Stromlos in Santa Maria

Alle zwei Tage ins Tal fahren, Holz sammeln und sich für die Gäste des kleinen Rustico gut organisieren: Anders läuft es im Familienbetrieb am Osthang des Monte di Baldo nicht rund.

Die Sonne scheint, keine Wolke steht am Himmel. Vom Monte di Baldo aus sieht man die Autobahn A13 im untenliegenden Tal Mesocina. Die Krete der gegenüberliegenden Bergkette bildet die Grenze zu Italien. Man hört ein monotones Brummen von der Autobahn. Ein leichtes Lüftchen weht. Der Geruch von Costine, von frisch grillierten Rippchen, steigt in die Nase. Umgeben von Wiesen, Wäldern und vereinzelten Ferienhäusern, steht inmitten der Natur ein kleines Rustico, ein kleines Tessiner Steinhaus.

Auf der Steinterrasse sitzen vier Wanderer, die mit einem kalten Bier die Ruhe hier oben genießen. Es ist das Grotto Baita, das sich am Osthang des Monte di Baldo befindet. Das kleine Grotto steht in Santa Maria, einem Dörfchen im Calancatal, im westlichen Teil von Graubünden. Das Baita wird seit 42 Jahren in erster Generation geführt. Isolina und Marco Pacciarelli haben ihr kleines Restaurant damals selbst auf die Beine gestellt und werden heute tatkräftig von ihren Kindern unterstützt.

Wanderer nehmen sich gerne Zeit, bei Wirtin Isolina eine kleine Rast einzulegen und sich bei einem typischen Piatto Ticinese zu stärken. Der Tessinerteller ist eine Spezialität des Hauses. Während des Winters stellt Isolinas Mann Marco aus dem bei der Jagd Erlegten Schinken, Mortadella und Salami her, die im nächsten Jahr auf dem Piatto Ticinese landen werden. Zusätzlich stehen auf der Speisekarte Spaghetti oder Risotto mit Rippchen, Saltimbocca, Spanferkel oder Braten. "Unsere Küche hat den ganzen Tag geöffnet. Egal wann Gäste kommen, etwas zu essen finden wir immer. Wir stehen normalerweise um acht Uhr auf und bereiten dann Salate und Saucen vor. Die Leute kommen erst gegen elf Uhr", sagt Dilva Ghidossi, die Tochter von Isolina und Marco. Sie trägt Jeans, T-Shirt, und ihre Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie arbeitet im Baita zusammen mit den Eltern und ihren anderen beiden Geschwistern. Dilva ist verheiratet und hat zwei Kinder, die an verschiedenen schweizerischen Universitäten studieren. Für Dilva und ihre Geschwister ist es selbstverständlich, ihre Eltern zu unterstützen. Ab und zu springen auch mal die Enkel ein. "Hier oben ist eine gute Organisation wichtig. Besonders in einem Familienbetrieb sind alle aufeinander angewiesen. Geht es dem einen nicht so gut, springt der andere für ihn ein und auch umgekehrt. Alle zwei Tage fährt jemand hinunter ins Tal, um die Einkäufe zu erledigen, ein anderer sammelt derweil Holz für unseren Ofen", sagt Dilva. "Wir haben hier oben keinen Strom und sind daher auf Solarzellen, Holz und Gas angewiesen. Gekocht wird nur mit Holz und Gas. Eine Abwaschmaschine haben wir keine. Alles muss von Hand abgewaschen werden." Dies nimmt zusätzliche Zeit und Kraft in Anspruch. Jährlich braucht das Baita 30 Tonnen Holz für Küche und Heizung.

"Das Baita gibt es nun schon seit 1972. Alles hat mit meinen drei kleinen Kindern begonnen", sagt Isolina Pacciarelli, die Wirtin. Sie hat kurzes braunes Haar, ist 1,60 Meter groß und hat immer ein Lächeln im Gesicht. Mit ihren 73 Jahren ist sie noch immer fit für ihren Job als Köchin. "Als meine Kinder klein waren, wurde bei ihnen Keuchhusten festgestellt. So wurde meinem Mann und mir geraten in die Berge zu gehen. Wir zogen zu meiner Schwiegermutter in ein kleines Rustico." In dem Häuschen ohne Zugang zur Straße wohnte anfangs die ganze Familie. "Es kamen immer wieder vereinzelte Wanderer vorbei, die auf dem Weg nach Braggio waren. Sie fragten uns nach einem Glas Milch oder Wasser. So kam uns die Idee, ein kleines Grotto zu eröffnen. Zur gleichen Zeit wurde in der Regionalzeitung Werbung für Wirtpatente gemacht. So fragten wir die Gemeinde für eine Zulassung, die wir auch erhielten." Um das Wirtpatent zu erhalten, mussten ihre Eltern eine Schule besuchen. Danach erst begannen sie mit dem Bau des Baita, wie Dilva erklärt.

Marco Pacciarelli kommt die Stufen herunter auf die Terrasse, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben die vier Wanderer. Er hat kurzes graues Haar und trägt ein kariertes Hemd, das er in die Hose gesteckt hat. Er ist in Santa Maria aufgewachsen und kennt daher viele Leute. Zusammen mit den Gästen genießt er die Aussicht bei einer Flasche Bier.

"Mein Vater arbeitete bei der Schweizerischen Eisenbahn in Bellinzona, auch an den Wochenenden". berichtet Dilva. Er übernahm die Nachtschichten, damit er tagsüber seiner Frau helfen konnte. In seiner Freizeit hat er jeweils am Baita herumgebastelt und alles selber gemacht. Nach etwa einem Jahr war der Bau fertig, und sie eröffneten das Grotto. Später kamen noch einige weitere Räume hinzu, und erst zwei Jahre nach der Eröffnung führte eine Straße vom Dorf bis zum Grotto hinauf. Bis dahin brachte ein Zugochse das ganze Material für den Bau.

Für eine Zeitlang gab es für den Transport der Lebensmittel eine Seilbahn. Doch als nach zwei Jahren die langersehnte Straße gebaut worden war, war die Seilbahn überflüssig. Neben dem Grotto, in einem weiteren Rustico, lebt während der Sommersaison ein Teil der Familie. "Nach der Eröffnung des Baitas wohnten wir in einem Zimmerchen neben der Küche. Später nahm sich mein Vater Zeit, uns ein eigenes kleines Häuschen zu bauen." Baita bedeutet Chalet oder Hütte. Daher auch der Name: Grotto Baita, das von der Familie Pacciarelli selbst gebaut wurde und deshalb ideal zu dem kleinen, aber feinen Restaurant auf der Krete des Monte di Baldo passt.

Während all der Jahre haben sich auch die Gäste verändert. "Heute kommen viel mehr Touristen als früher. Es hat sich herumgesprochen, dass man bei uns für gutes Geld feine Hausmannskost bekommt. Viele Wanderer machen Routen, die an unserem Baita vorbeiführen. Es kommen auch Gäste aus Italien zu uns. Früher kamen die Leute vor allem aus den umliegenden Dörfern. Dies waren unsere Stammkunden, die uns zum Teil bis heute treu geblieben sind."

Werbung für das Grotto macht die Familie nicht. Nur bei Festen, da machen die Pacciarellis eine Anzeige im Dorfkurrier. Aber die meiste Werbung machen die Gäste selbst. Sie erzählen ihren Freunden von dem kleinen Grotto im Calancatal, und schon kommen die nächsten Gäste. "Wir hatten schon Gäste aus Hawai, Equador und Argentinien", sagt Dilva stolz, während sie ihre Gazosa, ein Zitro-ähnliches Getränk, austrinkt.

Das Grotto Baita ist von Mai bis Juni am Wochenende und von Juli bis August die ganze Woche geöffnet. Während des Winters wohnen die Pacciarellis nicht in Santa Maria, sondern im Tal. Dort erholen sie sich von den stressigen Sommermonaten, damit sie nächstes Jahr mit dem gleichen Elan wie im Vorjahr wieder starten können. "Unsere Eltern werden auch langsam müde von der vielen Arbeit, die es hier oben gibt. Aber wie es weitergehen wird, wird uns die Zukunft zeigen. Pläne haben wir noch keine", sagt Dilva.

Informationen zum Beitrag

Titel
Stromlos in Santa Maria
Autor
Sarah Valerio
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2013, Nr. 258, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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