Mit Kran zur OP

Nach der Narkose muss der 600 Kilo schwere Wallach bewegt werden. Die Arbeit in der Pferdeklinik geht nur im Team.

Da ich als Kind meine Liebe zu den Pferden entdeckt und mich gleichzeitig sehr stark für Medizin interessiert habe, hat sich für mich die logische Konsequenz ergeben, dass ich Pferdetierarzt wurde", sagt Wigo Horstmann. Er arbeitet in einer der großen Pferdekliniken in Deutschland. Die Tierärztliche Klinik für Pferde in Ludwigshafen Maudach wurde 1995 gegründet. Sie besteht aus einem hellen Innenhof, einem großen, weißen Gebäude und den Stallungen, in denen die Patienten untergebracht werden. In dem weißen Gebäude befindet sich das kleine Labor, der Aufenthaltsort für die Angestellten und ein Büro. Zu dem großen Haus gehören auch zwei Behandlungsräume, zwei Narkoseboxen, die so eng sind, dass die Pferde beim Betäuben nicht umfallen, und der Operationssaal. Angrenzend daran hat die Klinik einen großen Longierzirkel.

In Box 1 steht ein kleiner Schimmel namens Flecky, der den Angestellten freundlich entgegenwiehert. An seiner Box hängt eine Infusion. Der Kleine hatte erst gestern nach starken Verstopfungen eine Operation. Die tiermedizinische Fachangestellte Nicola Martin erklärt, dass eine sogenannte Kolikoperation ein hohes Risiko mit sich bringt und Flecky bei ihrem bis jetzt einjährigem Aufenthalt in der Klinik der erste Patient ist, der sich nach der Operation so gut erholt hat. Die Pferde, die es nicht geschafft hatten, mussten eingeschläfert werden. Die kleine, blonde Frau streichelt Fleckys weißes Fell. Das Pferd genießt die Aufmerksamkeit und reibt seine Nase an ihrem Poloshirt.

Morgens ist wie in jedem anderen Krankenhaus auch Visite, bei der die Behandlung der Patienten besprochen wird. Marcus Bayer ist einer der fünf Ärzte, aber auch Klinikgründer. Der große, blonde Mann ist seit 1989 praktischer Tierarzt und hat seine Schwerpunkte auf Orthopädie, Zahnheilkunde, Chirurgie, Gynäkologie, Sportmedizin und Lungenerkrankungen gelegt.

Bei der Visite sind alle Tierärzte und Helfer dabei. Sie beschließen, dass bei Flecky die Schmerzmittel langsam abgesetzt werden können. Nach dem Kontrollgang werden alle zehn Pferde ärztlich versorgt. Nicola nimmt Flecky Blut ab und wertet es im Labor aus. Das Labor ist klein, aber mit der neuesten Technik ausgestattet. Nicola muss nach jedem ausgewerteten Blutbild ein Protokoll schreiben. Die Protokolle werden ausgefüllt und in einen Ordner geheftet.

Dann geht sie wieder quer durch den Innenhof zu den Stallungen. Flecky und den anderen neun Pferden wird nun die Temperatur gemessen und der Puls abgehört. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Der gut 1,70 Meter große, Wallach Jack findet das Fiebermessen nicht so toll und läuft vor der Helferin davon. Doch im Teamwork geht alles. Eine andere Helferin eilt schnell herbei und hält den Braunen am Halfter fest. Cindy, eine Fuchstute, kam wegen einem Sehnenriss in die Klinik. Die Ärzte wollen bei ihr noch mal einen Ultraschall machen zur Kontrolle. Der Behandlungsraum liegt im Erdgeschoss des Gebäudes.

Cindy ist verängstigt, und die Ärzte müssen sie zur Beruhigung sedieren. Nach ein paar Minuten wird sie müde. Nun kann der Ultraschall gemacht werden. Es stellt sich heraus, dass alles wieder gut ist und sie heute nach Hause darf. Gleichzeitig wird im zweiten Behandlungsraum Jack der Verband gewechselt. Der Riese will auch nicht so recht still stehen. Nur zu dritt können Ärzte und Helfer den Wallach zum Stehen bringen und ihm einen neuen Verband anpassen.

Auch eine Operation erforderte gute Zusammenarbeit. Ein 600 Kilo schweres Pferd kann man nicht einfach mal so allein operieren. Es fängt schon damit an, dass der Vierbeiner nach der Narkose mit einem Kran auf den OP-Tisch gehoben werden muss. "Eine einfache OP kann ich mit zwei Helfern allein durchführen. Der eine ist dann für die Narkose verantwortlich, und der andere assistiert mir bei den Geräten." Schwierige Operationen führen die Veterinäre zusammen durch.

Mit einem lauten Piepsen fährt ein großer, silberner Transporter in den Hinterhof der Klinik. Er holt zwei verstorbene Pferde ab. Trotz großem Einsatz für die Vierbeiner gibt es immer ein gewisses Risiko, und manchmal kommt jede Hilfe zu spät. Die Klinik führt im Jahr rund 100 Eingriffe durch. Solch ein Eingriff kann den Pferdebesitzer zwischen 200 und 4000 Euro kosten.

Der Operationssaal wird sauber und steril gehalten. Ebenso wie das Werkzeug, das aussieht wie das bei einer Operation an einem Menschen. Bis zu 2500 Pferde erhalten die Hilfe der Ludwigsburger Ärzte im Jahr - in der Klinik und außerhalb. Denn ein Pferdetierarzt arbeitet nicht nur in der Klinik. Er muss mobil sein und Höfe in der Nähe besuchen können, um kleinere Beschwerden wie Husten behandeln zu können.

Deshalb steigen alle fünf Ärzte nach der Arbeit in der Klinik in ihre Autos und machen sich auf den Weg. Auch Wigo Horstmann setzt sich in seinen silbernen Mittelklassewagen. Das Auto ist bis oben hin gefüllt mit Verbandssachen, Salben, Infusionen und allem, was man für eine fahrende Arztpraxis benötigt. Seine Route führt Dr. Horstmann von Ludwigsburg bis nach Worms, um mit seiner Arbeit Mensch und Tier zu helfen.

Eine Behandlung der besonderen Art bekam Cookie zu seinem 30. Geburtstag von seiner liebevollen Besitzerin geschenkt. Der Schimmel durfte eine chiropraktische Behandlung von Wigo Horstmann zur Beweglichkeit der Gelenke genießen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Kran zur OP
Autor
Mira Rudolph
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2013, Nr. 246, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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