Die heimlichen Helden der Alpen

Flavio Zappa half als Bergretter bei mehr als 1000 Einsätzen in der Schweiz

Flavio Zappa wirkt auf den ersten Blick schmal und etwas zerbrechlich, doch er ist zäh und durchtrainiert. Man merkt dem ehemaligen Bergretter, der heute mit Wissenschaftlerbrille herumläuft, den Bergwandererschritt an. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archivio di Stato in Bellinzona, dem Hauptort des Tessin.

Ein Computer läuft. Ein altes Schriftstück liegt auf dem Tisch. Der ehemalige Hundestaffelführer überträgt Urkunden, die in mittelalterlicher, für den Laien unlesbarer Schrift geschrieben sind, in moderne Druckschrift und veröffentlicht sie mit einer kurzen Beschreibung. Neben dieser Arbeit hat er sich früher noch ganz anders beschäftigt, denn als Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs hat er bei mehr als 1000 Einsätzen in den Bergen und Tälern nördlich von Locarno mitgeholfen. Und das alles freiwillig, denn als Hauptmotivation gibt er die Selbstverwirklichung und Nächstenliebe an. "Manche Leute gehen in die Politik, um zu versuchen, den Menschen zu helfen, ich habe mich entschieden, das so zu machen", erzählt Zappa mit einem Schmunzeln.

"Das, was man als Bergretter macht, wird immer professioneller und zeitaufwendiger, bleibt dabei aber trotzdem freiwillig." Es gibt drei verschiedene Stufen von Rettern. Zappa war Retter III (das ist die höchste Stufe), Einsatzleiter und Ausbilder. Und er hat eine Ausbildung als Hundeführer. Sein Hund Zara ist jedoch bei einem Unfall verstorben.

Für all diese Retterstufen durchlief Zappa mehrjährige Ausbildungsphasen und hat während seiner aktiven Zeit immer wieder Trainings absolviert. Natürlich musste er auch als Retter Schreibtischarbeit erledigen, aber die Langeweile am Schreibtisch wurde durch die Freude über einen erfolgreichen Einsatz wettgemacht. "Man verspürt jedoch nicht immer Freude bei einer Suchaktion, denn oft weiß man schon vorher, dass man nur nach einer Leiche sucht", berichtet er. Bei seiner Arbeit als Einsatzleiter kam es schon ein paarmal vor, dass Eltern und nahe Verwandte des Verunglückten gleich neben ihm standen, und er wusste, dass der Vermisste bereits tot war.

"Die Suche nach einem Vermissten ist extrem aufwendig." Alles beginnt mit einem kurzen, auf das Wesentliche beschränkten Anruf auf den für jeden Bergretter obligatorischen Pager, wie man ihn auch in Krankenhäusern findet. Das klingt dann so: "Vermisster Pilzsammler im Wald bei Cavergno, Besammlung beim Basislager am Ende der Strasse Cavergno-Cevio." Jeder verfügbare Bergretter macht sich umgehend auf den Weg zum Basislager, wo er alle zur Verfügung stehenden Informationen bekommt: Position des Autos des Vermissten, letzte Ortsangabe über Handy an Verwandte und Rettungsdienst, entdeckte Spuren. Ist der Weg lang oder umständlich, wird er auch mal mit dem Helicopter zu einem dem Opfer näheren Ort gebracht.

Schließlich beginnt das Durchkämmen des Geländes. Die Retter machen sich im Abstand von 100 Metern in einer Reihe gehend auf die Suche nach der vermissten Person. "Das ist fast wie im Fernsehen", sagt Zappa. Er erinnert sich noch an einen solchen großen Einsatz, bei dem die Retter gezwungen waren, bei der Schweizer Armee um Hilfe und um wärmeerkennende Thermalkameras zu bitten. Der Einsatz dauerte fast drei Tage, mehr als 100 Menschen halfen mit. Trotzdem konnte man keinen Überlebenden finden, nur Leichen.

Neben den normalen Einsätzen kommt es im Winter zur Vermisstensuche wegen Lawinen. Die Todesrate bei Lawinenopfern liege bei mehr als 95 Prozent. "Am Abend nach dem Tod meines Hundes wurde ich zu einem Lawineneinsatz gerufen." Zuerst wollte der traurige Zappa nicht mitmachen, ging dann trotzdem zu dem Einsatz. Es war tiefe Nacht, ein starker Wind wehte. Weil Zappa keinen Hund hatte, arbeitete er mit einem anderen Hundeführer zusammen. Plötzlich fing der Hund seines Kollegen an zu bellen, sofort begannen die beiden Retter, an der Stelle zu graben. Zuerst sahen sie ein Knie, dann endlich ein Gesicht. So wie es die Richtlinien der Alpinen Rettung Tessin vorschreiben, fing Zappa an, mit dem Ausgegrabenen zu reden, auf ihn einzusprechen, um seinen mentalen Status festzustellen. Zu seiner Überraschung antwortete der Aufgefundene. Den Schätzungen nach war er 13 Stunden lang unter dem Schnee gewesen, seine Überlebenschancen waren minimal. Trotzdem wurde er gefunden, gerettet und vom schweizerischen Hubschrauberrettungsdienst ins Spital gebracht. Nach ein paar Tagen Ruhe konnte er wieder heil nach Hause gehen. "Es war ein sehr bewegender Moment."

Die Gründe, weshalb Zappa aufgehört hat, sind typisch für Bergretter: Es sind familiäre. Er möchte seine Familie nicht mehr dem ständigen Druck aussetzen. Einmal wurde er mit dem Hubschrauber zu einer Suchaktion im Schnee gebracht. Bei diesem Einsatz wurde ein einjähriges Kind mit seiner Familie gerettet. Dieses kleine Kind, weinend im Transportsack, machte einen großen Eindruck auf Zappa. Beim Heimflug machte sich Zappa viele Gedanken beim Überfliegen seines Hauses, seinen ebenfalls einjährigen Sohn vor Augen. In diesem Moment kamen ihm die Tränen.

Ein anderes Mal, als er noch an seinem Arbeitsplatz im Staatsarchiv war, wurde er zu einem Einsatz gerufen. Er rief zu Hause an, um mitzuteilen, dass er nicht wisse, wann er heute Abend zurückkomme. Doch statt seiner Lebenspartnerin nahm sein damals fünf Jahre alter Sohn ab. Als Zappa mit ihm sprach, fing sein Sohn an zu weinen, doch er hatte leider keine Zeit, um ihn zu trösten. Mit schlechtem Gewissen machte er sich zu dem Einsatz auf. "Bei all diesen Einsätzen spürt man einen großen Druck vonseiten der eigenen Familie, von Freunden, aber auch von seinen Kollegen und der Familie der Vermissten", sagt er nachdenklich. "Neben der Ausbildung braucht es eine gehörige Portion Mut, Kraft und Willen des Retters, um diese Tätigkeit durchzuführen. Immer weniger Leute haben das Zeug dazu."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die heimlichen Helden der Alpen
Autor
Oliviero Reusser
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2013, Nr. 258, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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