Nach dem Rennen klappen alle zusammen

Die Schlange vor der oberhalb der Haupttribüne gelegenen Grillhütte ist meterlang. Soweit das Auge reicht, sieht man auf der Tribüne Männer und Frauen mit Oberlippenbart. Es riecht nach Bratwurst. Um 18 Uhr begrüßt Udo Scholz, ehemaliger Stadionsprecher des 1. FC Kaiserslautern, das Publikum über die Lautsprecheranlage, und zwei Autos fahren in die Bahn ein. Darin sitzen Miss Ludwigshafen und der Schirmherr der Veranstaltung, König Cephas Bansah. Beide grüßen winkend die Menge, während sie an der Tribüne vorbeifahren, und werden über den roten Teppich zu ihren Ehrenplätzen begleitet. König Cephas Bansah kommt ursprünglich aus Ghana, wo er rund 300 000 Untertanen der Gruppe der Ewe hat. Er lebt in Ludwigshafen und besitzt dort eine Autowerkstatt. Bansah engagiert sich für eine bessere Wasserversorgung in seinem Land und den Ausbau des Krankenhauses des Orts Hohoe. Holger Gockel, Mitorganisator des Rennens, erklärt: "Der König war unser Traumkandidat für die Schirmherrschaft, weil er ein original Ludwigshafener ist, pfälzisch spricht und aufgrund seines Migrationshintergrundes die Internationalität der Stadt repräsentiert."

Schließlich betreten unter tosendem Applaus die 111 Fahrer mit ihren Klapprädern und teilweise mit selbstgemachten Kostümen die Wiese inmitten des Stadions und müssen ihren Schwur ablegen: Sie versprechen, ihren Bart in absehbarer Zeit nicht abzurasieren und den Gebrauch von Gangschaltungen zu unterlassen. Es wird die Hymne "Kennst du Ludwigshafen" angestimmt.

Wir befinden uns in Friesenheim, einem Stadtteil von Ludwigshafen am Rhein, auf der 1956 erbauten Rennradbahn, die auf den Namen "Klappodrom" getauft wurde. Der World-Klapp, die "inoffizielle Weltmeisterschaft" im Klappradfahren und eine Realsatire, hat im Mai zum zweiten Mal hier stattgefunden. Die vom Pfälzer Klappradverein und dem RC Friesenheim organisierte Veranstaltung soll die siebziger Jahre und deren wunderbare Errungenschaft, die Klappräder, mit Spaß wieder aufleben lassen. Es gilt das Motto: "Ohne Bart kein Start". Dafür haben sich die Teilnehmer original Klappräder besorgt, sei es von Freunden oder aus Muttis Keller, und diese, soweit es die Regeln zulassen, aufgerüstet. Eine Modifikation, die fast jeder durchgeführt hat, ist die Montage eines größeren Ritzels, damit höhere Geschwindigkeiten gefahren werden können. So auch Masen Abu-Bakr, der die Startnummer 100 hat. "Ich habe mir das Rad von einem Freund besorgt und noch ein bisschen aufgemotzt", erzählt der 50-Jährige mit prächtigem Bart stolz.

Die Regeln besagen, dass das Gefährt zwei Räder mit maximal 20 Zoll Felgengröße besitzen muss. Es muss natürlich klappbar sein und darf keine Schaltung haben. Teilnehmer müssen auf jeden Fall einen Oberlippenbart tragen. Insgesamt gibt es nur drei Frauen. Alle Teilnehmer werden überprüft. Wenn ein Schummler enttarnt wird, rücken Starter von der Warteliste nach, auf der sich kurz vor dem Start noch um die 60 Radler befinden. Das Feld besteht hauptsächlich aus Radlern, die schon vergangenes Jahr dabei waren. Die anderen freien Plätze werden mit neuen Interessenten aufgefüllt, die sich zum Beispiel mit einem Video bewerben können. In diesem sollen sie ihre Liebe zu Klapprädern und ihre Motivation zeigen.

Die Fahrer werden in vier Startgruppen eingeteilt, die jeweils ein Ausscheidungsrennen fahren. Hierbei scheidet bei jeder gefahrenen Runde der letzte Mann oder die letzte Frau aus, bis nur noch acht Fahrer übrig sind. Diese haben sich damit für das Finale qualifiziert und dürfen um den Stundenweltrekord kämpfen. Dieses Jahr gab es beim dritten Ausscheidungsrennen einen heftigen Sturz, da ein ausgeschiedener Fahrer noch auf der Bahn blieb und die anderen ausbremste. So kam es direkt vor der Tribüne zu einer schlimmen Massenkarambolage. Die meisten hatten nur Schürfwunden an den Händen oder am Rücken, aber es gab auch drei Schlüsselbeinbrüche.

Nach den vier Qualifizierungsläufen waren alle Sportlerinnen ausgeschieden. In der Pause regnete es wie aus Eimern, und das Publikum verzog sich unter die Tribüne. Die Bahn hatte dadurch keinen Grip mehr. Deshalb wurden, als es aufhörte zu schütten, zwei Autos auf die Bahn geschickt, damit die gröbste Nässe verschwand. Als das letzte Rennen endlich startet, ist es schon dunkel. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit um die 35 Stundenkilometer rasen die kleinen Räder an der Tribüne vorbei, während das Publikum sie mit einer La-Ola-Welle begrüßt. Während des Rennens fällt ab und zu der Strom aus, und alle stehen komplett im Dunkeln. Der Lärmpegel bleibt trotzdem genauso hoch wie vorher, da die meisten die alten Klassiker wie "Daddy Cool" kennen und mitsingen.

In den letzten fünf Minuten wird das Tempo noch gesteigert, und, als sich ein Fahrer vom Feld ablöst, erreicht er eine Rundengeschwindigkeit von 47 Stundenkilometer. Der Flitzer hat sich aber ein wenig verschätzt, denn er wird von der großen Gruppe genau in der letzten Runde eingeholt und verschenkt den Sieg damit um wenige Zehntelsekunden. Der Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs ist "Speedy" alias Andreas Gebhart.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach dem Rennen klappen alle zusammen
Autor
Marco Hoffmann
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2013, Nr. 240, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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