Bahar ist schön wie eine Prinzessin

Polterabend mit 300 Gästen, Hennazeremonie, feierliche Brautabholung und eine Feier mit 800 Gästen in der Salierhalle: Eine türkische Hochzeit ist eine aufwendige Angelegenheit.

Vor vier Jahren lernten sich die heute 20 Jahre alte Bahar und der 24 Jahre alte Mehmet Islekyay in der Berufsschule in Bad Dürkheim kennen. Sie mussten zuerst eine heimliche Beziehung führen, da es der damals 16-jährigen Bahar nicht erlaubt war, einen Freund zu haben. Als das Geheimnis der beiden durch einen unglücklichen Zufall ans Licht kam, war der Ärger der unwissenden Eltern groß. Doch nach einigen Treffen der Familien und einer Kennenlernphase waren alle mit der Beziehung einverstanden und erste Hochzeitsvorbereitungen wurden getroffen. Im April 2013 folgte dann die standesamtliche Trauung in Bad Dürkheim. Jetzt waren die beiden zwar auf dem Papier offiziell verheiratet, als Ehepaar wurden sie jedoch erst nach der traditionellen Hochzeitsfeier anerkannt.

Entweder eine Woche oder einen Tag vor der Feier musste die Kina gecesi stattfinden, ein Polterabend. Das Paar entscheidet sich, die Kina gecesi eine Woche vorher zu veranstalten, um weniger Stress zu haben. Zu diesem Polterabend werden rund 300 Gäste eingeladen, der Tradition nach jedoch nur Frauen. Gefeiert wird in Bockenheim an der Weinstraße, einer Gemeinde im Landkreis Bad Dürkheim. Bahar stiehlt den anderen Gästen mit einem bis zum Boden mit Rüschen, Glitzer und Stickereien verzierten roten Kleid, das in weitem Bogen zum Boden verläuft, die Show. Es ist selbstverständlich, dass die anderen Frauen an diesem Abend nicht schöner angezogen sein dürfen als die Braut.

Es wird viel gelacht und getanzt, Speisen werden verteilt, der Abend nähert sich dem Höhepunkt. Gegen 22 Uhr zieht sich Bahar zurück und kommt kurze Zeit später in einem Bindalli, einem rot-goldenen Hennagewand, zurück. Sie trägt einen roten Schleier, der mit Goldtalern geschmückt ist. Nun findet die Hennazeremonie statt. Bahar setzt sich in die Mitte des Raumes auf einen Stuhl. Freundinnen und Verwandte laufen in einem Kreis um sie herum und tragen ein Teelicht in ihren Händen. Bahars Mutter läuft vorn, sie hält eine Schüssel mit Henna. Die Frauen singen traurige Lieder, da mit dieser Zeremonie das Verlassen des Elternhauses symbolisiert wird. Bahars Weinen ist deutlich zu entnehmen, dass sie wirklich traurig ist. Als ihre Mutter sich mit dem Henna vor sie stellt, weinen auch ihre beiden jüngeren Schwestern und die Mutter. Da die Hennabemalung nur von einer glücklich und auch lange verheirateten Frau durchgeführt werden darf, übernimmt dies Bahars Mutter. Die Braut streckt ihre rechte Faust ihrer Mutter entgegen und öffnet die Hand so lange nicht, bis ihre Mutter ihr ein Goldplättchen schenkt. Nun wird das Henna kreisförmig auf die Hand aufgetragen. Um die Gäste an dem Glück der Braut teilnehmen zu lassen, wird das Henna auch an diese verteilt. Bahars Hände werden in Tücher gewickelt. Der Schleier und damit auch die melancholische Stimmung wird abgelegt. Dann wird weiter gefeiert.

Jetzt erscheint der Bräutigam mit einigen Freunden. Um die Stimmung aufzuheitern, überraschen Bahars Freundinnen sie mit einem Tanz um das Brautpaar herum, bei dem die Frauen Masken mit Mehmets Gesicht tragen. Es wird in ausgelassener Stimmung bis in die Nacht gefeiert.

In der Woche darauf beginnt die Vorbereitung der Hochzeit am Samstag früh. Um sieben Uhr macht sich Bahars Familie nach Mannheim auf, um dort die Haare gemacht zu bekommen und geschminkt zu werden. Um 13 Uhr sind sie wieder zu Hause. "Ich bin so aufgeregt, meine Schwester sieht aus wie eine Prinzessin", sagt die fünfjährige Gülay, Bahars jüngste Schwester, während der Braut die Kleider angelegt werden. Kurze Zeit später treffen Verwandte und Freunde Bahars ein. Bahar zieht ihre weißen Brautschuhe aus und schreibt auf die Schuhsohle die Namen lediger Freundinnen und Verwandten. Der Brauch besagt, dass die Beschriftungen, die nach der Hochzeitsfeier nicht mehr zu erkennen sind, die Personen verraten, die bald heiraten werden.

Der Fotograf trifft ein. Während Fotos gemacht werden, lacht Bahar: "Eigentlich dachte ich, dass ich letzte Nacht nicht einschlafen könnte, aber ich hab voll gut geschlafen." Um 16 Uhr hat die Familie des Bräutigams hergefunden. Ihr wird jedoch nicht die Tür geöffnet. Im Wohnzimmer versammeln sich alle Gäste um die Braut. Ihr Vater legt ihr ein rotes Band um die Hüfte und setzt ihr einen roten Schleier ins Haar. Das Band steht für die Jungfräulichkeit und die Ehre. Bahar macht nun die Runde und küsst allen älteren Gästen die Hand. Alle sind sehr gerührt und weinen.

Vor dem Haus beginnen derweil Mehmet und seine Familie zu tanzen, es ist Tradition, dass hierzu je ein Pauken- und ein Oboespieler engagiert werden. Die sogenannte Gelin alma, die Brautabholung, folgt. Die älteste Schwester der Braut begibt sich zur Tür. Jetzt ist alles Verhandlungssache: Die Schwester öffnet erst die Tür und gibt die Braut heraus, wenn sie einen angemessenen Preis erhalten hat. Oft bekommt man bis zu 500 Euro. Nach langer Verhandlung haben sich die Beteiligten auf 100 Euro geeinigt, und die Braut wird herausgegeben.

"Bei einer türkischen Hochzeit kann man für fast alles Geld verlangen, manchmal stellen sich sogar Leute vors Auto und verlangen Wegzoll", grinst Mehmet. Kaum hat er das ausgesprochen, springen zwei Frauen vor die weiße Limousine und verlangen Wegzoll, nun muss der Sagdic, der Trauzeuge, zahlen, er gibt ihnen 50 Euro. Die Trauzeugen sind Mehmets Onkel und seine Tante.

Der Autokorso zieht nach Bad Dürkheim zur Salierhalle, in der bereits 800 Gäste auf das Paar warten. Während die Eltern der Braut den Polterabend zahlen, zahlen die Eltern des Bräutigams die Hochzeitsfeier. Die Kosten betragen insgesamt etwa 15 000 Euro.

Jeder Gast erhält am Eingang ein Päckchen mit Mandeln, sie symbolisieren das Leben, das sowohl bitter als auch süß sein kann. Fünf Mandeln sind es, um die Wünsche, die man an das Paar richtet, zu zeigen: Glück, Wohlstand, Fruchtbarkeit, Gesundheit und ein langes Leben. Im Flur der Halle haben die Gäste einen Durchgang gebildet, rechts stehen die Frauen mit je einer Rose in der Hand, und links stehen die Männer mit einem Halay Mendili, einem Tanztuch. Mehmet führt Bahar durch den Gang. Sie eröffnen, von Klarinettenklängen begleitet, die Feier mit einem Tanz. Dann darf Mehmet Bahars Schleier gegen ein Geschenk aus Gold abnehmen. Die Gäste bedienen sich nun an einem Buffet aus Fleisch, Reis, Salat, Obst und Nüssen. Anschließend gibt es eine Hochzeitstorte. Nach dem Essen überreichen die Gäste ihre Geschenke, meist Geld oder Gold.

Nach der Feier schlafen die beiden in ihrer eigenen Wohnung, denn die Braut darf nicht mehr zu Hause wohnen. "Es waren zwar ziemlich stressige Wochen, aber ich mag diese Traditionen, und ich bin glücklich", sagt Bahar. Und Mehmet nickt ihr lächelnd zu.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bahar ist schön wie eine Prinzessin
Autor
Lisa Werle
Schule
Leininger-Gymnasium , Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2013, Nr. 264, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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