Unter den Spenden findet sich viel Schrott

Im Gebrauchtwarenladen der Diakonie findet sich fast alles, vom Bügeleisen über Fernseher bis zum Schrubber.

Sobald der Laden öffnet, stürmen die Kunden herein. Vorher haben die Mitarbeiter viel Arbeit zu erledigen, denn manche Spender bringen einfach ihren Schrott vorbei. Das beschert der Initiative jedes Jahr hohe Entsorgungskosten.

Wie der Anführer einer Gang in einem amerikanischen Film schreitet ein Angestellter des Gebrauchtwarenladens der Karlshöhe Ludwigsburg konzentriert durch die Eingangstür der diakonischen Einrichtung. Ihm folgt eine scheinbar nicht endende Menge an Menschen, die an die supercoolen Gangmitglieder, die in Zeitlupe und mit wehendem Haar hinterherstolzieren, erinnert. Gerade eben erst hat der Laden eröffnet. Damit bei dem Ansturm, den es jeden Tag aufs Neue gibt, kein Chaos ausbricht, sorgt der Angestellte dafür, dass die Einkaufsfreudigen geregelt in den Laden gelangen.

Beim Hereinkommen schnappen sich die Kunden, unter denen hauptsächlich Frauen anzutreffen sind, noch schnell eine blaue Einkaufstasche oder einen Korb. Dabei wird fast ein kleiner, vielleicht gerade mal zweijähriger Junge umgerannt. Die Beute fest im Auge, strömen die Schnäppchenjäger, bestimmt hundert Personen - gefühlt aber deutlich mehr -, am großen Verkaufstisch vorbei und stürzen sich auf die Waren, die in fünf Räumen, sortiert nach Textilien, Haushaltswaren, Kleinmöbeln, Elektroartikeln und Büchern in Regalen und Vitrinen drapiert zum Verkauf angeboten werden.

"Wir haben alles, was zum Haushalt dazugehört, von der Unterhose über Fernsehgeräte bis zum Schrubber. Nur Möbel haben wir nicht so viele, da man die schlecht tragen und lagern kann", erklärt die 51-jährige Chefin des zur Karlshöhe gehörenden Ladens, Angela Franke. Trotz des Ansturms sortiert sie hinter den Kulissen die großen Mengen von Waren, damit nach dem Verkauf wieder Neues eingeräumt werden kann. "Alles, was wir bekommen, sortieren und dann wieder verkaufen, sind Spenden. Wir kaufen nichts an. Dadurch, dass so viel gespendet wird, haben wir eine große Vielfalt an Angeboten."

Bevor die Sachspenden jedoch in den Sortierräumen geordnet werden, gibt es eine vorläufige Auslese direkt in der Annahme. "Jeden Tag kommen um die 70 bis 100 Spender. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger. Wir nehmen hier die Dinge an und sortieren sie vor. Dann gehen sie in die jeweilige Abteilung, und dort werden die Dinge dann richtig geprüft", sagt der 52-jährige Lothar Betke, der zügig die ständig neu ankommenden Spenden in unterschiedlichen Kisten verstaut. Die Spender bringen so ziemlich alles: Körbe, Bügeleisen, Spiele, Lampenschirme, Schuhe, Bücher, Kleidung, Zeitschriften - und zwar am laufenden Band. Für eine Pause scheinen die hier Beschäftigten keine Zeit zu haben.

Gespendet wird beispielsweise, wenn jemand ausgemistet hat, ein Hausstand aufgelöst werden muss oder weil einem manches einfach nicht mehr passt. Spenden soll man natürlich nicht jeden Ramsch. Stark verschmutzte, beschädigte, modrige, unmoderne oder stinkige Dinge sollten bitte selbst entsorgt werden. Trotz Informationszetteln, auf denen aufgelistet ist, was als Spende gerne angenommen wird, gelangt viel Schrott in die Annahmen des Gebrauchtwarenladens. "Es muss sehr viel aussortiert werden. Im Jahr haben wir Ausgaben um die 20 000 bis 25 000 Euro nur an Entsorgungskosten", sagt Betke.

Angela Franke hat während ihrer Tätigkeit im Gebrauchtwarenladen bereits die interessantesten Spenden bekommen: "Kurios ist, dass wir echt alles bekommen. Letztens kam ein Sattel von der Spanischen Hofreitschule in Wien und Bücher aus dem 18. Jahrhundert. Einmal haben wir Euros in Stoffen versteckt gefunden. Außerdem wurden neulich auch Bücher und Bildtafeln über die Alterung des Mannes, Markenartikel wie Taschen von Luis Vuitton und Prada abgegeben. Jugendstil-Täschchen vom königlichen Hof, Elfenbein, echte Perlenketten, Schildkrötenpanzer und leider auch Unterhosen mit Inhalt befanden sich auch schon unter den Spenden."

Vor 13 Jahren wurde der Gebrauchtwarenladen ins Leben gerufen. Mittlerweile hat er jede Woche von Dienstag bis Freitag und jeden ersten und letzten Samstag im Monat geöffnet. "Zusätzlich findet zweimal im Jahr ein großer Flohmarkt statt, bei dem der Laden komplett ausgeräumt wird und die Waren auf die gesamte Karlshöhe verteilt verkauft werden", erzählt Angela Franke. Die zierliche Frau mit schulterlangem, braunen Haar hat warme Augen und ist von beeindruckender Offenheit und Freundlichkeit.

Dies macht sich vor allem bemerkbar, wenn sie mit den anderen Beschäftigten redet. Es handelt sich meistens um Menschen mit sogenannten Vermittlungshemmnissen. Sie gehören zu den Langzeitarbeitslosen. Angela Franke, die in der DDR eine Ausbildung zur Kirchengemeindehelferin abschloss, weiß aus Erfahrung: "Es scheint für diese Menschen völlig unmöglich, wieder in der normalen Arbeitswelt tätig zu sein. Oft haben sie keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung. Hier bekommen diese Menschen durch die Arbeit mit uns wieder eine Perspektive. Bingo heißt unser Motto, und das steht für: Bewährung, Integration, Neugier, Gestaltung, Orientierung."

Der Laden schafft aber manchmal auch selbst Arbeitsplätze: Die 51-jährige Silvia Haufe, die ursprünglich vom Jobcenter vermittelt wurde, ist heute beim Gebrauchtwarenladen fest angestellt. Ihr gefällt die Arbeit, die sie verrichtet. "Mir macht es viel Spaß, hier zu arbeiten. Man sieht immer wieder was Neues, und die Leute sind sehr nett", sagt die Frau mit den schulterlangen, braunen Haaren. Am großen Verkaufstisch bedient sie gerade die 46 Jahre alte Kathrin Schaber, die auf den 200 Quadratmetern Ladenfläche so viele Kerzen, Lampen und andere Dekorationsartikel ergattert hat, dass diese eine ganze Klappkiste füllen. Die Kundin sagt: "Ich komme jeden Dienstag mit meiner Freundin hierher, weil es uns Spaß macht, hier einzukaufen. Außerdem sehe ich es nicht ein, neue Sachen teuer zu kaufen, wenn ich es hier billiger finde. Regelmäßig spende ich auch, weil ich genau weiß, dass es den Leuten wieder zugutekommt. Zudem erfreut es doch jeden, wenn man seine Sachen wieder im Laden findet."

Allerdings kaufen nicht alle aus Spaß und Sammlerfreude hier ein. Woanders zu kaufen wäre für manchen Kunden viel zu teuer. Besonders an diesem Laden ist auch, dass es keine festgelegten Preise gibt, bis auf ein paar Ausnahmen wie Bücher, Kleidung und besonders wertvolle Gegenstände, die dann aber in Vitrinen ausgestellt sind. Den Preis legt der jeweilige Verkäufer nach Bauchgefühl am Verkaufstisch fest. Auch eine afrikanische Frau kauft hier für die ganze Familie ein: Kleidung, Töpfe, Gläser und vieles mehr legt sie auf den Tisch. Unter anderem hat sie einen rosa Schulranzen mit Feenmuster entdeckt, den sie vermutlich für ihre kleine Tochter kaufen möchte. Der Schulranzen sieht aus wie neu und wird mit der passenden Sporttasche verkauft. Acht Euro sollen beiden Teile zusammen kosten. Ein super Schnäppchen, würde man sich denken. Doch selbst nachdem die Frau den Preis auf sechs Euro heruntergehandelt hat, ist ihr der Ranzen zu teuer. Sie lässt ihn im Laden zurück.

Mit gutem Gewissen kann man im Gebrauchtwarenladen einkaufen. Die Einnahmen sind ja für einen guten Zweck. "Das Geld, das wir im Laden einnehmen, benutzen wir zunächst, um die Unterhalts- und Personalkosten zu decken", berichtet Angela Franke, "der Rest kommt dann der gesamten Karlshöhe zugute."

Informationen zum Beitrag

Titel
Unter den Spenden findet sich viel Schrott
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2013, Nr. 252, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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