Schildkröte mit zwei Köpfen

Janus ist die Attraktion im Genfer Museum

Säugetiere, zahlreiche Vogelarten, Fische und Amphibien sind durch die Glasvitrinen zu betrachten. Stimmengewirr und lachende Kinder begleiten den Rundgang durch die Abteilung der regionalen Fauna im Naturhistorischen Museum Genf. Von außen wirkt das umfangreiche Museum durchschnittlich. Es unterscheidet sich jedoch von so manchen Schweizer Museen. Denn bis vor kurzem konnte man im Terrarium, das links neben dem Eingang des Gebäudes steht und jedem Besucher sofort auffällt, eine sonderbare Kreatur bestaunen - im Gegensatz zu allen ausgestellten und ausgestopften Tierarten des Museums lebend. Es handelt sich um das kleine, doppelköpfige Schildkrötenungeheuer Janus.

Aufgrund von Renovierungsarbeiten des Terrariums wird das Tier voraussichtlich bis Ende Oktober außerhalb der Museumsgalerien aufbewahrt. "Eigentlich ist ein Doppelkopf ja nichts Besonderes. Da die Dizephalie biologisch betrachtet nur eine spezielle Form der siamesischen Zwillinge ist, kommt sie in der Natur nicht ganz selten vor. Daher ist die Existenz eines dizephalen Tieres prinzipiell erst mal nichts Überraschendes", sagt Andreas Schmitz, Leiter der herpetologischen Forschung am Museum, über die siamesische Schildkröte. Jedoch gilt das niedliche Monster seit mittlerweile sechzehn Jahren als Hauptattraktion und Maskottchen des Museums. "Die Faszination für das Unbekannte, die die Schildkröte ausströmt, zieht die Besucher an", sagt der promovierte Zoologe.

Die Testudo graeca, so der wissenschaftliche Artname der fehlgebildeten, etwa 20 Zentimeter großen Schildkröte, schlüpfte am 3. September 1997 aus einem der vielen am Museum ausgebrüteten Landschildkröteneier. Das Museum stellte damals begeisterten Reptilienliebhabern Brutkästen zur Verfügung, um deren Kriechtiereier auszubrüten. Dabei wurden die Eier mit dem jeweiligen Namen des Besitzers versehen. Die geschlüpften Jungtiere konnten dann wieder abgeholt werden. "Janus wurde aufgrund seiner Besonderheit dem Museum von seinen Besitzern geschenkt", erinnert sich Schmitz. Als die Brutkästen mit der Zeit defekt wurden, konnte dieser Service wegen starker Sparzwänge nicht mehr angeboten werden.

Mühsam schleift sich die männliche Schildkröte vorwärts. Aufgrund ihres deformierten Panzers, der hinten abgeflacht ist, und der gespreizten Hinterbeine kommt sie im Gegensatz zu normal gebildeten Landschildkröten nur so vorwärts. Der Boden des Terrariums wurde darum auch so umgebaut, dass er weder zu rauh noch zu glatt ist. "Weil Janus eben nur schleifend vorwärtskommt, würde er auf einem zu glatten Boden ausrutschen, oder von einem rauhen Boden Panzerverletzungen davontragen."

Nun hat die Schildkröte mit den sich unabhängig voneinander bewegenden Köpfen ein Salatblatt im Visier und bewegt sich langsam darauf zu. Nach wenigen Augenblicken kaut sie genüsslich daran herum. Nachdem die beiden Köpfe auf sonderbare Weise unbeirrt voneinander das Mahl verzehrt haben, bewegt sich der grünlich-braune Janus neugierig vorwärts.

Das provisorische Terrarium, das abgesehen von einigen Salatblättern leer ist, bietet der Schildkröte wenig Raum, doch sie scheint sich nicht unwohl zu fühlen. Abgesehen von Janus, kann man auch andere Reptilien und Amphibien, also Kröten, Agamen und Schlangen, im stillen Reptilien- und Amphibienraum entdecken. Es herrscht darin ein entsprechend intensiver Geruch. "Janus hat Glück, dass die beiden inneren Augen blind sind. Wenn das Auge des ersten Kopfes Futter entdeckt, dreht sich der zweite mit. Wenn aber alle vier Augen sehtüchtig wären, könnte die Schildkröte stehenbleiben, da sich die beiden Köpfe dann gleichzeitig in eine andere Richtung bewegen wollen würden", erklärt der dunkelhaarige Wissenschaftler, der T-Shirt, Stoffhose und Turnschuhe trägt.

Die Panzerdeformation hat auch zur Folge, dass Janus sich nicht wie normale Schildkröten, die einen hochrückigen und abgerundeten Panzer besitzen, wieder auf die richtige Seite drehen kann, wenn er umgekippt ist. "Dies ist auch einer der Gründe, weshalb die zweiköpfige Schildkröte in der Natur null Überlebenschancen hätte", betont Schmitz. Meist sterben siamesische Tiere aufgrund von Organversagen oder weil das Körpersystem überbelastet ist.

Bei Janus bestand das Sterberisiko schon beim Schlüpfen. "Eine Schlange kann nach ihrer Geburt auch mit einer Dopppelfehlbildung sofort wegschleichen. Schildkröten müssen sich hingegen so schnell wie möglich aus dem Sand, der die Eier bedeckt, graben, was aber wegen ihrer schlechten Bewegungsflexibilität nicht möglich ist."

Allgemein ist bekannt, dass sich Schildkröten bei einer Bedrohung in ihren Panzer zurückziehen. Wegen seines abgeflachten Panzers kann Janus jedoch seine Beine und, aufgrund von Platzproblemen, seine beiden Köpfe nicht ganz einziehen. Ein weiteres Risiko besteht, wenn ein Kopf abstirbt. Dann würde das ganze Tier wegen der Zersetzungsgifte sterben. "Er ist ja keine Hydra, bei der die Köpfe wieder neu wachsen", scherzt Schmitz.

Nachdem die siamesische Schildkröte geröntgt worden war, war klar, dass sie bis zum Brustbereich zweigeteilt ist. Dort kommen die beiden Speiseröhren zusammen und verlaufen als eine weiter. "Wenn man beide Köpfe abschneiden würde, könnte man sagen, dass es sich um eine ganz normale Landschildkröte handelt", berichtet der 42 Jahre alte deutsche Wissenschaftler, der seit zehn Jahren im Museum arbeitet. Das Auftreten zweier Köpfe bei Lebewesen wird als Dizephalie bezeichnet. Dabei erfolgt die Teilung der Föten in der monozygotischen Eizelle, also eineiiger Zwillinge, so unvollständig, dass Kopf, Hals und zum Teil auch einzelne Organe zweifach auftreten.

Für den kleinen Publikumsliebling wird am Museum gut gesorgt. "Wir haben herausgefunden, dass ein regelmäßiges Baden der Schildkröte in etwas warmem Wasser ihren Verdauungsproblemen hilft", erzählt Andreas Schmitz, den Reptilien schon seit seiner Kindheit faszinieren. Janus ist mit seinen sechzehn Jahren die zurzeit älteste dizephale Schildkröte der Welt und erwartet noch viele neugierige Besucherinnen und Besucher am Naturhistorischen Museum Genf. Wie lange die Schildkröte noch leben wird, weiß man nicht. "Sie könnte morgen wie auch erst in 20 Jahren sterben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schildkröte mit zwei Köpfen
Autor
Camille Bertossa
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2013, Nr. 246, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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