Sie beherrschen ihre Rollen

Barbara Trentini hat ein Herz für kranke Igel

Ein schmaler Weg führt durch einen wilden, schönen Garten zu einem efeuumrankten Riegelhaus. Hinterm Apfelbaum liegt ein Naturteich. An seinem Ufer steht ein Holzbau mit Giebeldach. Daraus führen zwei Türchen in ein flaschenhoch umzäuntes Areal von kaum einem Quadratmeter. Das Eigenheim im Kleinformat gehört zur privaten Wildtierpflegestation von Barbara Trentini im südwestlich von Zürich gelegenen Bauerndorf Maschwanden. Die sympathische Frau mit den schulterlangen grauen Haaren kümmert sich um kranke, verletzte und abgemagerte Wildtiere - hauptsächlich Igel -, die gefunden und bei ihr abgegeben werden. 15 Jahre war sie Präsidentin des schweizerischen "Pro Igel"-Verbands. Dieser Verband bringt beispielsweise Plakate an, um Autofahrer auf die kleinen Tiere aufmerksam zu machen. "Der größte Feind des Igels ist der Mensch", erklärt Barbara Trentini. "Der Mensch zerstört den Lebensraum der Igel mit seiner Bautätigkeit, den sauber geputzten Gärten und darin gepflanzten exotischen Blumen. Er mäht das Gras unter Büschen, wobei viele Tiere verletzt werden."

Nähert man sich einem Igel, rollt der sich meist sofort ein, denn er wittert Gefahr. Die Stacheln, von denen ein erwachsenes Tier etwa achttausend besitzt, sind eine wirksame Waffe gegen Feinde. In dieser Lage kann der Igel über Stunden verharren, und kein Tier wagt es, ihn anzugreifen. Sein Stachelkleid hat noch andere Vorteile: Fällt sein Träger, der keine wirklich guten Augen hat, dafür aber umso besser riechen und hören kann, beispielsweise von einer Mauer, so rollt er sich ein, und die stabilen, aber biegsamen Stacheln ermöglichen ihm eine gute Landung.

Biegt man um die Ecke des großen Riegelhauses, in dem Frau Trentini wohnt, kommt man zum Hauptteil der Igel-Zentrale. Er besteht aus zwei kleinen, miteinander verbundenen Räumen mit Betonboden. Es ist kalt, alle Fenster stehen offen. Eine Wand ist mit Käfigen, die großen Kaninchenställen gleichen, besetzt. Mit dicken Handschuhen öffnet Barbara Trentini das Tor eines Stalls und nimmt den Igel heraus, der sich in einer Schachtel verkrochen hat. Viel sieht man nicht: Blitzschnell hat er sich in eine Stachelkugel verwandelt. Etwa zehn solcher Tiere werden im Jahr bei Trentini abgegeben. Die Pflege übernimmt die Wirtschaftsprüferin nebenberuflich. "Es ist schwierig, Hilfskräfte zu finden, die mir bei der Pflege helfen wollen." Dabei brauchte sie diese Helfer. Schließlich widmet sie jedem der Tiere am Tag eine halbe bis eine Dreiviertelstunde. Misten und Füttern ist nur ein Teil der Aufgaben. Viele Igel brauchen medizinische Versorgung. Grundsätzlich pflegt sie die Tiere so lange, bis sie wieder gesund sind und ihr Normalgewicht von etwa einem Kilo erreicht haben. Dann werden sie dorthin zurückgebracht, wo sie gefunden worden sind - meist in natürlich gestalteten Gärten. "Der Igel frisst hauptsächlich Insekten. Schnecken sind eine Ausweichnahrung für ihn."

Ist ein Tier wieder gesund, kann aber wegen der Jahreszeit noch nicht ausgewildert werden, gibt Frau Trentini den Igel mitsamt einem speziellen Igelhaus zurück an den Finder. Ein paar Häuser weiter steht ein solches im Garten eines Einfamilienhauses. Wenn man das Dach des hübschen, kniehohen Holzhäuschens aufklappt, fällt der Blick auf zwei winzige Räume, zu sehen ist niemand. Der größere Raum ist bis zur Decke vollgestopft mit Stroh und Zeitungspapier. Der Igel, der dieses Mini-Haus bewohnt, wurde im Herbst gefunden, krank und fast verhungert. Trentini hat ihn gesund gepflegt und dann mit dem für den Winterschlaf konstruierten Häuschen in seinen Garten zurückgegeben.

"Wenn man einen Igel findet, der krank oder verletzt ist, muss er unbedingt zu einer Igelstation", sagt sie. "Ist der Igel jedoch nur unterernährt, reicht es normalerweise, ihm einen Napf mit Katzenfutter rauszustellen, denn er findet zu dieser Zeit in der Natur keine Nahrung mehr." Die Igelstation verzeichnet eine Todesrate von 30 bis 40 Prozent.

"Als Mensch sollte man möglichst keine Verbindung zu einem Wildtier aufbauen", erklärt sie. "So sollte man es zum Beispiel nur anfassen, wenn nötig, und nicht mit ihm sprechen. Grundsätzlich sollte man ihm nur sein Fressen hinstellen. Es ist nicht gut für das Tier, wenn es erst Vertrauen zum Menschen gefasst hat und dann wieder in der Wildnis überleben soll." In der freien Natur selbst ist es verboten, einen Igel mitzunehmen oder auch nur zu stören, denn die Tiere stehen unter Naturschutz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie beherrschen ihre Rollen
Autor
Sophie Sturzenegger
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2013, Nr. 246, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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