mit ihrer Fahrradrikscha zwischen dem Münchner Viktualienmarkt und dem Marienplatz, einem der belebtesten Punkte der Innenstadt. Scharen von Einkaufslustigen tummeln sich in der Fußgängerzone zwischen Kaufhäusern, alteingesessenen Geschäften, Shops und Souvenirläden. Touristen gruppieren sich um die prachtvolle Mariensäule, während andere gespannt auf den 12-Uhr-Schlag warten, mit dem das Glockenspiel im Rathausturm beginnt. Janine Heese trägt T-Shirt, Shorts und Sportschuhe. Ein modischer Hut im Michael-Jackson-Stil verdeckt einen Teil ihrer halblangen braunen Haare. Die 29-Jährige ist zierlich und wirkt viel jünger, als sie ist.

Kaum zu glauben, dass sie in der Lage ist, mit ihrer 75 Kilogramm schweren Rikscha Fahrgäste durch die Stadt zu chauffieren. "Rikschafahren ist perfekt für mich. Ich bin gerne an der frischen Luft, lerne gerne neue Leute kennen, halte mich fit und verdiene dabei noch Geld", sagt die Philosophiestudentin. An einem Sommertag mit gutem Geschäft legt sie 30 bis 40 Kilometer zurück.

Nach Gästen suchen muss sie nicht. Sie muss einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Dann wird sie von Kunden angesprochen, die sie zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten oder Plätzen wie dem Englischen Garten bringen soll. Nicht selten wollen Gäste nach einem kurzen Biergartenbesuch wieder von ihr abgeholt werden. Dann vereinbart sie mit ihnen die Zeit für die Rück- oder Weiterfahrt und nutzt die Zwischenzeit für weitere Kurzfahrten. Nur wenn sich am aktuellen Ort keine neue Kundschaft findet, fährt sie zurück zu ihrem bevorzugten Standort am Durchgang des alten Rathausturms hinter dem Marienplatz. Gerade bei kurzen Zielfahrten bis zu einem Kilometer wird die Rikscha gerne als Alternative zum Taxi gewählt.

60 Prozent der Passagiere sind Touristen, 40 Prozent sind Einheimische. "Münchner lassen sich eher weniger fahren, doch es werden mehr, da die Rikscha immer mehr zum Stadtbild gehört."

Ursprünglich wurden die Ende des 19. Jahrhunderts in Japan erfundenen Rikschas von "Rikschawallahs" zu Fuß gezogen. In München fahren Rikschas seit 1997. Heute gibt es geschätzt 100 Fahrer, zehn Prozent davon sind Frauen. Rikschafahren ist ein saisonales Geschäft. Janine Heese ist meist nur bei gutem Wetter unterwegs und fährt bei großen Ereignissen wie dem Oktoberfest. "Im Winter macht es keinen Sinn. Da jobbe ich lieber in der Personalberatung. Ich habe zwar Decken, aber trotzdem ist es bei der Kälte nicht sehr angenehm zu fahren." Am besten läuft das Geschäft am Nachmittag, wenn die Leute müde vom Shoppen sind und keine Lust mehr zum Laufen haben. Münchner rufen gerne auch mal nach der Rikscha, wenn sie schnell irgendwohin wollen. Auf das Rikschafahren kam sie über einen Freund, der selbst fährt. "Er meinte damals, ich solle es einfach mal ausprobieren, und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich habe nicht nur eine individuelle und umweltfreundliche Transportmöglichkeit kennengelernt, sondern auch das damit verbundene weltoffene Lebensgefühl." Sie besitzt eine eigene Rikscha und ist eine der 30 selbstständigen Münchner Rikschafahrer. Ihr "Menschenkraftwagen", so die wörtliche Übersetzung aus dem Japanischen, wurde in Polen hergestellt und von dort geliefert. Investiert hat sie für die rot-weiße Rikscha mit ihren zwei überdachten Sitzen mehrere tausend Euro. Eine neue Rikscha kostet vierbis neuntausend Euro.

Meistens lehnen sich die Fahrgäste entspannt zurück und erzählen während der Fahrt von sich. Weil Janine Menschen und ihre Geschichten interessieren, wird es für sie nie langweilig. "Da kommt es auch öfter mal zu lustigen Situationen", erzählt sie lächelnd. So, als sie zwei russische Touristen transportiert hat. "Die Konversation war ziemlich ungewöhnlich. Sie haben mir etwas erzählt, ich habe etwas geantwortet. Verstanden haben wir voneinander eigentlich nichts. Trotz oder gerade wegen der sprachlichen Barrieren haben wir die ganze Fahrt Spaß gehabt." Vor allem zur Wiesn-Zeit, wenn die Leute eine Maß über den Durst getrunken haben, kann es zu grenzwertigen Begegnungen kommen, eben dann, wenn sie nicht mehr zwischen Witz und Anmaßung unterscheiden können.

Heute ist ein guter Tag. Zwei Touristen sprechen die sympathische Frau an: "Entschuldigung, was kostet eine Fahrt zur Maximiliansstraße?" "Fünf Euro", erwidert sie freundlich. Sie steigen ein und machen es sich für die rund vier Minuten dauernde Fahrt auf den weißen Sitzkissen bequem.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sich gern für andere abstrampeln
Autor
Carlos Hellfritsch
Schule
Elsa-Brandström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2013, Nr. 240, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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