Gassi gehen statt Miete zahlen

Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft

Die Mieter von Ute Quast stehen in keinem gemeinsamen Mietvertragsverhältnis, jedoch profitieren beide von der Wohnform "Wohnen für Hilfe". "Dieses Projekt ist leider noch nicht allgemein bekannt", sagt die 78-jährige Ute Quast, während sie in ihrem gemütlichen Sessel neben ihrer Retrieverhündin Zora sitzt. Nachdem ihre vier Söhne ausgezogen waren und sie alleine in ihrem geräumigen Familienhaus in Marburg war, bemerkte sie schnell, dass es guttun würde, in einer Gemeinschaft zu leben.

"Dieses Haus alleine zu bewohnen wäre so was von unsozial und idiotisch", sagt Ute Quast, die früher als Ärztin in der Arzneimittelzulassung arbeitete. So kam sie zu der Idee, jemanden aufzunehmen, der dafür ihren Hund mitbetreut. "Ich habe Hunde sehr, sehr gern, somit brauche ich Hilfe bei der Versorgung des Hundes, denn in der Woche 14 bis 18-mal spazieren zu gehen ist sehr aufwendig." Ein weiterer Vorteil der Wohngemeinschaft sei, dass man sich gegenseitig jederzeit helfen könne. "Wenn zum Beispiel mal irgendeiner krank ist, geht man schnell runter oder ruft an. Man hilft sich gegenseitig, man ist nicht ganz alleine in dem großen Haus." Innerhalb kurzer Zeit wurden die im Souterrain liegenden Hobbyräume zu einer gemütlichen Zweizimmerwohnung umgebaut, sie hat eine Kochecke, ein Bad, einen Keller und einen eigenen Zugang.

1995 gab Ute Quast eine Anzeige auf unter dem Motto: "Biete Wohnung, suche Person, die sich regelmäßig um meinen Hund kümmert." Die einzigen Kosten, die ihre Mitbewohner tragen müssen, sind die Ausgaben für Wasser, Strom und fürs Essen. Als Gegenleistung gehen sie regelmäßig mit der Hundedame Zora spazieren. Dies ergibt sich auch aus dem Mietvertrag, der lautet: "Die Mieterin wird die Wohnkosten durch Mithilfe bei der Versorgung des Hundes abarbeiten, wodurch ihr faktisch keine Mietkosten entstehen." Zusätzliche Arbeit, wie zum Beispiel Rasenmähen, wird extra bezahlt. Ute Quast bevorzugt Studentinnen, da sie als Frau zu ihnen "ein angenehmeres Verhältnis" hat und für sie diese Wohnform "wie eine Art WG sein sollte".

Eine der wichtigsten Bedingungen für ein gutes Zusammenleben seien Zuverlässigkeit und Absprachen. "Aber das ist meistens kein Problem. Wenn ich einen Termin habe oder die Mieterin einen Termin verschieben will, da sind wir flexibel. Es muss ja nicht immer montags und freitags sein", sagt Ute Quast, während sie ihre Hündin Zora streichelt. Außerdem müssen die Studentinnen Nichtraucher sein.

Bislang hatte die Seniorin fast nur Glück mit ihren Mitbewohnerinnen. Richtig enttäuscht wurde sie jedoch einmal bei der sechsten Studentin, die sie aufnahm. "Hier fehlte einfach die Zuverlässigkeit", klagt sie. Die Kündigung folgte nach sechs Wochen. "Ansonsten habe ich von Anfang an gute Erfahrungen gemacht." Sie hatte bislang zu ihren Mitbewohnerinnen ein gutes Verhältnis. Alle blieben mindestens vier Jahre in der Zweizimmerwohnung wohnen, außer sie mussten aus studientechnischen Gründen die hessische Universitätsstadt verlassen.

Auch die momentan dort lebende Biologie-Studentin Maria Müller aus Frankfurt am Main fühlt sich wohl und ist glücklich, nach der langen, schweren Wohnungssuche in einer so schönen Wohnung zu leben, ohne Miete zu bezahlen. Sie ist die achte Studentin, die bei Ute Quast eingezogen ist. Viele Freunde von ihr beneiden sie und sind begeistert davon, dass Maria nur die Nebenkosten einer relativ großen, gemütlichen Wohnung tragen muss, die sie sich mit einer normalen Miete nicht leisten könnte. "Mir gefällt es total gut. Ich bin glücklich mit der Zora und der Ute und fühle mich einfach pudelwohl hier", erklärt sie.

Da das Konzept noch nicht allgemein bekannt ist, möchte Quast diese Wohnform an den Universitäten bekannt machen. "In meinem Freundes- und Bekanntenkreis bin ich die Einzige, die dieses Projekt wahrnimmt", sagt die Seniorin enttäuscht. Ute Quast ist der Meinung, dass jedoch das Problem bei den älteren Menschen liegt, da viele Vorbehalte gegenüber Jugendlichen und Studenten haben. "Genau diese Vorurteile will ich abbauen, um zu zeigen, dass diese Wohnform nur von Vorteil ist. Sowohl für die älteren Menschen als auch für die Studenten", erklärt sie.

Im Gegensatz dazu sind viele Studenten offenbar begeistert vom Projekt "Wohnen für Hilfe". Viele möchten das gerne wahrnehmen, schon aufgrund der schweren Wohnungssuche und der hohen Mieten. Aus diesem Grund gibt Ute Quast viele Interviews über das Konzept, um es bekannter bei älteren Menschen und potentiellen Vermietern zu machen. Ältere Menschen, die eine Wohnung oder ein Zimmer anzubieten haben, oder Studenten, die unter diesen Bedingungen bereit sind, bei einem älteren Menschen einzuziehen, können sich vom Studentenwerk vermitteln lassen. "Das Projekt könnte auch in Marburg Schule machen", ist die Vermieterin überzeugt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gassi gehen statt Miete zahlen
Autor
Laura Euler
Schule
Gymnasium Philippinum , Marburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2013, Nr. 252, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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