Von Hütte zu Hütte schwindet der Ballast

Zehn Kilogramm auf dem Rücken und ein freier Kopf / Wanderer in den Bergen

Wenn man in die Berge geht, lässt man einfach alles, was einen beschäftigt, hinter sich", sagt Dirk Wollenweber mit einem Lächeln. "Es tut unheimlich gut, den Kopf frei zu kriegen und den Stress im Alltag kurzzeitig zu vergessen." Das ist einer der Gründe, weshalb er und sein Freund Hartmut Schäfer sich einmal im Jahr auf in die Alpen machen, um von Hütte zu Hütte zu wandern. "Die Natur hier ist echt sehenswert", sagt der Brillenträger. Da sie meist über der Baumgrenze wandern, gibt es dort zwar nur Felsen, Moos und jede Menge Gras, doch oft geraten sie auch auf Blumenwiesen. Wandern gehen sie nur im Herbst, da im Frühling noch zu viel Schnee liegt. Dennoch sind die beiden schon unvorbereitet in einen Schneesturm geraten. "Ich hatte eine Eiskruste auf der Brille, so heftig war der Sturm."

Viel haben die Männer nicht dabei, denn mehr als zehn Kilo auf dem Rücken sind auf Dauer zu anstrengend. In ihrem Wanderrucksack befinden sich ein dünner Hüttenschlafsack, Brot, Aufschnitt, reichlich Wasser sowie wasserfeste Kleidung und Wanderstöcke. Den Schlafsack haben sie dabei, um nicht in dem fremden Bettzeug, das schon in den Hütten liegt, übernachten zu müssen. "In den Hütten schlafen meist zehn Menschen eng zusammengerückt in einer Reihe und eine Etage höher wieder zehn", erzählt Wollenweber. Deshalb haben sie Ohrenstöpsel und eine Taschenlampe dabei. "Einer von den anderen schnarcht immer, und Toiletten gibt es meist nur draußen." Außerdem könne es schon mal muffig riechen, da es auf den Hütten nirgendwo Duschen gibt und jeder seine nassen Sachen dabei hat. Aber die beiden Manager, die sich vor 20 Jahren im Studium für Logistik und Chemie kennengelernt haben, genießen die zwei- bis viertägigen Touren trotz allem.

"Das Wandern ist eine super Abwechslung zu meinem Job, der zum größten Teil aus Laptoparbeit, Besprechungen oder Telefonkonferenzen besteht. Auf den Bergen dagegen hat man meist noch nicht einmal Handyempfang, es ist wie eine andere Welt", erzählt der 47-jährige. Das ist es, was die beiden am Wandern so mögen. "Außerdem lernt man hier oben leicht neue Leute kennen. Wenn man mittags, in einer der Pausen, auf eine bewirtschaftete Hütte stößt, tauscht man sich mit den Anderen gerne über Erfahrungen und Wanderwege aus. Das ist eine tolle Atmosphäre." Auch die vielen Tiere, die sie auf dem Weg sehen, begeistern die beiden. Oft sind Gemsen unterwegs, die steil den Berg entlangklettern oder den Weg der Wanderer kreuzen und dabei nur wenig Scheu zeigen. Viele kommen bis zu zehn Meter an die beiden heran. Da es in den Alpen viele Almen gibt, sehen sie oft riesige Kuhherden, und noch höher schauen immer wieder aufgeregte Murmeltiere aus ihren Löchern, die ihre Artgenossen vor den beiden warnen.

"Wir sind beide verheiratet", sagt Dirk Wollenweber, der aus der Nähe von Mannheim kommt. "Doch meine Frau findet meine Extratouren gut und ist froh, dass ich einen Ausgleich zum Berufsleben gefunden habe und ich immer ganz entspannt zurückkomme." Hartmut Schäfer, der Mitglied im Deutschen Alpen-Verein ist, geht regelmäßig in die Berge und organisiert selbst Wanderausflüge. Aus diesem Grund plant immer er die Route. Jedes Jahr suchen sich die beiden eine neue Strecke aus, häufig im Gotthard-Bereich oder im Tessin, der Südseite der Alpen. Dort haben sie meist Glück mit dem Wetter. Doch das Wandern ist nicht ganz ungefährlich. "Da immer etwas passieren kann, gehen wir grundsätzlich nie alleine los und benutzen nur ungefährliche und ausgeschilderte Wanderwege, die wir nie verlassen." Außerdem haben sie einen Erste-Hilfe-Kasten dabei. "Der kam leider schon einmal zum Einsatz, da ich letztes Jahr ausgerutscht bin und mir den Finger gebrochen habe", sagt Wollenweber. "Zum Glück ist es am letzten Tag auf dem Weg zurück ins Tal passiert, und wir konnten sofort ins Krankenhaus." Außerdem muss man sich jedes Mal, wenn man bei einer Hütte losläuft, in ein Hüttenbuch eintragen und das nächste Ziel angeben. So können die Hüttenwirte, die alle untereinander verbunden sind, sehen, ob jemand verlorengegangen ist. Sechs Stunden wandern sie am Tag, der Muskelkater bleibt meist nicht fern. "Spätestens am zweiten Tag tut einem alles weh, nachdem man eine längere Pause gemacht hat. Doch wenn man sich wieder bewegt, gehen die Schmerzen weg, und am vierten Tag spürt man nichts mehr", sagt Wollenweber.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von Hütte zu Hütte schwindet der Ballast
Autor
Lea Wollenweber
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2013, Nr. 258, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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